Video-Filmkritik

Mit Florett und Panzerfaust

Von Peter Körte
 - 19:21
© F.A.Z., Constantin, F.A.Z., Constantin

Endlich mal wieder eine Kehrtwende! Während vor allem die deutschen Theater einen Filmstoff nach dem anderen abgreifen, um sich in Zeiten zunehmenden Bedeutungsverlusts beim Publikum anzubiedern, tut Roman Polanski, 78, was man früher tat: Er adaptiert ein Erfolgsstück fürs Kino.

Ein Hochdruck-Kammerspiel der französischen Dramatikerin Yasmina Reza, das es bis an den Broadway schaffte, „Der Gott des Gemetzels". Weil Polanski aus bekannten Gründen nicht in New York drehen konnte, mussten Jodie Foster, Kate Winslet, John C. Reilly und Christoph Waltz eben nach Paris kommen; New York kam als Hintergrund vor die Wohnungsfenster, und ein Zweitteam drehte in Brooklyn den Anfang und den Schluss des Films.

Ein Spielplatz, aus der Ferne betrachtet, Kinder streiten sich, ein Junge haut einen anderen mit einem Stock. Das ist der Anlass. Deshalb kommen die Eltern zusammen. Ohne Kinder. In der Wohnung der Eltern (Foster/Reilly) des geschlagenen Jungen. Erwachsene, kultivierte Menschen wollen etwas aus der Welt schaffen.

Und Polanski macht sich einen kleinen Spaß daraus, das Besucherpaar mehrfach aufbrechen, fast schon im Fahrstuhl ankommen zu lassen, um es dann doch aufzuhalten. Natürlich scheitert die Schlichtung. Kate Winslets Nancy wird übel, sie kotzt mitten auf den Tisch. Langsam entgleist die Konversation. Alle denkbaren Frontverläufe werden sauber durchgespielt: Paar gegen Paar, jeder gegen jeden, die Männer verbünden sich, dann die Frauen. Worte und Sätze werden zu Waffen, das Arsenal reicht vom Florett (Waltz) bis zur Panzerfaust (Reilly).

Waltz hat den besten Part

Alkohol kommt ins Spiel, mit absehbaren Folgen. Und Christoph Waltz als aalglatter Anwalt muss immer wieder ans Mobiltelefon, um einen Klienten zu beraten. Waltz hat den besten Part im Quartett, mal süffisant, mal schneidend, immer mit einem gesunden Desinteresse. John C. Reilly spricht immer etwas zu laut, Kate Winslet gibt sich lange kühl und überlegen. Jodie Foster hat den undankbarsten Part: die humorlose, engagierte Buchhändlerin, überzeugt von ihrer Gutmenschen-Weltsicht bis zur Karikatur.

Das Polierte, Durchchoreographierte dieses gemischten Doppels hat auch etwas leicht Steriles. Ganz lässt sich die Herkunft vom Theater nicht abschütteln; zudem verliert der Film unterwegs auch noch einen Vorteil, den das Theater hat. Auf der Bühne sieht man immer alle vier zugleich. Der Zuschauer bestimmt, wohin er schauen will. Im Kino löst sich die Vierergruppe immer wieder auf: Mal sind nur zwei Personen zu sehen, mal nur eine in Nahaufnahme. Das steuert die Blicke, setzt Akzente, gewichtet Pointen, kommentiert. So macht sich Polanski zum Oberschiedsrichter in der Zimmerschlacht.

Großkotzigkeit, Besserwisserei und Ressentiment

Und, nüchtern betrachtet, so wahnsinnig aufregend ist ja das Stück auch nicht. Dass hinterm sorgsam aufgetragenen Make-up bürgerlicher Wohlanständigkeit lauter hässliche Fratzen lauern, Kleinlichkeit und Großkotzigkeit, Besserwisserei und Ressentiment - das ist keine ganz so frische oder gar erschütternde Erkenntnis. Yasmina Reza und Polanski haben das hübsch eingerichtet, es ist flüssig, kurzweilig, mit Schauspielern, die jeder Regisseur gerne um sich versammeln würde.

Aber man hätte sich wenigstens, wie im englischen „Carnage“, trennen sollen von dem prätentiösen Titel. „Der Gott des Gemetzels“ als Prinzip, welches das bürgerliche Miteinander regiert, welches Waltz im Dialog beim Namen nennt, das ist ja nur eine hypertrophe Metapher, welche die Sozialcharaktere verwischt. Aber vielleicht kommt jetzt auch wieder ein aufgeweckter Theatermann und verpflanzt das Szenario von New York nach Prenzlauer Berg. Das könnte ein großer Spaß werden.

Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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