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Video-Filmkritik

Seine Erleuchtung kommt unter Wasser

Von Bert Rebhandl
 - 14:57
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Filmkritik „Swimming With Men“Wasserballett gegen die Midlife-Crisis

„Sie müssen ja sehr gut bei Sudoku sein.“ Dieses zweifelhafte Kompliment gibt Eric, einem mittleren Angestellten in einer englischen Firma, endgültig den Rest. Mit den Zahlen hat er es zwar tatsächlich, er ist ein „numbers man“, zu Deutsch: ein Buchhalter. Gefühlt übt er diese Tätigkeit seit dreihundert Jahren aus, und dabei ist es auch kein Trost, dass er in einem Großraumbüro immerhin einen eigenen Glaskasten hat. Er ist also ein wichtiger Buchhalter. Eric steuert aber auf einen Wendepunkt zu. Passenderweise versucht er seiner latenten Depression durch Schwimmen zu entkommen. Das ruhige Ziehen von Bahnen macht zwar schön müde, die Monotonie wird dadurch aber nur verstärkt.

Eines Tages hat Eric eine Epiphanie. Im Schwimmbad. Unter Wasser, wo man durch die Brille sowieso alles ein wenig surreal sieht. Eric sieht strampelnde Männer in Badehosen. Die Badehosen sind in einigen Fällen die eine oder andere Nummer zu klein. Und Eric begreift auch nicht gleich, was er hier vor sich hat. Dazu bedarf es dann doch der mündlichen Erläuterung bei einem Bier. Eric ist auf eine Gruppe männlicher Snychronschwimmer gestoßen, die ihrem Tun gern höhere Weihen geben: „This club is an idea.“ „This club is a protest.“

Da fragt sich natürlich, wogegen? Auf dieser Ebene bekommt die Komödie „Swimming With Men“ von Oliver Parker etwas Existentielles, denn der Protest der sieben ausgesucht unterschiedlichen Männer richtet sich gegen etwas, an das nicht appelliert werden kann: gegen das Vergehen der Zeit, gegen die Zumutungen des Alters, gegen die Unwägbarkeiten des Lebens. Das könnte man alles auch bei einem Bier besprechen, aber dann wäre der Club nur ein Stammtisch. Synchronschwimmen ist ein Sport, den man vor allem mit jungen Frauen assoziiert. Es hat also schon etwas Eigensinniges, wenn ein paar ältere Säcke sich entschließen, die Kunst des „Schwebens“ als soziale Form zu üben. Es hat auch etwas Gesuchtes, denn Synchronschwimmen für Männer ist so etwas wie ein Orchideenfach selbst in einem Land, das für exzentrische Steckenpferde bekannt ist.

Im strikten Sinne Kunst um der Kunst willen

Der springende Punkt an dem Drehbuch von Aschlin Ditta ist also, dass er seine Idee nicht zu sehr ausreizt. Er muss das „Swimming With Men“ so normal wie möglich erscheinen lassen, er muss mit dem homosozialen Aspekt eines unwillkürlich als „schwul“ angesehenen Sports klug umgehen, und er muss ein gutes Verhältnis zur Tradition suchen. Denn es gibt ein berühmtes Vorbild, jedenfalls im weiteren Sinn: „The Full Monty“ erzählte 1997 von einer Gruppe arbeitsloser Männer aus Sheffield, die sich zu einem Stripperensemble zusammenfinden.

Geld spielt für die Männergruppe in „Swimming With Men“ keine Rolle, auch wenn Eric gern seinen Job kündigen würde. Die Bemühungen um ein ordentliches Wasserballett sind vielmehr im strikten Sinne Kunst um der Kunst willen, also zwecklos, abgesehen von einem therapeutischen Effekt für Männer, die sich in der berühmten Krise in der Mitte des Lebens befinden, auf sie zusteuern oder sie schon absolviert haben. Eric ist so tief mittendrin, dass er selbst einen unbedeutenden Kollegen seiner Frau, die gerade in die Politik gegangen ist, als Nebenbuhler sieht.

Ein ausgeprägt chaostheoretischer Zuschnitt

Er zieht ins Hotel, während sich in der Kommune eine Krise abzeichnet, die viel mit den gegenwärtigen Realitäten in Großbritannien zu tun hat: die lokale Bibliothek soll geschlossen werden. Gleichzeitig soll Eric für einen reichen Trottel (bei dem man von ferne an Bono von U2 denken soll) ein steuervermeidendes Finanzkonzept entwickeln – kleine Gehässigkeiten heben auch in so einer Komödie die Laune.

Auch wenn die eigentliche Disziplin hier nicht das Figurenschwimmen ist, sondern das gelungene Leben, braucht es doch einen Wettbewerbsaspekt, um die Geschichte auf Touren zu bringen. In Mailand wird eine Konkurrenz ausgelobt (strikt nicht olympisch), das Team Britain will daran teilnehmen, und entwickelt dafür eine Kür mit einschlägigen Themen: Die Nummer heißt „wilting flowers“ („welkende Blumen“), sie hat einen ausgeprägt chaostheoretischen Zuschnitt, aber irgendwann ist das Muskelgedächtnis so weit konditioniert, dass die Nummer halbwegs sitzt – ob man damit gegen die „Art Swim Gents“ aus Skandinavien bestehen kann, die es wirklich gibt, und von denen Aschlin Ditta sich so weit inspirieren ließ, dass er sie gleich in den Film hineingeschrieben hat, ist dann gar nicht mehr von entscheidendem Belang.

Von den Heldenepen seit Homer nicht berücksichtigt

Die Unterhaltungskunst steckt bei „Swimming With Men“ im Detail wie in der Gesamtanlage – gerade Komödien sind ja von allen Filmgenres diejenigen, die sich auch am besten als komplizierte Choreographien begreifen lassen, und nur wenn alles perfekt ineinandergreift, kann man wirklich auf dem Niveau lachen, das angestrebt ist. In Sachen Schauspiel haben die Filme von der Insel selten ein Problem.

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Auch in diesem Fall passt, mit Rob Brydon in der Hauptrolle angefangen, jede Figur, eine Hervorhebung verdient noch Jane Horrocks, die Erics Frau spielt. Die glorreichen Sieben, denen Eric sich als Achter anschließt, vertreten das männliche Geschlecht (britische Spielart) in allen wesentlichen Teilaspekten, die von den Heldenepen seit Homer nicht berücksichtigt wurden.

Die Formel muss man erst einmal mit Leben füllen

Und bei all dem meint man immer, etwas von einem genuinen Selbstbewusstsein zu spüren, mit dem eine traditionsreiche Filmnation sich den Schwächen der menschlichen Gattung zuwenden kann. Im englischen Kino wurde in den letzten Jahrzehnten auch eine Menge zerstört. In „Swimming With Men“ ist aber eine Kontinuität erkennbar, die von der Verschrobenheit der klassischen Ealing-Komödien (benannt nach dem gleichnamigen Studio) über zahlreiche großartige Fernsehserien bis in eine Gegenwart reicht, in der die Komödie als Genre längst algorithmisch entschlüsselt und weltweit auf Formel gebracht ist.

Die Formel muss man aber erst einmal mit Leben füllen: acht abblühende Männer finden in einem abgelegenen Metier ihre Bestimmung. Klingt ein bisschen wie dramaturgisches Sudoku, ist aber in „Swimming With Men“ bis zu dem gelungenen Schlusspunkt mit einer Trockenübung deutlich mehr als nur Lachen nach Zahlen.

Quelle: F.A.Z.
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