Video-Filmkritik

Einander ans Ende begleiten

Von Verena Lueken
 - 17:10
© X Verleih, F.A.Z.

Der Anfang ist ein Schock. Lautes Hämmern. Stiefelgetrampel. Die Polizei bricht in eine Wohnung ein. Die Kamera steht innen, da, wo es bis eben ganz still war. In voller Montur stapfen die Beamten jetzt durch die Zimmer. Offenbar herrscht ein Gestank, denn sie halten sich Tücher vor die Gesichter. Von den Türritzen ziehen sie dickes Klebeband. Im Schlafzimmer liegt eine Tote. Verdorrte Blüten bedecken die zarte Gestalt, deren Hände gefaltet sind. Kurz streift die Kamera über ihr Gesicht zum Fenster hin. Es steht offen.

Der Anfang des Films „Liebe“ ist das Ende seiner Geschichte. Als sie, nach diesem Prolog, einsetzt, sehen wir das Publikum eines Klavierkonzerts, dessen letzte Takte wir noch hören können. Der Applaus bricht los. Und in der Menge: ein Mann und eine Frau, Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva. Für den Heimweg nehmen sie die Straßenbahn, und als sie nach Hause kommen, ist eingebrochen worden. Sie gehen der Sache nicht weiter nach.

Mit der Goldenen Palme ausgezeichnet

Und der Film verlässt diese Wohnung in Paris, die weitläufig ist und ganz offenbar unverändert blieb, seit sie vor vielen Jahrzehnten eingerichtet wurde, nicht mehr. Im Lauf der nächsten zwei Stunden werden wir die Ausstattung und die Anordnung der Zimmer genau kennenlernen: wo das Bad im Verhältnis zum Schlafzimmer liegt, wo der Salon, wie tief die Sessel sind und wo der Flügel steht, auf dem der Konzertpianist, dem die beiden Alten nach seinem Erfolg in der Künstlergarderobe gratulieren, einst das Spielen gelernt hat.

Georges und Anne - so heißen Trintignant und Emmanuelle Riva in diesem Film, mit dem Michael Haneke nach dem „Weißen Band“ vor drei Jahren in diesem Mai wieder die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat - waren Musiklehrer. Jetzt sind sie beide über achtzig. Sie lieben Landschaftsbilder, einmal tastet der Kamerablick die Gemälde an den Wänden ab und erfasst menschenleere Lichtungen unter großem Himmel oder einen Strand. Manchmal verirrt sich im Luftschacht des Mietshauses eine Taube und fliegt durchs Fenster in ihren Flur.

Wissen, wo der andere ist

Georges und Anne haben ihr Leben miteinander verbracht. Sie wissen, wo der andere ist, ohne hinzuschauen, aber sie haben sich eine Höflichkeit im Umgang miteinander bewahrt, etwas, das klarstellt, sie sind jeder für sich eine eigenständige Person. Und sie kennen noch nicht jede Geschichte, die der andere zu erzählen hat; Anne etwa kennt jene noch nicht, an welche Georges sich beim Essen einmal erinnert und die von einem Film handelt, den er vergessen hat, nicht aber das Gefühl, das er hatte, als er ihn später nacherzählte.

Natürlich gibt es auch gemeinsame Erinnerungen. Als die Krankheit sich in ihr Leben eher schleicht als einbricht und Anne, die sie trifft, bemerkt, dass ihr Sterben beginnt, fordert sie am Esstisch über eine kaum angerührte Mahlzeit, die Fotoalben anzuschauen. Georges weiß erst mal nicht, wo sie überhaupt sind. Georges und Anne hatten offenbar immer genug in der Gegenwart zu tun, ohne sich in Erinnerungen zurückziehen zu müssen.

Charismatische Darsteller

“Liebe“, ohne Zusatz, ohne Artikel - das ist ein großer Titel für einen Film. Er umfasst die Zeiten, die Lebensalter, die gemeinsam zurückgelegte Strecke, und doch zeigt uns Haneke von alldem nichts. Was wir an Vergangenem dieser beiden fiktiven Figuren spüren, liegt in dem Spiel der beiden Darsteller, und in ihren Gesichtern erkennen wir auch ein Stück unserer eigenen Geschichte wieder - es sind Gesichter, in denen das Kino der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts weiterlebt, die Erinnerungen wachrufen an Filme wie „Hiroshima, mon amour“ von Alain Resnais, in dem Emmanuelle Riva vor mehr als fünfzig Jahren zum ersten Mal in ihrer Laufbahn eine erwachsene Frau spielte, oder an Bertoluccis „Konformisten“, den Trintignant gab, und an den schüchternen Rennfahrer aus „Ein Mann und eine Frau“, den er vor sechsundvierzig Jahren für Claude Lelouch spielte.

