Video-Filmkritik

So viele Umwege auf dem Weg eines Herzens

Von Andreas Kilb
 - 18:20
© dpa, F.A.Z.

Wenn man in einer einzigen Szene zeigen müsste, was es heißt, jung zu sein, könnte sie nicht schöner sein als die Einstellung, mit der Katell Quillévérés Film „Die Lebenden reparieren“ beginnt: Ein Junge, Simon, steigt aus dem Bett, fotografiert seine schlafende Freundin, springt lautlos aus dem Fenster auf die Straße, steigt auf sein Rennrad und rast durch die schlafende Stadt zum Hafen, wo ihn zwei Freunde mit einem Lieferwagen aufsammeln. Im Morgengrauen, am Strand, paddeln die drei mit ihren Surfbrettern in die Brandung, warten auf die passende Welle, schwingen sich auf ihr Brett und rasen durch den Tunnel aus stürzendem Wasser ins Licht, atemlos, immer wieder. So beginnt Simons Tag. Es ist sein letzter.

Die nächste unvergessliche Einstellung dieses Films ist ein Todesbild. Die drei Surfer sitzen in ihrem Lieferwagen, sie sind zufrieden, müde, sie schlafen ein, zuletzt fallen dem Fahrer die Augen zu. Der Film aber zeigt nicht den Unfall, der kommt, sondern eine haushohe Wasserwand, die ganz sanft auf den Wagen zurollt, bis sie über ihm zusammenschlägt. In der nächsten Szene liegt Simon im Krankenhaus, er fällt ins Koma, Schädel-Hirn-Trauma; die Schäden am Gehirn, erkennen die Ärzte, sind irreversibel. Dann klingelt ein Telefon irgendwo in einer Neubauwohnung und reißt eine erschöpfte Frau, Simons Mutter, aus dem Schlaf. Sie fährt ins Hospital, aber es dauert lange, ehe sie begreift, was passiert ist, ehe das Wort „hirntot“ und das, was es bedeutet, in ihr Bewusstsein dringt. Und dann ist Simons Vater da, der erklärt, er sei an allem schuld, weil er dem Jungen das Surfen beigebracht habe, und eine Organspende komme nicht in Frage. Sie sollen Simon nicht aufschneiden. Nicht sein Kind.

Entweder man heult, oder man kotzt

Für Melodramen im Kino gilt immer noch, was die Kritikerin Frieda Grafe einmal als Gesetz des Genres formuliert hat: Entweder man heult, oder man kotzt. Es ist unangenehm, wenn Gefühle durch Bilder erpresst werden, und am unangenehmsten, wenn die Erpressung nicht funktioniert. Dann betrachtet man die Romanze des jungen, querschnittsgelähmten Millionärs mit seiner Haushaltshilfe mit Widerwillen. Die Rührung, der mächtigste emotionale Hebel des Kinos (neben der Furcht), verwandelt sich in Ekel.

Das Besondere des Films „Die Lebenden reparieren“ besteht nun darin, dass er alle melodramatischen Gelegenheiten, die seine Geschichte bietet, verstreichen lässt. Simons Eltern sind getrennt, das Unglück ihres Sohnes wäre der passende Anlass für eine Versöhnung; aber der Film macht keine Szene daraus. Die Krankenschwester, die Simon betreut, und der junge Assistenzarzt sind solo, aber zwischen ihnen bahnt sich keine Liebesgeschichte an. Statt seinen Figuren Gefühle einzutrichtern, für die in der Eile des Geschehens noch gar kein Platz ist, folgt der Film ihren Gedanken. Die Eltern überlegen, was wohl ihr Sohn zu einer Organspende gesagt hätte. Der Krankenschwester wird bei Simons Anblick klar, dass sie ihr eigenes Leben nicht auf die lange Bank schieben darf. Der Tod hält jedem einen Spiegel vor; „wer bist du?“ steht darauf.

