Kino

Randale in Pseudo-Berlin: „Mission: Impossible 3“

Von Peter Körte
 - 17:02
© FAZ.NET mit Material von United International Pictures, FAZ.NET mit Material von United International Pictures

„Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?“ fragte vor mehr als dreihundert Jahren der Philosoph Leibniz. Wenn man einem Hollywood-Produzenten diese Frage vorlegte, dann würde der ganz einfach antworten: Weil man aus nichts kein Sequel machen kann. Das ist nicht bloß die Formel für „Mission: Impossible 3“, es ist auch die heimliche Paradoxie der sogenannten Sommer-Blockbuster, deren Armada „Mission“ in diesem Jahr als Flaggschiff anführt: Erst wenn die letzte Fernsehserie adaptiert, der letzte Comic umformatiert und der letzte Film sein eigenes Remake erlebt hat, erst dann wird man merken, daß es mal wieder einen Originalstoff braucht.

Denn sieht man von der Bestsellerverfilmung „The Da Vinci Code“ ab, besteht der Rest der Hoffnungsträger auch in diesem Sommer aus Sequels, Prequels oder Remakes, wobei oft schon das „Original“ ein verkapptes Sequel war - auch „Mission Impossible“ geht ja ursprünglich auf eine Fernsehserie zurück, die in Deutschland unter dem Titel „Kobra, übernehmen Sie“ lief.

Jetzt bläst ein Fernsehmann den alten Fernsehstoff auf

Ansonsten schaut Superman diesen Sommer mal wieder vorbei, die „Piraten der Karibik“ nehmen den zweiten, die „X-Men“ den dritten Anlauf, Wolfgang Petersen läßt die „Poseidon“ von 1972 noch einmal kieloben übers Meer treiben, und Michael Mann hat ein Kino-Update seiner wegweisenden Achtziger-Jahre-Serie „Miami Vice“ angefertigt.

Da klont auch Tom Cruise lieber sich selbst. Er hat dafür allerdings eine Weile gebraucht, weil er als sein eigener Produzent erst einen passenden Regisseur suchen mußte. David Fincher war schnell wieder weg, Joe Carnahan hatte kreative Differenzen mit Cruise, und so kam der 39jährige J. J. Abrams ins Spiel, der manchen als Fernsehgott gilt. Immerhin hat er „Alias“ miterfunden und „Lost“. Cruise soll sogar derart begeistert gewesen sein, als er sich eine ganze Staffel von „Alias“ am Stück ansah, daß er zwischendurch immer wieder aus dem Sessel sprang - was nach seinem Auftritt als lebender Hüpfball im amerikanischen Fernsehen ziemlich glaubhaft ist. Und irgendwie hat es ja auch seine Logik, daß jetzt ein Fernsehmann den alten Fernsehstoff aufbläst.

Im Allerheiligsten durfte er nicht drehen

„M:i:III“ also, wie der Film weltweit auf den Plakaten genannt wird, läßt das Unmögliche mal wieder zur lösbaren Aufgabe schrumpfen, und das klingt dann wie der Slogan eines Berliner Handwerksbetriebs, der die Erledigung des Unmöglichen für sofort verspricht - Wunder dauerten ein wenig länger. Daß der Film nicht auch in Berlin spielt, daß nur einmal ein Schriftzug „Berlin, Deutschland“ eingeblendet, diese Behauptung aber durch die uniforme Abbruchästhetik einer Fabrikhalle kaum beglaubigt wird, daran ist Wolfgang Thierse schuld, der es ablehnte, Tom Cruise eine Drehgenehmigung für den Reichstag zu erteilen.

Statt durch die Kuppel zu turnen, muß Agent Ethan Hunt nun zwischen zwei Hochhäusern in Schanghai die Technik des Bungee-Jumping weiterentwickeln und in einem zum Vatikan aufgebrezelten Palazzo außerhalb von Rom durch finstere Gewölbe kriechen. Auch der Papst hat den Scientologen natürlich nicht ins Allerheiligste gelassen.

Aus dem Reisekatalog jedes Agentenfilms

J. J. Abrams hat dabei durchaus ein Gespür für aufregende Bildkompositionen, doch er verschleudert sie, als wären sie nur für den kleinen Bildschirm gemacht, wo grandiose Totalen zum unscharfen Gewimmel tendieren. Seine Choreographie für zwei Hubschrauber und ein Dutzend Windräder ist definitiv eine Welturaufführung: ein Rotorblätterballett mit viel Feuerwerk, eine gelungene Symbiose des Analogen mit dem Digitalen.

