Video-Filmkritik

Alles ist anders

Von Andreas Kilb
 - 10:38
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Filmkritik „The Killing of a Sacred Deer“Alles ist anders

Wer einen Film des Griechen Giorgos Lanthimos anschaut, sieht dem Kino bei der Arbeit zu. Bei der Arbeit an sich selbst. Es ist, als würde man eine Werkstatt betreten: Da ist ein Bild, dann ein zweites und drittes, aber sie passen nicht zusammen, erst eine weitere Einstellung stellt die Verbindung zwischen ihnen her; es gibt Dialoge, doch sie stammen offenbar aus einem anderen Film und müssen erst angepasst werden; eine Geschichte beginnt, aber ihre losen Teile reiben aneinander und erzeugen Hitze und Kälte gleichzeitig, bis die Spannung zwischen den Extremen die Handlung zerreißt. Manchmal, wie in „Dogtooth“, dem Film, mit dem Lanthimos bekannt wurde, trennen sich sogar die Wörter von den Dingen, ein Salzstreuer heißt plötzlich „Telefon“, ein Sessel „das Meer“. Doch solange die Werkstatt in Gang bleibt, solange die Hämmer des Kinos schlagen, möchte man Lanthimos alles glauben, selbst auf die Gefahr hin, am Ende mit leeren Händen dazustehen – einem aufgeschnittenen Auge, einem ausgeschlagenen Zahn und einem Kindesmord, der vielleicht keiner war.

Lanthimos’ neuer Film „The Killing of a Sacred Deer“ beginnt mit dem Bild eines schlagenden Herzens. Die Brusthöhle, in der es liegt, wird gerade zugenäht, die Operation ist geglückt. Dann unterhalten sich zwei Ärzte auf dem Krankenhausflur über wasserdichte Uhren, und einer (Colin Farrell) steigt in sein Auto und trifft sich mit einem älteren Jungen (Barry Keoghan) in einem Café. Martin ist nicht Stevens Sohn, dazu sind sich die beiden zu fremd; aber wer ist er dann? Zu Hause, beim Abendessen mit seiner Musterfamilie in seiner Mustervilla am Rand der großen Stadt, spricht der Herzchirurg mit verkrampfter Beiläufigkeit über sein Treffen mit dem Jungen. Man beschließt, Martin ins Haus einzuladen. Dann sind wir im ehelichen Schlafzimmer, Stevens Frau Anna (Nicole Kidman) schlüpft aus ihrem Nachthemd, aber sie legt sich nicht neben ihn, sondern ans andere Ende des Bettes, breitet Arme und Beine aus wie eine Patientin auf dem Operationstisch und fragt: „Allgemeinanästhesie?“ – „Allgemeinanästhesie“, antwortet er.

Es gibt eben doch einen Gott

Wie passt das alles zusammen? Irgendwann erfahren wir, dass Martin der Sohn eines Patienten ist, den der Chirurg, bevor er mit dem Trinken aufhörte, in alkoholisiertem Zustand operiert hat, so dass er starb. Und noch viel später heißt es, Stevens Tochter habe eine Klassenarbeit über den Mythos von Iphigenie geschrieben, die griechische Königstochter, die von ihrem Vater Agamemnon in Aulis geopfert wurde, damit die Flotte der Achäer nach Troja segeln konnte. So lässt sich immerhin der Titel des Films erklären: Agamemnon hatte sich den Zorn der Göttin Artemis zugezogen, weil er in ihrem heiligen Hain einen Hirsch getötet hatte. Aber natürlich ist in „The Killing of a Sacred Deer“ ebenso wenig ein Stück Rotwild zu sehen, wie in Lanthimos’ letztem Film „Lobster“ ein Hummer über die Leinwand kroch. Der Mythos, das Schicksal, das Verhängnis: Sie liegen in der Luft, sie ballen sich außerhalb des Bildes, bis sie plötzlich verheerend und grausam auf die Lebenden herabzucken.

