Video-Filmkritik „Schneemann“

Kälte, Kater, Krimiklassik

Von Bert Rebhandl
 - 13:41
© Universal Pictures, FAZ.NET

Harry Hole ist ein Mann mit einem scharfen Auge. Wo alle anderen nur Blut sehen, auf dem Foto eines Mannes, der sich den Schädel weggeschossen hat, da sieht er die Kaffeebohne. Was macht diese Bohne so weit jenseits ihres Bestimmungsortes? Sie ist ein Zeichen, das vielleicht nur für ihn ausgelegt wurde. Vielleicht war da aber auch nur jemand zerstreut. Und, übrigens, wer hat eigentlich die Garage von innen verschlossen, in der ein halber Schädel (der fehlende Teil an einem toten Gynäkologen) nun die Decke und die Wände verdreckt? Die Arbeit eines Ermittlers erfordert scharfe Augen, mehr noch aber muss er sich hüten, den Zeichen so zu folgen, wie sie sich ihm darbieten. Denn sie wurden vielleicht nur für ihn ausgelegt. Es gibt nämlich Verbrecher, die etwas verbrechen, und dann gibt es Verbrecher, die etwas spielen, wenn sie etwas verbrechen. In Tomas Alfredsons Thriller „Schneemann“ ist Harry Hole der auserkorene Partner in einem schrecklichen Spiel, in dem sich der Kommissar aus Oslo erst als Mitspieler begreifen muss.

Freie Bahn für Assoziationen

Die Vorlage für „Schneemann“ ist ein Roman des norwegischen Bestsellerautors Jo Nesbo, dessen Konstruktion weitgehend erhalten blieb. Man sieht dem Film an, dass das Erfinden von Krimiplots ein bisschen der Arbeit eines Psychoanalytikers gleicht, der so lange die freien Assoziationen tanzen lässt, bis sie sich feinsäuberlich auffädeln lassen. Die Spur führt immer zurück, der Umweg ist die richtige Richtung. Zum Grundinventar von Krimis gehört ein beschädigter Held. Harry Hole könnte mit den Defekten im Grunde bei seinem Namen beginnen, auch wenn der in Norwegisch nicht so anstößig klingt wie auf Englisch.

Wer möchte schon „Loch“ heißen? Heißt er aber nur auf dem Weltmarkt, daheim heißt er so was wie „Hügellandschaft“. In „Schneemann“ wird Harry von Michael Fassbender gespielt, einem der derzeit wohl attraktivsten männlichen Hauptdarsteller in der westlichen Welt. Fassbender gibt sich alle Mühe, in seinem durchtrainierten Körper und seinen klassischen Gesichtszügen einen Mann zu finden, der morgens verkatert in einem Häuschen auf einem Spielplatz aufwacht, auf dem sich gerade die ersten Mütter mit Kindern einfinden. Hole ist derangiert, macht aber dabei immer noch gute Figur, und wenn er später einem verschreckten Kind gegenübersitzt, dann stellt er seine Fragen so einfühlsam, als wüsste er über alle Verlassenheit auf dieser Welt Bescheid.

Hole hätte gern wieder einmal einen Fall, auch wenn er gerade erst eine Woche unentschuldigt dem Dienst ferngeblieben war. Sein Chef vertröstet ihn mit einem Verweis auf die Statistik: In Oslo wird nun einmal nicht so häufig jemand umgebracht. Hole muss sich in Geduld üben, aber der Chef wird schon bald eines Schlechteren belehrt. Nicht nur verschwinden plötzlich Frauen spurlos, es tun sich auch Zusammenhänge auf zu früheren Vermisstenfällen. Und dann ist da noch dieses provokante Zeichen, das bei allen diesen Fällen nicht zu übersehen ist: Jemand hinterlässt immer einen Schneemann. Mit Zweigen als Händen, und die Augen sind aus Kaffeebohnen. (Wenigstens sind die Schneemänner in Norwegen schon dekarbonisiert, in Deutschland läuft da wohl weiter das Kohlezeitalter, und auch die Karottennase scheint man bei norwegischen Schneemännern nicht zu kennen.)

Mit den Schneemännern gibt ein Täter ein Zeichen. Aber was will es besagen? Dem Film geht ein Prolog voran, den man zuerst einmal (als nicht Eingeweihter, der sich die Lektüre des Romans erspart hat) falsch deuten könnte: Ein Junge verliert seine Mutter in einer winterlichen Landschaft, sie fährt mit dem Auto auf das Eis und geht unter. Ein starkes Bild, mit dem aber nicht Harry Hole gemeint ist, auf den es spontan zu beziehen wäre, weil der in der nächsten Szene seine metaphysische Obdachlosigkeit mit einer Nacht im Freien dokumentiert. Im Gegenteil läuft von nun an alles auf die Entzifferung dieser kalten Urszene hinaus, also auch auf die Frage: Wer ist der Junge?

Die Schnitzeljagd führt ein paar Mal quer durch Norwegen, jedenfalls die halbwegs besiedelten Teile dieses großen Landes im Norden. Tomas Alfredson lässt sich die Gelegenheit zu ein paar beeindruckenden Luftaufnahmen nicht entgehen, zumal Harry Hole an entscheidender Stelle auch zu einer Hütte auf einem Hügel über der Stadt Bergen muss (auch dort fehlte früher einmal ein halber Schädel, auch dort deutete alles auf Selbstmord, auch dort war alles ein Zeichen). Die Fährten führen in die beste Gesellschaft des Landes, in der ein Magnat alles für eine Vergabe von Olympischen Winterspielen nach Oslo tut und sich zwischendurch junge Frauen zuführen lässt, wodurch er sich verdächtig macht.

Ein Krimi für den globalen Markt

Schon früh hält Tomas Alfredson es nicht mehr aus, er gibt die Perspektive der Ermittler auf und lässt uns bei einer schauerlichen Mordtat zusehen, die er, wie das Leichenergebnis auch, sorgfältig zerteilt, damit nicht zu viel verraten wird. Auf jeden Fall werden wir da aber schon einmal mit der Tatwaffe vertraut gemacht, einem Gerät, mit dem sich noch nie eine National Rifle Association beschäftigt hat, weil es im Baumarkt in den Heimwerkerregalen steht, obwohl es sich de facto um eine Strangulier- und Amputiermaschine handelt. Sie macht auch ein sehr unangenehmes, ratterndes Geräusch, das man nicht mehr so leicht aus dem Kopf kriegt.

Die Zeichenlage mit dem Zentralzeichen des Schneemanns (ein frierender junger Mann ohne Familienanschluss?) deutet von Beginn an auf einen Vater-Mutter-Kind-Zusammenhang. Harry Hole hat auch eine Familie, aber man kann mit ihm nicht zusammenleben. Als Vater mit schlechtem Gewissen steht er schließlich dem Täter so nahe, dass man beinahe fragen könnte, warum es des ganzen Aufwands mit nicht wenigen deutlich ins Leere führenden Handlungsfäden bedurfte. Damit würde man aber die Ökonomie des Genres verkennen.

In den wirklich guten Krimis erfährt man auf den Umwegen eine Menge über Menschen, Länder, Sitten und Mentalitäten. In „Schneemann“ bleibt man eher in einer Halbdistanz, als hätte man eine Geschichte für den globalen Markt scharf gestellt, indem man alles Spezifische unscharf werden lässt. Bleibt als offene Frage, die kein Krimi lösen kann: Was sieht ein Schneemann, wenn ihm die Kaffeebohnen ausfallen?

Quelle: F.A.Z.
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