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Video-Filmkritik

Altar für den Gangster: „Public Enemy No. 1“

Von Bert Rebhandl
 - 15:37

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© Senator, Senator

Was haben John Dillinger, Jacques Mesrine, Chuck D. und Bushido gemeinsam? Sie alle haben einmal den Titel „Staatsfeind“ getragen, entweder von eigenen Gnaden oder als Zuschreibung einer gebannten Öffentlichkeit. Die Rapper nahmen dabei nur eine Rhetorik auf, die in eine Zeit zurückführt, da das Gemeinwesen noch herausforderbar schien - und sei es durch ein paar versprengte Bankräuber im amerikanischen Heartland. In einer demokratischen Gewaltenteilung hat der Staatsfeind Nummer 1 keinen Verfassungsrang. Und doch wird die Rolle immer wieder neu besetzt, von den Massenmedien zumeist, die ein Interesse daran haben, dass sich jemand zu erkennen gibt auf der anderen Seite des Gewaltmonopols.

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Ein Staatsfeind Nummer 1 ist kein gewöhnlicher Verbrecher, aber auch kein Terrorist, der für eine Sache kämpft. Wer die erste Gewalt jenseits des Staates sein will, muss ganz auf eigene Rechnung agieren, aber an das Prinzipielle rühren, muss so weit gehen, dass am Ende alle gegen ihn sind und niemand mehr bereit ist, ihm Unterschlupf oder gar Gnade zu gewähren. Dass diese Rolle trotzdem attraktiv ist, hängt damit zusammen, dass Hybris - seit Luzifers Fall die älteste Störung der Ordnung - ein wenig zur Mangelware geworden ist. Selten hat jemand noch das Format, sich gefährlich hoch über das Gesetz und das Schicksal zu erheben, so hoch, dass einer ganzen Gesellschaft schauert.

Amoralische Erzählung

Jacques Mesrine, der in Jean-François Richets zweiteiligem Film „Public Enemy No. 1“ die im Titel benannte Rolle annimmt wie ein Amt, in das man langsam hineinwächst, hatte zweifellos das Zeug zu einem Staatsfeind Nummer 1. Und die Liste seiner Verbrechen umfasst das ganze Register der spektakulären Delinquenz: Mord, Überfall, Entführung, Erpressung, Ausbruch. Aber das Prinzipielle in seinen Taten lag ganz im Auge der Zuschauer. Das ist, wenn es denn so gemeint war, die eigentliche Pointe dieses in Frankreich äußerst erfolgreichen Films: Richet zerlegt sein Subjekt in eine lange Kette von Handlungen und präsentiert keinen synthetischen Blick, in dem es wieder zusammengesetzt wird. Man könnte von einer amoralischen Erzählung sprechen, gäbe sich der Film nicht einen Titel, in dem Moral eben gerade keine Rolle und das Gesetz die entscheidende spielt.

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Der historische Jacques Mesrine starb 1979 im Kugelhagel der französischen Polizei. Diese Tatsache kann Richet voraussetzen, er muss nicht damit rechnen, dass das Publikum ein anderes, ein dialektischeres Ende von ihm erwartet. Er kann damit die Geschichte so ansetzen, wie sie sich vom Ende her (und damit für uns im Publikum) darbietet: als Weg ohne Ziel, der aber doch deutlich schneller in den Tod führte als die meisten rechtschaffenen Leben. „L'instinct du mort“ hieß das Buch, das Mesrine während einer Haftstrafe schrieb. Für die Untertitel der zwei abendfüllenden Teile von „Public Enemy No. 1“ wurde er gewissermaßen zweimal übersetzt: Vom „Mordinstinkt“ des ersten Teils zum „Todestrieb“ des zweiten Teils steigt vor allem die innere Zerrüttung.

Die Karriere des Gangsters

Sie steht am Ende und am Anfang, denn Richet beginnt in klassischer Gangsterfilm-Manier von hinten. Mesrine (Vincent Cassel) wacht auf, in einer Wohnung ohne besondere Charakteristik. Eine typische Absteige eines Mannes auf der Flucht. Er ist in Begleitung seiner Freundin Sylvie (Ludivine Sagnier). Er weiß, dass er gejagt wird. Im Auto fühlt er sich schon ein wenig sicherer, deswegen fällt ihm nicht gleich auf, dass an einer Kreuzung eine Falle zuschnappt, aus der es für ihn kein Entkommen mehr gibt. Von diesem „point blank“ aus rekonstruiert Richet die, man kann es nicht anders sagen, Karriere von Jacques Mesrine. Er kehrt als junger Mann aus dem Algerienkrieg zurück, nimmt wieder Logis im Haus der gutbürgerlichen Eltern, heiratet ein anständiges Mädchen und begibt sich doch ohne viele Umstände in die Halbwelt von Paris, wo er in der Figur des sinistren Guido (Gérard Dépardieu) einen Mentor findet. Mesrine schreckt nicht vor Gewalt zurück, er ist unkontrollierbar, auch für die Leute, mit denen er zusammenarbeitet.