Der handelsübliche Exotismus - Randale in Pseudo-Berlin, Explosionen im Pseudo-Vatikan und auf einer Brücke in Virginia, Seiltricks in Schanghai - bebildert dann jedoch genau den Reisekatalog, mit dem jeder Agentenfilm seit James Bond seinem Publikum Weltläufigkeit simuliert. Wobei diese Art von Globaltourismus mitunter dazu führt, daß man die Dinge durcheinanderbringt wie Cruise bei seiner Tochter, deren Name im Hebräischen leider nicht „Prinzessin“ bedeutet, sondern zwischen einem Jungennamen (in Hindi), „Taschendieb“ (im Japanischen) und „Spitznase“ (in einigen indischen Dialekten) changiert.

Wen interessiert, ob der Held nun heiraten will?

Ein wenig lachhaft wird die gewohnt solide, bisweilen auch spektakuläre Actionchoreographie nur, weil sich alle möglichen Beteiligten in Presseheft und Interviews äußern, als hätten sie an einer schwierigen Charakterstudie gearbeitet. Der Agent als Mensch mit Privatleben, die Agenten als Team statt Ethans Einmannshow, das habe diesmal eine große Rolle gespielt - stünde es nicht gedruckt, hätte es niemand gemerkt.

Welcher Actionfan, der klare Linienführung, ballistische Präzision und ausgefeilte Mechanik schätzt, interessiert sich schon ernsthaft dafür, ob der Held nun heiraten will oder wie nett die Familie der Braut ist? Man kann auch nicht behaupten, daß aus Cruise' Filmhochzeit mit der wirklich toll anzusehenden Michelle Monaghan so etwas wie eine Dramaturgie entstünde. Zum Bang-Bang kommt ein Kiss-Kiss dazu - aber das ist eher peinlich und bemüht.

Cruise, der mit Sicherheit humorloseste Superstar

Und wer in der vergangenen Woche noch mal „Mission: Impossible“ von 1996 im Fernsehen gesehen hat, dem wird schon in der ersten Viertelstunde aufgefallen sein, mit wieviel mehr Eleganz und Sophistication ein Brian De Palma seine Ouvertüre gestaltete. Auch John Woo, der beim zweiten Teil (2000) nicht gerade mit Cruise harmonierte, konnte noch seine filigranen Schwertkämpferetüden retten. Ganz zu schweigen davon, mit welch feiner Ironie und welchem Esprit ein Steven Soderbergh die Teamarbeit in „Ocean's Eleven“ und „Ocean's Twelve“ zelebriert hat.

Und selbst „Mr. und Mrs. Smith“, der Sommersuperstarfilm des Jahres 2005, hatte einen schwarzen Humor, von dem Cruise, der vermutlich nicht nur erfolgreichste, sondern mit Sicherheit humorloseste Superstar, nicht mal träumen kann. Statt zu lachen, bleckt er immer nur die Zähne, fletscht sie auch schon mal vor Wut - doch es sieht bloß so aus, als könnte man das an- und ausknipsen wie wir Verbraucher eine 100-Watt-Birne. Und der Einfall des Schurken, Cruise' Superagenten im Stile eines Hals-Nasen-Ohren-Arztes einen Mikrosprengsatz ins Gehirn zu jagen, bringt einen nur auf Gedanken, die nicht unbedingt mit dem Film zu tun haben.

Die wahre „Mission: Impossible“: Stuntman seiner selbst

Ob „M:i:III“ nun die Einspielergebnisse seiner beiden Vorgänger erreicht, ist daher fraglich - gerade wegen Tom Cruise. Daß es immer ein wenig peinlich ist, wenn Cruise mit Schauspielern wie Philip Seymour Hoffman (als psychopathischem Waffenhändler) in den Ring steigt, daß er dabei immer ein wenig wirkt wie Katsche Schwarzenbeck neben Beckenbauer, ist nicht das Problem - es war bislang eher eine Art Erfolgsgeheimnis.

Die wahre „Mission: Impossible“ besteht darin, ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt, das Tom Cruise in den letzten zwölf Monaten hauptsächlich als eher verwirrten Sektenprediger und öffentliche Nervensäge erlebt hat, als Stuntman seiner selbst zu überzeugen. Und da hilft es auch nicht viel, daß Cruise alle Stunts selbst erledigt haben soll.

Quelle: F.A.Z., 26.04.2006, Nr. 97 / Seite 41
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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