Zunächst sieht das, was zwischen Martin und Stevens Familie passiert, wie eine normale Kontaktaufnahme aus. Der Junge kommt zum Essen, flirtet mit der Tochter, zeigt dem Sohn seine Achselhaare. Dass es um etwas anderes geht, erweist sich, als der Chirurg zum Gegenbesuch geladen wird. Mit Martins Mutter (Alicia Silverstone) schaut er sich „Groundhog Day“ im Fernsehen an, den Film, in dem Bill Murray immer denselben Wintertag von vorn erlebt. Dann versucht sie ihn auf plumpe Art zu verführen. Steven flüchtet, und Martin gibt ihm bald darauf zu verstehen, dass das ein Fehler war. Am nächsten Morgen ist der Sohn des Chirurgen von der Hüfte abwärts gelähmt. Er kommt ins Krankenhaus, wird untersucht und entlassen, als er wieder gehen kann, aber auf der Rolltreppe nach draußen bricht er abermals zusammen. Die Kamera schaut von hoch oben zu, wie das Kind auf die Stufen fällt, mit gnadenloser Geduld. Es gibt eben doch einen Gott in „The Killing“, und sein Blick gehört der Regie.

Zu den Spielregeln im Horrorfilm gehört, dass die Opfer erst allmählich erkennen, wer ihnen ans Leben will, und dass der Täter übernatürliche oder wenigstens außergewöhnliche Kräfte hat. Von beidem kann hier keine Rede sein. Alle Handelnden sind von Anfang an im Bild. Und die Gewalt, die sich ereignet, hat keine sichtbare Ursache, sie kommt aus dem Nichts. Alles, was wir erfahren, ist, dass das Unheil immer weiter voranschreiten wird, solange der Chirurg keine Sühne für den Tod seines Patienten geleistet hat.

Aus der mythischen Untat wird ein ärztlicher Kunstfehler

Er wisse schon, was er zu tun habe, sagt Martin zu Steven, und tatsächlich weiß dieser, wie sich am Ende zeigt, ganz genau, was von ihm verlangt wird. So gesehen, ist „The Killing of a Sacred Deer“ eine aktualisierte Lesart des Atridenfluchs, bei dem auch niemand je eine Wahl hatte. Im griechischen Mythos begann alles damit, dass Tantalos den Göttern seinen eigenen Sohn zum Mahl vorsetzte, um ihre Allwissenheit auf die Probe zu stellen. Von da an war seine Sippe dazu verurteilt, in jeder Generation ihr eigenes Blut zu vergießen. In der modernen Variante ist aus der mythischen Untat ein ärztlicher Kunstfehler geworden, aber die Mechanik des Unheils ist die gleiche. Nur dass an die Stelle der zornigen Götter das kalte Auge der Kamera tritt.

Manchmal hat man bei Lanthimos das Gefühl, dass es schon genügt, hinzuschauen, damit etwas Schreckliches passiert. Die perspektivischen Tricks des Kameramanns Thimios Bakatakis verstärken dieses Unbehagen. Die Flure im Krankenhaus öffnen sich bei ihm wie klaffende Wunden. Die dämmrigen Räume im Haus des Chirurgen wirken wie Grabkammern. Die Außenwelt der anonymen amerikanischen Großstadt, in der der Film gedreht wurde (es ist Cincinnati), scheint wie unter einem Pesthauch erstarrt. Nicole Kidman, die in ihren besten Rollen immer etwas Geisterhaftes hat, spielt virtuos mit dieser Atmosphäre des Unwirklichen. Jederzeit, meint man, könnten auch ihr die Beine wegsacken. Aber dann legt sie sich wie eine Puppe aufs Ehebett, als wäre nichts passiert, und schließt die Augen. Also wieder Vollnarkose? Genau.

Man wird diese Filme nicht los. Man kann sie nicht vergessen, egal, ob sie, wie „Lobster“, vom Terror organisierter Partnerwahl oder, wie „The Killing of a Sacred Deer“, von Schuld und Blutrache im säkularen Paradies handeln. Sie bringen Chaos in die Ordnung der Bilder, sie stören den Familienfrieden des Kinos, und vielleicht liegt darin ihre wichtigste Qualität: dass sie die filmischen Erzählformeln, an die wir uns gewöhnt haben, als Beschwichtigungsformeln entlarven. Morgens Frühstück, nachmittags „Star Wars“, abends Vollnarkose, das geht eine ganze Weile gut. Bis das Verhängnis zuschlägt. Lanthimos zeigt uns, wie.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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