Die einzige Hoffnung: Ein fremdes Herz

Dasselbe gilt für Claire, die Frau, die Simons Spenderherz empfangen wird. Seit sie vor ein paar Jahren an einer aggressiven Form von Herzschwäche erkrankt ist, hat sich Claire aus dem Alltag zurückgezogen. Aber als sie ihre Exfreundin Anne bei einem Konzert wiedertrifft – sie ist so schwach, dass der Kartenabreißer sie die Treppe zum Saal hinauftragen muss –, erkennt sie, dass sie der Frage ihres Herzens damit nur ausgewichen ist. Dass sie zwei halbwüchsige Söhne hat, von denen der eine ein hilfloser Träumer ist, macht Claire den Abschied zusätzlich schwer. So klammert sie sich an eine Möglichkeit, die bis vor fünfzig Jahren ein Märchen war oder eine Blasphemie: die Möglichkeit, mit einem fremden Herzen weiterzuleben.

Katell Quillévéré, könnte man sagen, will in ihrem Film nicht eine Geschichte erzählen, sondern viele Geschichten: vom Leben und Sterben, vom Trauern und Weitermachen. Aber es gibt ja die eine Geschichte, auf die sich alle anderen hier beziehen. Sie handelt davon, wie ein menschliches Herz von einem Körper in einen anderen gelangt. Die medizinischen Details dieses Vorgangs hat die Regisseurin genau recherchiert, und sie gibt sie realistisch wieder. Es ist nur so, dass die Transplantation an sich unter all den Geschichten, die in dem Film passieren, eigentlich die unwichtigste ist. Erst durch die Leben derer, die mit ihr in Berührung kommen, wird sie selbst mit Leben gefüllt.

Der wahre Star ist die Erzählung selbst

Was das bedeutet, zeigt Quillévéré auf ebenso kluge wie beiläufige Weise in einer Überblendung, die aus dem Schlafzimmer Claires in eine Einkaufspassage führt, in der ein Mann durch die flanierende Menge hindurch in sein Büro läuft. Es ist, wie sich herausstellt, der Leiter der Behörde, welche die Spenderorgane vermittelt. Claire wird ihn nie zu Gesicht bekommen, und doch ist ihr Dasein mit seinem durch jenen unsichtbaren Faden verbunden, den die Erzählung sichtbar macht.

Katell Quillévéré, in Abidjan geboren und in Frankreich und an der Elfenbeinküste aufgewachsen, hat in ihrem letzten Film, „Die unerschütterliche Liebe der Suzanne“, eine Familientragödie als Roadmovie erzählt, sprunghaft, zärtlich, ohne französisches Landleben und Augenzwinkern. Mit „Die Lebenden reparieren“ verfilmt sie einen Romanbestseller (von Maylis de Kerangal), aus dem jeder andere ein Rührstück gemacht hätte, auf die einzig mögliche Weise: als Ensemblestück aus dem Geist von Robert Altman und Jean Renoir, als Schicksalspuzzle und Lebensmosaik. Bei Quillévéré treten berühmte Schauspieler (wie Emmanuelle Seigner) neben unbekannten auf, Profis neben Amateuren, aber man spürt keinen Unterschied, weil der wahre Star die Erzählung selbst ist, der Blick der Regie, der jede Figur in ihrem eigenen Glanz erstrahlen lässt. Es sind Filme wie „Die Lebenden reparieren“, die im Kino jene Verbindung zur Wirklichkeit offenhalten, die in den digitalen Blockbustern gekappt ist. Dazu braucht man kein Melodram, nur die Bereitschaft, sich berühren zu lassen.

Was es wirklich heißt, hirntot zu sein, kann niemand ermessen. Wir sehen nur den unversehrten Körper an den Schläuchen der Intensivmedizin, und weil wir an Bilder glauben, rührt uns die Geste des Pflegers, der Simons letzte Operation begleitet. Während das Herz aus dem Brustkorb des Jungen entnommen und das Beatmungsgerät ausgeschaltet wird, streift er dem Sterbenden ein Paar Kopfhörer über die Ohren. Der Film lässt uns hören, was Simon nicht mehr hört: das Rauschen der Wellen im Meer.

!!ES GIBT NEUE VERSION!!
„Die Lebenden reparieren“
© dpa, FAZNET
Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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