Video-Filmkritik

An der Schlachtplatte der Kinogeschichte

Von Verena Lueken
 - 13:29
© F.A.Z., Universum, F.A.Z., Universum

Siebzig Millimeter Ultra Panavision! Eine Ansage durchs Format, die bedeuten soll: großes Kino. Zumindest die Erinnerung daran. Ein Werk, das nicht aufs Smartphone passt. Von einem Filmemacher, der sich seine Visionen nicht schmälern lässt, einem, der mit einer Handvoll anderer, in Liebe zu ihren Erinnerungen ein bisschen wahnsinnig gewordener Kollegen eine Firma, nämlich Kodak, dazu bringt, Rollfilm in dieser Breite (und in einer Länge von 600 Metern für ausführliche, ungeschnittene Szenen) herzustellen, und eine andere, nämlich Panavision, in ihren Kellern graben zu lassen, um die entsprechenden Objektive zutage zu fördern. Was für ein Aufwand! Und dann gibt es kaum mehr Kinos, in denen noch die entsprechenden Projektoren stehen. Manchmal ist, wenn die Projektoren da sind (wie in den Filmmuseen), die Leinwand zu klein. Was für ein Schlamassel!

Und wozu das alles? Für „The Hateful Eight“, Quentin Tarantinos achten Film, wie der Vorspann vermerkt. Einen Western, für den nicht die gloriose Geschichte des Hollywood-Genres Vorbild und Weidefläche war, sondern der Spaghetti-Western der Sechziger. Und dort nicht etwa eine Serie wie „Django“, sondern ein Solitär, nämlich Sergio Corbuccis „Leichen pflastern seinen Weg“, der im Schnee spielt und im Original „Il grande silenzio“ hieß, was Tarantino offenbar zum Anlass genommen hat, in seinem Schneewestern für ununterbrochenes Gequassel zu sorgen. Dies ist sein, das darf verraten werden, in Bild und Ton geschwätzigster Film.

Nach dem Krieg hat der Major umgesattelt

„The Hateful Eight“ hat eine längere Vorgeschichte, ausgerechnet im Netz, wo vor zwei Jahren das Drehbuch illegalerweise die Runde machte, woraufhin Tarantino sagte: „Diesen Film drehe ich nicht mehr“, sich beleidigt zurückzog, vorübergehend. Er überlegte sich die Sache dann doch, und jetzt ist der Film da, in diesem wahnsinnigen Format (er läuft aber auch im üblichen, in den meisten Kinos), und dort, wo er in voller Größe und Breite projiziert wird, gibt es, wie früher, eine Ouvertüre und eine Pause nach dem dritten Kapitel.

Am Anfang ist Schnee. Viel Schnee über weiter Landschaft, eine dicke Schicht auf einem Kruzifix, an dem bald eine Kutsche vorbeifahren wird. Jenseits des Kruzifixes sitzt, wie wir kurz darauf sehen werden, Samuel L. Jackson in der Rolle des Majors Marquis Warren, des ehemaligen Majors, muss man sagen, aber die blaugelbe Unionsuniform trägt er noch, auch wenn er nach dem Krieg auf Kopfgeldjäger umgesattelt hat. Er sitzt auf zwei steifgefrorenen Leichen.

Wenn der Kopfgeldjäger feuchte Augen bekommt

In der Kutsche sitzt Kurt Russel in der Rolle von John Ruth, seinerseits ebenfalls Kopfgeldjäger. Er bewacht mit gezogener Pistole Jennifer Jason Leigh in der Rolle von Daisy Domergue, der er bereits ein blaues Auge geschlagen hat, bevor der Film losging. Die beiden Kopfgeldjäger palavern ein bisschen, angesichts der Lage, dass die Kutsche sich vor einem gewaltigen Schneesturm in Sicherheit bringen muss, vielleicht ein bisschen zu lange; doch dann nimmt Major Marquis Warren ebenfalls in dieser Kutsche Platz. Seine zwei Toten, für die er Lösegeld kassieren will, kommen aufs Dach.

John Ruth hingegen liefert seine Geldbringer lebend ein, um sie dann hängen zu sehen. Deshalb heißt er auch „The Hangman“. Und obwohl er Daisy bald den Ellenbogen ins Gesicht rammt, so dass ihr das Blut aus der gebrochenen Nase über Gesicht und Hals tropft, streckt er ihr doch auch galant die Hand entgegen, wenn sie schließlich aus der Kutsche steigen. Aber bis es dazu kommt, dauert es eine ganze Weile. Tarantino lässt sich Zeit. So viel Zeit, dass das alles etwas umständlich wirkt, dass die Dialoge ihren Witz verlieren, dass sich der Eindruck einstellt, wir würden hingehalten - woraufhin aber? Auf das Blutbad, auf das dies alles notwendig hinausläuft?

Der Weg in der Kutsche ist jedenfalls lang. Und Ruth und Warren reden weiterhin viel. Über die Kopfgeldjagd. Über den Bürgerkrieg, der erst seit ein paar Jahren vorbei ist. Ein Brief von Präsident Lincoln, den Major Marquis Warren nahe seinem Herzen trägt, wird herausgeholt, glattgestrichen, vorgelesen. John Ruth hatte darum gebeten, er bekommt immer feuchte Augen, wenn er den Wortlaut hört, was offenbar schon häufiger der Fall war. Dann treffen sie einen Mann, der behauptet, der nächste Sheriff von Red Rock zu sein, Chris Mannix heißt, für die Südstaaten gekämpft hat und von Walton Goggins gespielt wird. Auch er will mit in der Kutsche fahren, auch er will aus dem Schnee raus, auch mit ihm muss lange diskutiert werden, bevor er einsteigen kann. Mit ihm bekommen die Dialoge eine rassistische Würze, die Luft wird dicker.

