Video-Filmkritik: „Valerian“

Dekolonisiert den Kosmos!

Von Dietmar Dath
 - 17:23
© Universum, F.A.Z.

Wenn man unbedingt selbst erleben will, was Luc Besson in seinem neuen Film vorführt, muss man sich betrinken und zum Hauptbahnhof einer beliebigen westeuropäischen Großstadt gehen: Konfuse Wesen, falsche Sitten, unaufdringliche Lebensgefahr, dort drüben schnattern drei geflügelte Watschelrüssel, weiter hinten streichelt eine bleiche Prinzessin einen kleinen Schildkrötendrachenhamster, der perlenförmige Atomkraftwerke futtert, und wer vor der Abreise noch schnell was einkaufen will, muss unsere gewohnten drei Raumdimensionen sowie die ihnen eng verbundene Zeitdimension verlassen, um sich in eine perpendikular zur Realität kompaktifizierte höhere Raumordung aus Myriaden kleiner Läden zu begeben, direkt neben der Rolltreppe.

Die verrückte Kachelung einer Wüstenebene mit den elementaren Basiszellen dieses Hypereinkaufszentrums gehört zu den zahllosen zotteligen Ideen, die Besson zwischen die bunten Handlungsfäden von „Valerian – Stadt der tausend Planeten“ geflochten hat. Die beiden Hauptfiguren dieser Veranstaltung könnten nicht unterhaltsamer eingeführt werden als in der Szene, in der sie arbeitsteilig in diese Wüstenphantomwelt eindringen, einen Auftrag erledigen und wieder abhauen müssen: Wenn Valerian und Laureline sich sogar da zurechtfinden, wo jedes irdische Navigationssystem krepieren müsste, dann kann das Publikum den beiden ja vertrauensvoll folgen, wohin immer das Drehbuch sie zieht oder schubst.

Das hat sie ihm beigebracht

In den Comics des Zeichners Jean-Claude Mézières und seines Autors Pierre Christin ist jener Valerian seit 1967 ein Raum-Zeit-Agent aus der Zukunftsmetropole Galaxity, der mit seiner Laureline eines der romantisch-abenteuerlichsten Traumpaare der Science-Fiction bildet, harmonisch-streitlustiger noch als Han Solo und Prinzessin Leia in „Star Wars“. Bei Besson verkörpert den tapferen Valerian der einunddreißigjährige Schauspieler Dane DeHaan, der für die Rolle so, wie sie mit Alain-Delon-Charme und Jean-Paul-Belmondo-Kanten auf Zeichenpapier vorgeformt wurde, zwar eine Spur zu jung ist, diesen Makel aber mit ansprechendem Eifer und schönen mimischen Lausbubenideen ausgleicht. Bessons Laureline ist Cara Delevingne – feingliedriger und zerbrechlicher als die Comicfigur, aber ihr ebenbürtig an Tiefenfeuer im Blick und gefräßiger Intelligenz, die sich sofort alles einverleibt, was es im weiten Weltraum zu entdecken und zu lernen gibt.

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Bei Mézières und Christin entspricht die Valerian-Laureline-Beziehung ungefähr der Gleichung „Erotische Anziehung ist gleich gemeinsame Risikobereitschaft minus berufliche Arbeitsteilung multipliziert mit gegenseitiger Erziehung hoch individuelle Emanzipation“. Im Film bleibt davon übrig, dass Valerian den interstellaren Flugstil der Partnerin kritisiert und sie dafür mit scharfen Fingernägeln an seinem Narzissmus kratzt. Als der pflichtbewusste, aber ein bisschen phantasiearme Held endlich so handelt, wie sein im Grunde anständiger Charakter es von ihm verlangt, sagt die Gefährtin mit Recht: „Das habe ich ihm beigebracht.“

Comics, die das Weltniveau vorgeben

Zwischen Wangenküsschen (allerliebst, wann hat man das in einer Kinoromanze zum letzten Mal gesehen?) und Action funktioniert diese Beziehung bei Besson mehr als ordentlich, bedenkt man, dass er im Interesse der Plot-Übersichtlichkeit die Wurzeln seines Zentralpaars ein bisschen beschnitten hat, auf die Gefahr hin, die Motivation beider Gestalten zu reduzieren. Im Original liest Valerian seine Laureline im irdischen Mittelalter auf, im Film dagegen hat sie eine Universitätsausbildung genossen, ist ihm also sozial mindestens nicht unterlegen, während die Beziehung im Comic unter anderem davon lebt, dass sich diese Frau gleichzeitig in der Geschlechter- wie in der Berufs- und der Wissensdimension zuerst einmal ihren Platz erkämpfen muss. Im Gegensatz zu manchen Superheldencomicverfilmungen der letzten Jahre sind Held und Heldin in „Valerian“ also ein bisschen flacher als die Originale.

