Michael Hanekes „Happy End“

Gegen Unglück hilft kein Idyll

Von Andreas Kilb
 - 17:23
© X-Verleih/Warner Bros., FAZ.NET

In diesem Film betrachten wir einen Rollstuhlfahrer beim Versuch, sich das Leben zu nehmen. Der gelähmte Greis schiebt sich mühsam über das Trottoir einer Vorstadtstraße, als ihm eine Gruppe dunkelhäutiger Männer entgegenkommt. Er spricht sie an, deutet auf die Straße, auf der Lastwagen und Pkw in stetem Strom vorbeirollen, und holt ein paar Geldscheine aus seiner Brieftasche. Wir verstehen nicht, was er sagt, aber wir sehen das Befremden in den Gesichtern der Schwarzen, die abwehrend erhobenen Hände, das Kopfschütteln. Der Handel findet nicht statt. Die Männer gehen weiter. Der Greis setzt mit versteinerter Miene seinen Weg ins Leere fort. Zum Glück wissen wir, dass die Szene gespielt ist, denn wir kennen den Mann im Rollstuhl. Es ist einer der größten Schauspieler des europäischen Kinos. Es ist Jean-Louis Trintignant.

Den Filmen des österreichischen Regisseurs Michael Haneke wird oft vorgeworfen, sie seien kalt, sie ließen die Zuschauer mit ihren Rätseln allein, sie predigten Moral auf dem Rücken ihrer Figuren. In Hanekes neuem Film „Happy End“ kann man erkennen, dass das zugleich stimmt und nicht stimmt. Die Szene mit dem Rollstuhlfahrer auf der Straße ist herzzerreißend, wenn man, wie wir, ihre Vorgeschichte kennt. Und sie ist auf eine absurde Weise komisch. Die Kamera verstärkt diese Komik, indem sie das Geschehen aus großer Entfernung aufnimmt, von einem Ort auf der anderen Straßenseite. Die Männer, mit denen der Alte verhandelt, stammen erkennbar aus dem „Dschungel“, dem von Migranten bewohnten Zeltlager bei Calais, das im Oktober 2016 aufgelöst wurde. Der Greis dagegen ist einer der reichsten Unternehmer der Stadt.

Erst vergiftet sie ihren Hamster, dann ihre Mutter

Im Kino können wir Unglück leichter ertragen, wenn es in einem größeren Zusammenhang stattfindet, sei es ein Krieg, eine Naturkatastrophe oder ein Familienschicksal. „Happy End“ aber beginnt mit zwei Unglücksfällen ohne Anlass. Am Anfang sehen wir Aufnahmen aus einem Smartphone, die ein Teenager, ein Mädchen, an seine Freundin schickt. Sie zeigen, wie die Absenderin zuerst ihren Hamster vergiftet und dann ihre Mutter. „Wie leicht es ist, jemanden ruhigzustellen.“ Dann blicken wir durch eine Überwachungskamera auf eine Baugrube. Am Rand stehen Dixi-Toiletten. Ein Arbeiter betritt eins der Häuschen. Dann stürzt die Betonwand der Grube ein. Die Toiletten werden in die Tiefe gerissen. Im Off hört man eine Stimme fluchen. Die Unfallstelle wird abgesperrt.

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Das Link, die Verbindung zwischen beiden Szenen, ist die Familie Laurent, der die Baufirma gehört. Eve, das Mädchen, das seiner Mutter Gift ins Essen mischt, ist die Tochter aus erster Ehe von Thomas (Mathieu Kassovitz), dem Sohn von Georges (Trintignant), dem Gründer der Firma. Thomas’ Schwester Anne (Isabelle Huppert) leitet jetzt das Unternehmen, ihr Sohn Pierre (Franz Rogowski) ist für die schlampige Bauausführung verantwortlich. Anaïs, die zweite Frau von Thomas, ihr Baby und die tunesischen Hausangestellten ergänzen das Bild.

