Kinofilm „Fack ju Göhte 3“

Abi nun, ach!

Von Bert Rebhandl
 - 11:18
© Constantin Film, FAZ.NET

Wenn es für „Abschaum“ einen eigenen Numerus Clausus gäbe, dann wäre die 4,0, mit der Zeynep aus der Goethe-Gesamtschule das Abi schafft, wahrscheinlich ein großer Erfolg. Sie freut sich jedenfalls tierisch, auch wenn sie damit einen Zehntelpunkt schlechter ist als ihre beste Freundin Chantal, die mit 3,9 über die Ziellinie geht, hinter der das richtige Leben beginnt. Ein Leben als „wertvolles Mitglied der Gesellschaft“, was für die Schüler in der „Fack Ju Göhte“-Reihe in etwa so leicht vorstellbar ist, wie für deren Lehrer die Entzifferung der jugendkulturellen Codes ihrer Schutzbefohlenen.

In einem Land, in dem Bildung das politische Mantra der größten denkbaren Koalition ist und ein paar klassische Bildungsromane eine ferne Erinnerung an nicht lineare Wege zur Bestimmung im Leben wachhalten, in so einem Land sind die „Fack Ju Göhte“-Filme so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner für die Zulassung zum Lernen, das hinter der Abischwelle auf lebenslang gestellt wird.

Im aktuellen dritten Teil der Reihe „Fack Ju Göhte 3: Final Fack“, beginnt das Lernen mit der Bibliotheksbenutzung. Schon das Besteigen einer Klappleiter ist mit den Plateausneakers, die Chantal gern trägt, eine eigene Lernaufgabe. Und dann muss sie in dem dicht bestückten Regal auch noch den Band finden, der neben Foucault steht – ein Gag am Rande, mit dem Regisseur Bora Dagtekin vielleicht einen größeren Horizont abstecken wollte, denn eigentlich hat sich die französische Diskursanalyse und Machtkritik in der deutschen Pädagogik nie in größerem Stil durchgesetzt. Und Foucault ist ja insgesamt eher Plusquamperfekt, oder Plusheidiklumperfekt, wie das entsprechende Tempus an der Goethe heißt.

Verfasst von einem gewissen Reclam

Neben Foucault müsste eigentlich „Faust II“ stehen, ein kanonisches deutsches Werk, von dem die Rasselbande hier zum ersten Mal erfährt, nachdem sie sich in Teil 2 schon mit dem ersten Teil (verfasst von einem gewissen Reclam, noch immer eine der besten Pointen der ganzen Trilogie) auseinanderzusetzen hatte. Bora Dagtekin nimmt hier aber eine von vielen unvermuteten Abzweigungen, und bei der Lehrprobe von Zeki Müller geht es dann nicht um „Faust II“, sondern um „Homo Faber“ von Max Frisch, der in der Bibliothek eigentlich rechts von Foucault stehen müsste. Der Homo Faber ist der Ahnherr all derer, die über die MINT-Fächer das Land für eine Zukunft tauglich machen sollen, in der von Faust dann nur noch die Landnahme unterrichtet würde. Da hat sich Bora Dagtekin eigentlich einen Witz entgehen lassen, über den aber wohl nur ein paar Pädagogen gelacht hätten.

Die „Fack Ju Göhte“-Reihe lässt sich insgesamt selbst als Lernexperiment sehen. Der erste Teil war eine krachend reaktionäre Männerfantasie, in der aus dem Lehrer Zeki Müller ein „Arsch mit Herz“ werden sollte, ohne dass dabei die Geschlechter- und Autoritätsvorstellungen aus den fünfziger Jahren angetastet werden mussten. Im zweiten Teil legte der Regisseur und Autor Dagtekin das Gewicht stärker auf die Schülergruppe um Chantal, Zeynep, Danger und Burak, das Ergebnis sah stark nach einem Film aus, der direkt aus dem Smartphone kam, hatte aber Herz und Hirn.

Der dritte Teil übertreibt es aber jetzt mit den guten Absichten, in deren Zeichen alles Mögliche evaluiert und auf Vordermann gebracht wird. Zuerst natürlich das Idol, das alles zusammenhält: Für Zeki Müller (Elyas M‘Barek, ein Sympathieträger ersten Ranges) war die Schule ja immer nur ein Ort, an dem er schnell ein krummes Ding drehen wollte, er blieb aber hängen. Nun wird er endgültig zum Vorbild einer lebensnahen Pädagogik, die Lehrer an ihrer Straßentauglichkeit misst. „Straße“ bedeutet im sonnigen München lauschige Kiosk-Ecken oder gar Parkwege, auf denen man Teile der Mannschaft des FC Bayern beim Joggen treffen kann. (Mats Hummels und Elyas M‘Barek wurden ja auch bei der Geburt getrennt – hier wird die Wiedervereinigung vorbereitet.) Neben Zeki Müllers Lehrprobe muss auch die Goethe-Gesamtschule selbst eine Prüfung bestehen, nämlich die durch einen Schulprüfer, der unter anderem Erfolge bei der Schülerzeitung „Klassenfur““ und im Kunstunterricht einfordert – passenderweise wird aus dem Schüler Danger ein Wutkünstler, der dafür sorgt, dass Jackson Pollock jetzt im Grab rotiert.

Ein jeder lernt, was er lernen kann

Die Hauptaufgabe in „Final Fack“ ist aber das Abi für die Peergruppe, mit der Deutschlands Kino vier schöne Jahre hatte. Jella Haase, die Darstellerin der Chantal, ist im richtigen Leben schon Mitte zwanzig, also höchste Eisenbahn, sie aus der Schule zu kriegen. Interessanterweise dreht Bora Dagtekin die Sache so, dass die eigentliche Prüfungsaufgabe zuerst einmal eine moralische ist: Schwindeln oder Lernen, das ist eine Alternative, eine Grundsatzentscheidung zwischen Opferrolle (mit den entsprechenden Versorgungsansprüchen) und Selbstverantwortung. „Fack Ju Göhte“ war bei aller vorgeblichen Anarchie immer auf der konstruktiven Seite, am Ziel der maximalen Integration wurde von Anfang an nicht gerüttelt.

Bleibt also, wie bei allen Komödien, die Frage nach der Qualität der Hindernisse und Umwege, oder, genauer gesagt, nach der inneren Organisation der chaotischen Umstände, aus deren Überwindung die Erleichterung kommt, die sich dann weglachen lässt. Wollte man als Filmkritiker einmal den Deutschlehrer machen, und „Final Fack“ wie einen Abiaufsatz zum Thema „Multikulturelles Lernen an Brennpunktschulen mit unglaublichen Handyfutteralen“ beurteilen, müsste die Bewertung reserviert ausfallen. Es fehlt an etwas Entscheidendem: an Struktur. Der erzählerische Faden ist einerseits zu dick, andererseits zu verworren.

So torkelt „Final Fack“ fast zwei Stunden lang in alle Richtungen, und versucht sich an einer Zusammenfassung amerikanischer Komödientrends der letzten zwanzig Jahre (wobei die Ekelvariante hier als Zäpfchen verabreicht wird). Eigentlich ist die Komödie ja das Genre mit dem größten Formbewusstsein, die bislang erfolgreichste deutsche aber endet im Niemandsland zwischen Form und Inhalt und hat.. Nicht in der Schule, sondern im Kino lernen wir eigentlich das wahre Leben. Davon aber haben diese drei Filme im Innersten dann doch nur eine sehr unklare Vorstellung.

Quelle: F.A.Z.
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