Wenn Richet einen Zusammenhang herstellen möchte zu einer vorausgeschickten Schlüsselszene aus Algerien, zu einem Moment des brutalen Befehlsnotstands, in dem Mesrine zwischen den französischen Autoritäten und den elementaren Prinzipien der Humanität eine Entscheidung treffen muss, und der späteren Rücksichtslosigkeit, dann liegt diese Verbindung gerade darin, dass sie nicht mehr gebraucht wird: Die verbrecherische Gewalt ernährt sich fortan aus sich selbst, es gibt kein originäres Motiv. Seine eigene erzählerische Logik spielt Richet hier einen Streich, denn dramaturgisch ist die Algerienszene so gesetzt, dass sie den Rest erklären helfen könnte. Aber der ganze Film danach weist jeden Gedanken an Erklärungen von sich und streift einfach mit Mesrine durch die Zeiten und Länder, von Tatort zu Tatort, mit immer neuen Fluchtfahrzeugen, Komplizen, Partnerinnen und Verfolgern.

Vom Star her gedacht

In Kanada kommt er in Kontakt mit den Separatisten, die für ein unabhängiges Québec kämpfen. Das politische Motiv nimmt Mesrine einfach so mit. Die Einzelhaft, die er in Kanada durchmacht, bringt schließlich die eigentliche Attraktion auf den Punkt, an der Richet gelegen ist: Mesrine ist für ihn ein Vitalist, ein Mann, der nicht zu bändigen ist, nicht einmal durch die Folter. Er lässt ihn in der Haft verwildern, aber in diesem Tierwerden verpuppt sich niemand anderer als der Staatsfeind Nummer 1, der danach weitermacht wie bisher, nun aber noch ein wenig deutlicher die Öffentlichkeit für seine Zwecke instrumentalisiert.

Vincent Cassel ist eine naheliegende Besetzung für die Rolle des Jacques Mesrine, weil er die gefährliche Unberechenbarkeit libidinöser Gesetzlosigkeit zu einem Markenzeichen gemacht hat; man denke an die Rolle in „Irreversible“ oder an „Eastern Promises“. Richet errichtet mit „Public Enemy No. 1“ auch einen großen Altar für diese Starpersönlichkeit und überlässt sich damit ganz der Dynamik einer zweiten Idolatrisierung von Mesrine, der ja schon zu Lebzeiten ein Star und Bestsellerautor war. In den Medien war verschiedentlich die Rede davon, dass „Public Enemy No. 1“ das französische Pendant zum deutschen „Baader Meinhof Komplex“ wäre - tatsächlich lassen sich hinter der Blockbuster-Ambition der beiden Filme vergleichbare Strategien erkennen: Geschichte wird konsequent als Ereignis begriffen, alles wird einer Entscheidungslogik untergeordnet, die ohne Motive auskommen muss. Es ist ein Kino, das so konsequent (und trivial) von den Stars her gedacht wird, dass Regie sich auf die Organisation von Auftritten beschränken kann.

Dass es auch anders gehen könnte, wird sich vielleicht in wenigen Wochen erweisen, wenn Michael Mann seine Verfilmung des amerikanischen Bestsellers „Public Enemies“ an den Start bringt. Dort treten die historischen Vorläufer von Jacques Mesrine auf: John Dillinger, Baby Face Nelson, Clyde Barrow und Bonnie Parker. Die „größte Verbrechenswelle“ in Amerika wird in „Public Enemies“ ausdrücklich mit der Geburtsstunde des FBI in Beziehung gesetzt, die Staatsfeindschaft schafft bei Bryan Burrough, der die Vorlage geschrieben hat, mehr Staat. Es ist vermutlich dieses politische Moment, das einen großen amerikanischen Regisseur wie Michael Mann an einem Stoff dieser Art interessiert. Der „Public Enemy No. 1“, wie Jean-François Richet ihn versteht, verschafft der Gesellschaft kein schärferes Bild ihrer eigenen Gefährdung, sondern verstärkt nur das mediale Rauschen, das noch den wildesten Vitalismus ohne Anstrengung einkassiert.

Teil II mit dem Zusatz „Todestrieb“ folgt am 21. Mai.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.Z.
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