Nach und nach bricht die bürgerliche Fassade zusammen

Drei Generationen einer Familie: Das ist eine klassische Konstellation des abendländischen Romans, von den Rougon-Macquart über die Buddenbrooks bis zu Kempowski und Franzen, und das Kino hat sich immer wieder lustvoll und langatmig daran bedient. Nicht so Haneke. Sein Film zieht das Familiendrama auf wenige Monate zusammen, in die alles hineinpasst, was er erzählen will: die Schadensabwicklung des Bauunfalls, die Suizidversuche des Patriarchen, die Feier zu seinem fünfundachtzigsten Geburtstag, schließlich die Abwicklung der Firma selbst. Vieles, das für die Geschichte wichtig ist, passiert jenseits der Leinwand: Dass Eves Mutter gestorben ist, erfahren wir erst, als Thomas mit seiner Tochter das Landhaus in Südfrankreich ausräumt, in dem das Mädchen gewohnt hat. Es war ein Paradies. Aber gegen Unglück hilft kein Idyll.

Das gilt auch für die Stadtvilla der Laurents in Calais, die von edlen Büchern und Bildern, von Stilmöbeln, Seidentapeten und Silberlüstern strotzt. Doch die Kultur hilft nicht mehr, jedenfalls nicht denen, die sie geerbt haben. In der zweiten Generation, bei Thomas, der seine Unruhe in wechselnden Affären auslebt, und bei der berechnenden Anne hält die bürgerliche Fassade noch, in der dritten bricht sie zusammen. Pierre, der neurotische Enkel, lebt seine Komplexe in einer Karaokebar aus. Die hochverschuldete Baufirma geht an ihm vorbei an eine englische Bank. Am Ende ist es Pierre, der die Kriegsflüchtlinge aus Afrika ein zweites Mal auf die Szene holt. Die Familienfeier, die durch diesen Auftritt gesprengt wird, wäre in einer Kostümfernsehserie der krönende Abschluss des Geschehens gewesen. Hier ist man froh über die Peinlichkeit, die das peinliche Ganze aus Make-up und Manieren zerreißt.

In „Happy End“ verzichtet Haneke auf eifernde Symbolik

Vor einem Vierteljahrhundert hat Haneke schon einmal eine Geschichte über einen Mord im Kinderzimmer erzählt: „Bennys Video“. Das Mädchen Eve, könnte man sagen, ist die filmische Schwester des Jungen Benny. Aber anders als Benny bekommt sie bei ihm eine Chance. Sie besteht darin, dass sie den einzigen Menschen trifft, der ihre Verzweiflung teilt, den alten Georges. In dem Moment, in dem Eve, gespielt von der zwölfjährigen Fantine Harduin, das Zimmer des Patriarchen betritt, hört Hanekes Kino auf, kalt zu sein. Der Greis erzählt ihr zwei Geschichten: Eine handelt von der Grausamkeit der Natur, die andere von der Liebe zwischen den Menschen, einer Liebe, die im Tod nicht erlischt. Es ist, in einer Schneekugel, die Botschaft des Filmregisseurs Michael Haneke, und dass er sie derart ungeschützt offenbart, liegt auch daran, dass er in Jean-Louis Trintignant den Schauspieler gefunden hat, dem er sie in den Mund legen kann.

Im Rückblick wird auch klar, wie weit Haneke in seiner Arbeit an dem, was er als „Schrecken und Utopie der Form“ bezeichnet, im Kino gelangt ist. In seinen frühen Filmen hat er Uhrwerke aus Bildern gebaut, in denen die Darsteller nur kleine Rädchen waren, und in „Funny Games“ hat er den Mechanismus mutwillig gesprengt. Seit der „Klavierspielerin“ aber hält er Zeigen und Erzählen in einer Balance, die mit den Jahren immer perfekter und müheloser wirkt. Insofern ist „Happy End“ tatsächlich ein Spätwerk, aber eines, das auf die eifernde Symbolik vieler Altersfilme verzichtet. Der Greis im Rollstuhl, der gegen Bezahlung unter die Räder kommen will, ist nicht das alte Europa, und die dunkelhäutigen Männer um ihn herum verkörpern nicht die Zukunft. Die Szene lebt aus sich selbst heraus, sie übertrifft alle Deutungen, die man ihr geben könnte, durch ihre schiere Wucht. Ebendeshalb kann man sie nicht vergessen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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