Alle liefern ab, wofür sie bezahlt werden

Und endlich sehen wir, wofür das gigantische Format gut ist: Pferde im strengen Galopp, die Kamera auf ihre Fesseln gerichtet, wo der Schnee stäubt, die Geschwindigkeit zur Zeitlupe verlangsamt, während die Sonne glitzernde Kristalle aufs schwitzende Fell zaubert. Dazu die Musik von Ennio Morricone, der schon bessere Scores geschrieben hat, für „Il grande silenzio“ zum Beispiel. Will Tarantino uns auf den Arm nehmen? Den Blick weiten, bevor er uns nach drinnen verbannt, in „Minnies Kleinwarenladen“, aus dem Minnie allerdings verschwunden ist und in dem die Passagiere Zuflucht vor dem Schneesturm finden? Dort bleiben sie dann für den Rest des Films mehr oder weniger. Wir also auch.

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In dem Saloon, darum handelt es sich, treffen wir die vier Personen, mit denen die „hassenswerten acht“ dann vollzählig sind: den seltsamen Mexikaner Bon, einen tagebuchschreibenden Cowboy-Dandy namens Joe Gage, einen uralten Konföderierten-General und einen Engländer in lächerlichem Aufzug, der behauptet, der nächste Henker von Red Rock zu sein. Den Dandy spielt Michael Madsen, den Engländer Tim Roth, Bruce Dern ist als alter General dabei und Demian Bichir als Mexikaner. Fast alle also aus der weiteren Tarantino-Familie, und alle liefern ab, wofür sie bezahlt werden: lässiges Abwarten, schnellfeuergewehrartige Dialogsequenzen, ungerührten Waffeneinsatz, langsames, oft schmerzhaftes, aber nicht unwilliges Sterben. Samuel L. Jackson ist der Geheimnisvollste von ihnen, obwohl er derjenige ist, der er vorgibt zu sein, was für die meisten anderen nicht zutrifft. Und er ist es auch, der die irrste Geschichte zu erzählen hat: von einem Südstaatler, der hinter ihm her war und den er auf eine Weise demütigte, die alle rassistischen Klischees in sich vereinigt.

Ein angeblich substantieller Beitrag

Ansonsten nimmt seinen Lauf, was wir von Tarantino kennen: Die Erzählung wird durchschossen von Rückblenden, nach der Pause berichtet der Regisseur selbst aus dem Off, was in der Zwischenzeit vorgefallen ist, es wird weiterhin geredet und geredet und geredet, übers Kaffeekochen, über den Bürgerkrieg, über Gerechtigkeit. Neu aber ist, wie Daisy, die ja schon ein blaues Auge und eine blutige Nase hat, weiterhin mit ekligen Substanzen überschüttet wird - erst mit Eintopf, der in ihrem Haar hängenbleibt, wo noch kein Blut klebt, dann mit einem Blut- und Mageninhaltsschwall, als einer der Männer mit Kaffee vergiftet wird, schließlich mit Blut, Gehirn und Schädelsplittern eines anderen, hinter dem sie sitzt, als ihm der Kopf weggeschossen wird. Das Format sorgt dafür, dass jedes Knochenstückchen, jeder Bluts- oder sonstige Tropfen und auch die Lücken der schließlich ausgeschlagenen Zähne überdeutlich sichtbar werden. Eine besudeltere Frau hat man im Mainstreamkino wohl kaum je gesehen, und dass auch dies, wie die Rache in „Kill Bill“ oder „Death Proof“, ein Zeichen für das feministische Engagement des Regisseurs sein soll, das kann nur ein Witz sein. Auf der Schlachtplatte der Kinogeschichte, an der Tarantino sich bedient, liegen inzwischen auch seine eigenen Filme, „Reservoir Dogs“ besonders appetitlich drapiert, gleich neben Brian De Palmas „Carrie“ (die blutbesudelte) und John Carpenters „The Thing“ (das niemals eine Tür öffnet), den beiden deutlichsten Bezügen jenseits der Spaghetti-Western. Wohin führt das? Zu einer neuen Originalität oder nur zu weiteren Verbeugungen, Insiderjokes in arroganter Ich-zeig’s-euch-allen-Pose?

Tarantino hat immer wieder darauf verwiesen, die Gewaltexzesse in seinen Filmen seien als Inszenierungen fiktiver Vorfälle vollkommen harmlos im Vergleich zu den tatsächlichen Gewaltverhältnissen, auf die sie rekurrieren. Dagegen lässt sich einerseits nicht argumentieren. Aber Tarantinos neuer Film feiert seine blutigen Orgien im Reich der Affekte, des Horrors und Splatters, während der Regisseur behauptet, etwas Substantielles zur Frage der Rassenbeziehungen beizutragen. Dagegen lässt sich dann doch die Frage einwenden, ob seine Blutbäder den Zuschauer emotional oder intellektuell an einen Ort führen, an dem sich ein Aufenthalt lohnen würde. Nun, beim achten Film, heißt die Antwort: nein.

Berliner Zoo-Palast
Tarantino feiert „Hateful 8“-Premiere
© AFP, afp
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena (lue.)
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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