Video-Filmkritik

Brechen wir noch ein, oder brechen wir schon aus?

Von Andreas Kilb
 - 12:56
© Studiocanal GmbH/ Claudette Barius, F.A.Z.

Wenn man sich fragt, was eigentlich vom wilden, bunten, unberechenbaren amerikanischen Independent-Kino der achtziger Jahre geblieben ist, dann lautet die Antwort: Steven Soderbergh. Gewiss, Jim Jarmusch ist immer noch aktiv, und Richard Linklater hat vor vier Jahren mit „Boyhood“ einen wirklich großen Film gedreht (und seitdem nichts Nennenswertes mehr). Aber der wahre Posterboy des unabhängigen Kinos bleibt Soderbergh, schon deshalb, weil er sich nicht auf seinen Independent-Lorbeeren ausruht, sondern immer mal wieder einen Tango mit Hollywood tanzt – und manchmal, wie zur Jahrtausendwende mit „Erin Brockovich“ und „Traffic“, auch zwei. Damals war er mit beiden Filmen für den Oscar nominiert und gewann ihn für keinen (nur für „Traffic“ bekam er den Regiepreis). Es war der Höhepunkt und der Wendepunkt seiner Karriere. Er hatte dem System ein Bein gestellt und war selbst darübergestürzt.

Vor fünf Jahren hat Soderbergh diesen Trick auf andere Weise wiederholt. In verschiedenen Interviews kündigte er an, dass er mit dem Kino Schluss machen und sich endlich als richtiger Künstler betätigen wolle, als Theaterregisseur etwa oder als Maler, vielleicht, wer weiß, auch als Schriftsteller. Fortan sah jeder Film von Soderbergh wie ein Rücktrittsgrund aus, und das tat den Filmen nicht gut – dem Agentinnenthriller „Haywire“ so wenig wie dem Stripperdrama „Magic Mike“ oder dem Psychokrimi „Side Effects“. Und natürlich hielt sich Soderbergh nicht an seine Ankündigung. Kaum hatte er sie ausgesprochen, merkte er, dass er dabei war, sich in jene Vorhölle des Vergessens zu manövrieren, aus der es im Filmgeschäft selten eine Wiederkehr gibt.

Auf dem Sprung auf die Sonnenseite des Lebens

Deshalb drehte er rasch noch eine vielgelobte Filmbiographie des Entertainers Liberace und die Krankenhaus-Serie „The Knick“, produzierte das Sequel zu „Magic Mike“ und eine weitere Fernsehserie nach seinem Film „The Girlfriend Experience“ von 2009 und half nebenbei seinem Freund Spike Jonze mit dem Schnitt von dessen Spielfilm „Her“. Dann sollte die ersehnte Pause kommen. Aber sie kann nur wenige Wochen gedauert haben, denn schon im Februar vergangenen Jahres begann Soderbergh mit den Dreharbeiten zu einem neuen Film, der jetzt ins Kino kommt: „Logan Lucky“.

Wenn es eine Konstante in Steven Soderberghs filmischem Kosmos gibt, dann ist es die Inkonstanz: Auf nichts ist Verlass. Das gilt auch für „Logan Lucky“, der mit dem Bild eines Mannes beginnt, der vor einer Hütte in West Virginia an seinem Pick-up-Truck herumschraubt und dabei seiner kleinen Tochter erklärt, warum „Country Roads“ von John Denver sein Lieblingssong ist. In der nächsten Einstellung sehen wir den Mann auf einer Baustelle unter dem Charlotte Motor Speedway arbeiten, der großen Nascar-Rennstrecke im Nachbarstaat North Carolina. Er wird gefeuert. Geschieden ist er sowieso: Das Töchterchen war nur zu Besuch. Aber Jimmy Logan (den Channing Tatum verkörpert, Soderberghs Lieblingsschauspieler der letzten Jahre) hat einen Plan. Wie in allen Verlierergeschichten geht es dabei um den großen Coup, den Sprung auf die Sonnenseite des Lebens.

Vor dem Einbruch steht der Ausbruch

Die Gelenkigkeit, mit der Soderbergh seine Stoffe entwickelt – das Drehbuch zu „Logan Lucky“ hat anscheinend seine Ehefrau Jules Asner unter dem Pseudonym Rebecca Blunt geschrieben, die Kamera und den Schnitt besorgte er wie so oft selbst – hat eine Kehrseite: den Mangel an Originalität. „The Good German“ sah wie eine endlose Verbeugung vor Billy Wilder aus, „Solaris“ wie eine Schulstunde mit Kubrick und Tarkowski, „Full Frontal“ wie ein Godard-Film auf Kokain. Auch das Terrain, auf dem „Logan Lucky“ siedelt, ist nicht jungfräulich; die Coen-Brüder haben es seit dreißig Jahren immer wieder bearbeitet, am schönsten in „Fargo“ und „No Country for Old Men“. Aber Soderbergh hat diesmal den Vorteil, dass er die Gaunerstory, die das Skript in diese Hillbilly-Welt pflanzt, in seiner „Ocean“-Trilogie bereits rauf- und runterbuchstabiert hat. Jimmy Logan ist Danny Oceans kleiner Bruder, und wo damals Casinos und Luxusvillen standen, drehen jetzt Tourenwagen dröhnend ihre Runden. Und mit Riley Keogh, die Logans autoverrückte Schwester spielt, hat Soderbergh sogar eine würdige Nachfolgerin für Julia Roberts gefunden.

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Es geht um Handicaps in „Logan Lucky“, reale und soziale. Jimmy Logan hat nach einem Sportunfall ein steifes Knie. Sein Bruder Clyde (Adam Driver) hat im Irak-Krieg seinen linken Unterarm verloren. Die Brüder Sam und Fish, ihre Helfer bei dem geplanten Raubzug, sind Trottel wie aus dem Bilderbuch. Ihr Bruder Joe Bang (Daniel Craig) dagegen ist ein Genie im Safeknacken, hat aber dafür das größte Handicap: Er sitzt hinter Gittern. Damit der Einbruch im Rennstadion gelingt, müssen die Logans zuerst einen Ausbruch organisieren, wofür Clyde wiederum ins Gefängnis gehen muss.

Was die großen Studios an Soderbergh verloren haben

Die vertrackte Logik des Plots gibt Soderbergh Gelegenheit, immer neue Figuren einzuführen, bis selbst die Kamera momentweise den Überblick zu verlieren scheint. Aber der Mechanismus des Gangstermärchens hält die Erzählung jedes Mal in der Spur. Das Schöne an Soderberghs besseren Filmen ist ja, dass sie die Pose des Rebellen, die ihr Schöpfer regelmäßig einnimmt, in Wahrheit gar nicht nötig haben. Sie sind amerikanisches Kino vom Feinsten, naiv und clever, weltläufig und provinziell zugleich, ein Spiegel jener Gegensätze, die das Land selbst immer mehr zu zerreißen scheinen. Auf der Leinwand leuchten sie noch.

Und Steven Soderbergh bleibt ein Player im großen Spiel. Die dreißig Millionen Dollar, die „Logan Lucky“ kostete, hat er ohne einen Cent aus Hollywood durch Verkäufe ins Ausland finanziert, selbst die Verleihfirma, die den Film in Amerika ins Kino brachte, ist seine eigene Gründung. Jetzt müssen die großen Studios nur noch erkennen, was sie an ihm verloren haben, und ihm ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann. Unabhängig bleibt er sowieso.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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