„Liebe“ ist ein Film, in dem die Rollen seiner beiden Darsteller nachhallen und aufgehoben sind. Dennoch hat Haneke keinen Grabgesang fürs europäische Autorenkino in seiner größten Zeit gedreht, das diese beiden wunderbaren Franzosen mitprägten, sondern einen Film, der das ganze umwerfende Gefühl von Leben, das dieses Kino atmete, seinerseits noch einmal aufbietet - nur nicht so kraftstrotzend, sondern zart wie die Berührung einer alten Hand.

Zwischen Schlaganfall und Tod

Die gemeinsame Tochter von Georges und Anne, gespielt von einer der Präsentesten der nachgewachsenen Schauspielergeneration, Isabelle Huppert, kommt zweimal zu Besuch, aber sie hat längst ihre eigene Familie und ist der Liebe der Eltern entwachsen - Haneke hat auch da eine nüchterne Sicht auf die Dinge. Die Tochter hat in dem, was sich zwischen Anne und Georges jetzt abspielt, keinen Part. „Ich kann mich um deine Sorgen nicht kümmern“, sagt Georges einmal.

Jetzt - das ist die Zeit zwischen dem ersten Schlaganfall Annes und dem Tod. Als es sie erwischt, sitzt sie mit Georges am Frühstückstisch, und er bemerkt zunächst gar nicht, dass sie ins Leere starrt. Erst als sie auf ihn nicht reagiert, reagiert er auf ihre Starre. Er nimmt ein Küchenhandtuch, dreht das Wasser auf, hält das Handtuch darunter und legt ihr den nassen Lappen in den Nacken. Das Wasser lässt er laufen. Als ihr Anfall vorbei ist, dreht sie es zu. Und kann sich an nichts erinnern. Aus der Klinik kommt sie später halbseitig gelähmt zurück. Ein harmloser Eingriff, hatten die Ärzte gesagt, der fast immer gelingt. Bei Anne gelang er nicht.

Erzählen durch Weglassen

Haneke führt uns nicht durch die einzelnen Stationen dessen, was jetzt kommt, die Arztgespräche, zweiten Meinungen, Pflegeratschläge. Im letzten Jahr und beim Deutschen Filmpreis in diesem gab es einiges Getöse um Andreas Dresens Siegerfilm „Halt auf freier Strecke“. Dresen hatte, das hielten viele für mutig und tabubrechend, das Sterben eines jüngeren Mannes in allen medizinischen Details nachgestellt, was realistisch sein sollte, aber künstlerisch einfältig war.

Hanekes Film macht das Gegenteil. Er bleibt ganz bei Georges und Anne. Vom zweiten Schlaganfall erfahren wir, weil ein Krankenhausbett geliefert wird und eine Pflegerin ins Haus kommt. Georges wirft sie bald wieder hinaus, ihr Umgang mit Anne, die angstvolle Laute ausstößt, war respektlos, entwürdigend, herablassend.

Liebe als lebendiges Gefühl

Wir sehen genügend Schnabeltassen, nasse Laken, den Rollstuhl und den Versuch von Georges, Anne etwas Brei in den Mund zu schieben, um ein Bild der Lage zu bekommen. Vor allem spüren wir in diesen Szenen, dass die Liebe kein Zustand ist, der all dies immer schon umfasste, sondern ein lebendiges Gefühl, das in diese Räume der Fürsorge, der Grenzverletzungen, der körperlich erzwungenen Hingabe, die einer Selbstaufgabe gleichkommt, noch wachsen muss - bis zu dem Augenblick, in dem Liebe und Tod eins werden, und das nicht in Schönheit, sondern durch Gewalt.

Hanekes Film verdichtet. Wie immer äußerst kontrolliert, nagt er alle Sentimentalitäten ab, bis das Wesentliche sichtbar wird - der Tod und wie er sich einnistet in einem Gefühl, das jahrzehntelang dem Leben zugewandt war: der Liebe.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena (lue.)
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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