Video-Filmkritik „The Poetess“

Mit Bescheidenheit vertreibt man das Übel

Von Bert Rebhandl
 - 11:53
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Filmkritik „The Poetess“Wie eine Frau Saudi-Arabien veränderte

Die saudi-arabische Dichterin Hissa Hilal hat einmal eine schöne Definition von ihrer Berufung gegeben: „Ich sammle Schönheit und Bedeutung in meinen Worten.“ Im Jahr 2010 sorgte sie weltweit für Aufsehen, als sie in Abu Dhabi an einem Poesie-Wettbewerb teilnahm, bei dem sie in jeder Hinsicht eine Außenseiterin war: Schon die Tatsache, dass sie als Frau in diesem Rahmen einer glamourösen Fernsehshow ihre Stimme erhob, erschien vielen Traditionalisten anstößig; und dann nahm sie auch keinerlei Blatt vor den Mund, sondern trug in einer der Finalrunden ein Gedicht über Fatwas vor, das nur als eine Anklage der saudi-arabischen Religionspolitik verstanden werden konnte.

Bei alldem hielt sie sich strikt an die gesetzlich vorgeschriebene Kleidungsdisziplin ihres Heimatlandes: sie trat vollständig verhüllt auf, selbst zwischen den Augen trug sie ein Stück schwarzen Stoffes.

„Mit Bescheidenheit vertreibt man das Übel“, sagt Hissa Hilal wie zur Erklärung an einer Stelle des Dokumentarfilms „The Poetess“. Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff konnten für dieses Porträt einer ungewöhnlichen Frau auf reichlich Archivmaterial zurückgreifen, vor allem aber sind sie Hissa Hilal so nahe gekommen, wie dies bei den weiterhin gültigen Anstandsregeln gerade noch möglich – und international zeigbar – ist.

Die Seele der Gesellschaft

Seit einer Woche ist „The Poetess“ bereits auf Premierentour, ursprünglich hätte die Protagonistin nach Deutschland kommen sollen. Doch aufgrund der aktuellen Ereignisse in Saudi-Arabien hat Hissa Hilal sich entschlossen, nicht zu reisen: Vergangene Woche wurden fünf Frauenrechtlerinnen und zwei Anwälte unter dem Vorwurf der Spionage verhaftet, in einer überraschenden Abwendung von der scheinbaren Liberalisierungspolitik, die man dem jungen Thronfolger Mohammed bin Salman zuschreibt.

Eine der Forderungen der saudi-arabischen Feministinnen spielte auch für Hissa Hilal eine wichtige Rolle: Frauen sollen mehr für sich selbst entscheiden dürfen, bisher geht fast nichts ohne Einverständnis eines (männlichen) Vormunds oder des Ehemanns. So musste Hissa Hilal, als sie sich dazu entschloss, an dem Casting für die Show „Poet der Millionen“ teilzunehmen, erst einmal ihre eigene Familie überzeugen. Bei ihrem Mann gelang dies ohne größere Mühe, er kommt als Journalist selbst aus der schreibenden Zunft, aber die väterliche Familie war skeptisch.

Eine der Qualitäten des Films „The Poetess“ liegt darin, dass er erstmals ausführlicher den sozialen Hintergrund von Hissa Hilal anschaulich werden lässt: das Leben mit einer Beduinenfamilie, die 1975 die traditionelle Lebensweise aufgeben musste und nach Riad zog. Aus diesen frühen Erfahrungen stammen einige der Überzeugungen, von denen Hissa Hilal sich bis heute leiten lässt: „Frauen sind die Seele der Gesellschaft.“

Ganz hinten die einzige Teilnehmerin

1979 besetzten revolutionäre Gruppen das muslimische Zentralheiligtum in Mekka. Dieses Ereignis gilt als Wendepunkt und wird auch von Hissa Hilal so verstanden. Damals wurde Saudi-Arabien zu der penibel nach Geschlecht getrennten Gesellschaft, in der selbst Hochzeiten in zwei Gruppen gefeiert werden. Die Vollverschleierung hatte bei den Beduinen noch einen konkreten Sinn, sie schützte vor der Sonne und vor dem Blick von Fremden. Erst später wurde sie zu einem erzwungenen Konformitätszeichen, mit dem Hissa Hilal in Abu Dhabi deutlich macht, dass sie keineswegs zu einer radikalen Reformation aufruft. Sie wendet sich nur gegen eine „Religion der Rigidität“, mit der sich die arabischen Gesellschaften ihrer Meinung nach isolieren. Ironischerweise verwendet die aufwendig produzierte Show in Abu Dhabi die Bilder vom Beduinenleben als einen mythischen Hintergrund für den Kult um die Dichtkunst, der hier durchaus auch mit Bemühungen um die kulturelle Führungsrolle im arabischen Raum verbunden wurde.

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Bei „Poet der Millionen“ traten Kandidaten aus nahezu allen Ländern der Region an. Die Kamera fährt mit Schwung die Reihe der optimistisch winkenden Männer ab, dann erst steht ganz hinten die einzige Teilnehmerin.

Bei der Rekapitulation der Konkurrenz im Jahr 2010, über die damals weithin berichtet wurde, fällt die Zurückhaltung der beiden Filmemacher Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff besonders ins Auge. Sie verzichten nämlich vollständig auf einen Kommentar, der über die Selbstaussagen von Hissa Hilal hinausgeht. Gerade bei den kurzen, öffentlichen Zwiegesprächen der Dichterin mit den Juroren wäre es unter Umständen hilfreich gewesen, eine zusätzliche Verständnisebene einzuziehen: denn über die poetische wie die politische Qualität der vorgetragenen Gedichte wüsste man gern mehr, da wären Handreichungen zum besseren Verständnis hilfreich. Allerdings ist dies eine anspruchsvolle Aufgabe, denn man kann da auch nicht einfach einen deutschen Professor zu Rate ziehen, der das erklärt.

Die Stimme hinter dem Schleier erheben

So muss man hier ein bisschen der eigenen kulturellen Intuition vertrauen, wenn Hissa Hilal in einem Gedicht Klage gegen die Männer führt, die ihre Frauen durch junge „tramps“ ersetzen, wenn ihnen danach ist. Ob das noch ein subversives Spiel mit der Wüstenromantik ist, die „Poet der Millionen“ in einem High-tech-Studio beschwört, oder schon explizite Gedankenlyrik, das sind Facetten, an denen sich etwas über den Einzelfall dieser mutigen Frau hinaus erhellen ließe, etwas über das Kräftespiel am Golf, das auch mit Fernsehformaten ausgetragen wird.

Allerdings sind diesen Implikationen Grenzen gesetzt durch die große Nähe, die die Filmemacher zu der Protagonistin gefunden haben. „The Poetess“ kann im Grunde nur solidarisch mit der Dichterin Hissa Hilal sein. Das heißt, es kann kein Film „über“ sie sein, sondern der Film muss selbst Teil dieser Strategie, dieses Pakts werden, den Hissa Hilal mit ihren Auftritten mit sich selbst geschlossen hat: Sie wollte weder sich selbst noch einer ganzen Kultur den „Schleier“ der Verdrängung der Frauen vom Gesicht reißen, sondern sie wollte ausdrücklich von dahinter die Stimme erheben.

In „The Poetess“ gibt es kein Untersichsein, wie immer wieder in Filmen aus Iran, sondern in diesem Fall gibt es nur den extrem beschränkten und doch immer ausdrücklich öffentlichen Raum, den Hissa Hilal für sich und auch für ihre deutschen Sympathisanten erobert hat.

Quelle: F.A.Z.
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