Der Hauptreiz von Bessons Film liegt indes ohnehin woanders als bei ihnen, nämlich beim filmischem Zugriff auf die Tradition des frankobelgischen Science-Fiction-Comics, die diesem Genre mit erstklassigen Werken von „Valerian et Laureline“ über die in den Achtzigern geschaffenen „Incal“-Geschichten des Duos Moebius und Jodorowsky bis hin zu Lewis Trondheims und Olivier Vatines im letzten Jahr begonnener „Infinity 8“-Serie längst das Weltniveau vorgibt. Im Science-Fiction- (wenn schon nicht im Superhelden-)Comicfach sind die Amerikaner Nachzügler.

Die besten Minuten im Film gehören ihr

Jene frankobelgische Tradition denkt das Künftige und Außerirdische von Paris und Brüssel aus, statt es wie das kinobeherrschende Hollywood-Blockbusterwesen um Kulturelles, Wirtschaftliches, Technisches und Politisches aus New York, Washington und Los Angeles zu gruppieren. Europa hat andere Ideen von der Zukunft und eine längere Geschichte (die außerdem mindestens ein Jahrhundert länger Weltgeschichte ist als die des heutigen amerikanisierten Westens). Aus dieser europäischen Tiefenzeit kommt nun das Menschheitsverbrechen, das Besson in „Valerian“ in die Zukunft verlegt: der Kolonialismus im europäischen Imperialismus. Der Planet Mül, eine Art Südsee-Afrika, wird erst kaputtgemacht, dann jagen die Hochtechnisierten auch noch seinen übriggebliebenen im All verstreuten Naturresourcen hinterher (in Wirklichkeit, auf der Erde, war’s eher umgekehrt, aber so herum gibt’s heftigere 3D-Bilder).

Die Leute von Mül wirken afrikanisch, wenn auch mit wächsern-weißlicher Haut – triftiger ist die emphatische Unnatürlichkeit computergenerierter Bilder im Kommerzkino selten für die Suggestion sozialer Fremdheit genutzt worden. Nicht nur mit diesen Wesen gelingt Besson überraschenderweise etwas, das man eher aus den Vereinigten Staaten erwartet hätte: die (manchmal allerdings verkürzende, versimpelnde) Popularisierung des sogenannten Afrofuturismus, einer Strömung der Science-Fiction, die zwischen den Büchern von Octavia Butler oder Nnedi Okorafor, der Musik von Sun Ra oder Janelle Monáe und der bildenden Kunst der Otolith Group die westliche Modernität mit spekulativen Erzählwerken an ihre gewaltsame Ur-Akkumulation von geraubtem Reichtum und unterworfenen Fremden erinnert.

Die Zivilisation, in der das Genre „Science-Fiction“ entstand, trug und trägt mehr als nur ein bisschen Barbarei mit sich herum, davon handelt Bessons Film, daher nimmt er die in dieser Häufung fürs Popcornkino neue Fülle afrofuturistischer und afrodiasporischer Anspielungen zwischen Kostümierung, Musik (etwa Reggae) und Besetzung. Der große Jazzinnovator Herbie Hancock hat eine Gastrolle, und die allerbesten Minuten im Film gehören Rihanna, einer der wichtigsten und besten schwarzen Popkünstlerinnen derzeit. Dass Bessons spektakuläre Aneignung einer Leidensgeschichte, von der die eigenen weißen, westlich-nördlichen Vorfahren profitiert haben, nicht ohne ästhetische Fallen ist, von denen der Film auch in die eine oder andere tappt, und dass ihre Verarbeitung afrofuturistischer Inspiration diese hin und wieder arg vulgarisiert, dass man also etwa im afrofuturistischen Online-Magazin „Fiyah“ (http://www.fiyahlitmag.com/) einen frischeren, besseren Zugang zu jenem Material bekommt als mit „Valerian“, ist das eine. Dass Besson aber einen sehr achtbaren, in vielem geglückten Versuch gewagt hat, den Traum „Zukunft“ von kolonialistischen Denk- und Wahrnehmungsmustern zu lösen, die ihn historisch entstellen, ist das andere, sehr Nötige und Erfreuliche.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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