Video-Filmkritik zu „Ein Leben“

Diese Welle im Strom des Bewusstseins

Von Andreas Kilb
 - 14:33

Alle paar Jahre kommt ein Film in die Kinos, der die Spielregeln für alle Filme verändert. Der ein Fenster aufreißt, durch das noch niemand geschaut hat. Der etwas sieht, das bislang noch niemand gesehen hat. Diese Neubestimmung der Regeln kann auf laute und spektakuläre Weise vonstattengehen, wie bei Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, der vor genau fünfzig Jahren in die amerikanischen Kinos kam. Oder sie geschieht beinahe lautlos, ohne große Ankündigung und auf einem Schauplatz, auf dem sie niemand erwartet. Zum Beispiel im Kostümfilm.

Stéphane Brizés Film „Ein Leben“ beginnt mit einer Gartenszene. Ein Mann und ein Mädchen: Sie harken den Boden, stecken Setzlinge hinein, gießen Wasser nach. Es ist das Jahr 1819: Der Baron Simon-Jacques Le Pertuis des Vauds zeigt seiner Tochter Jeanne, wie man Salatköpfe pflanzt. Sie tragen die Kleidung ihrer Zeit, der Baron eine Jacke mit geknöpfter Weste, die Baroness einen weiten dunklen Rock, der beim Gießen über die Setzlinge schleift. Aber sie wirken nicht kostümiert. Im Gegenteil, sie bewegen sich so selbstverständlich, dass man zweimal hinschauen muss, um zu erkennen – etwa an den Frisuren, den Schuhen –, dass die Szene nicht in der Gegenwart spielt.

Der Traum vom Glück

Wenig später stellt sich ein Heiratskandidat in Jeannes Familie vor. Es ist Julien, ein adliger Nachbar, und er kommt mit der Kutsche, begleitet vom örtlichen Priester. Man sitzt bei Tisch und plaudert über Stammbäume, gemeinsame Bekanntschaften, Klatsch, und Jeanne blickt ab und zu schüchtern zu dem jungen Mann hinüber. In der nächsten Szene wird sie von ihren Eltern zur Ehe mit ihm überredet, und in der übernächsten liegen sie bereits im Bett, er auf ihr, und während Julien zu stöhnen beginnt, malen sich auf Jeannes Gesicht die Angst und die Qualen der Entjungferung. Kurz davor aber, in der Lücke, die durch die nicht gezeigte Hochzeit entstanden ist, haben wir etwas Unerwartetes gesehen: Jeanne als alte Frau im Witwenkleid. Sie starrt vor sich hin. Das Bild der Hochzeitsnacht ist ihre Erinnerung daran. So war es nicht wirklich – oder doch, ja, genau so war es, denn so hat sie es erlebt.

„Ein Leben“ ist ein Roman von Guy de Maupassant, erschienen 1883. „L’humble vérité“, „Die schlichte Wahrheit“, war der ursprüngliche Titel des Buchs. Wenn man es liest, weiß man nicht, was man mehr bewundern soll, die kristallklare Sprache und szenische Genialität Maupassants oder sein Wagnis, die Geschichte einer Frau zu erzählen, die in jedem anderen Roman eine Nebenfigur gewesen wäre. Denn anders als Emma Bovary oder Balzacs „Frau von dreißig Jahren“, ihre Vorgängerinnen in der Weltliteratur, hat Jeanne Le Perthuis des Vauds nicht die Kraft, gegen ihr Unglück aufzubegehren. Sie sieht hilflos zu, wie ihr Mann sie erst mit ihrer Dienerin und dann mit ihrer besten Freundin betrügt, und sie lässt sich von ihrem Sohn, einem Spieler und Bankrotteur, nach Strich und Faden ausnehmen, bis das gesamte Familienerbe vergeudet ist.

In all dem Elend träumt Jeanne vom Glück: von den Frühlingstagen der Kindheit; von den Umarmungen ihres Ehemanns; vom Wiedersehen mit Paul, ihrem Sohn. Sie ist, mit anderen Worten, die ideale Heldin einer Literatur, die vom Innenleben statt von den äußeren Taten der Menschen handelt, und eines Kinos, das Bewusstseinsinhalte in Bilder verwandelt. Eines Kinos, das es nicht gibt.

Die Geschichte eines Gesichts

Oder nicht gab, bis zu diesem Film, bis zu Stéphane Brizés „Ein Leben“. Die Freiheit, klassische Romanfiguren als Zeitgenossen zu behandeln, haben sich vor Brizé schon viele französische Regisseure genommen (und ein paar deutsche, wie Dominik Graf mit seinem Schiller-Film „Die geliebten Schwestern“). Aber Brizé geht einen Schritt weiter. Er lässt uns sehen, was Jeanne sieht, während sie von dem schöneren Leben phantasiert, das sie nicht hatte – den Fluss der Gedanken, die Verfertigung der Wirklichkeit beim Träumen.

Und er setzt diese Phantasiebilder nicht durch Weichzeichner, Überblendung und andere Kinoeffekte von der „wahren“ Fiktion, von der Geschichte im üblichen Sinn ab, sondern stellt sie mit ihnen auf eine Stufe. Nur in der Lichtintensität unterscheidet sich Jeannes Traumreich immer deutlicher von der Welt, in der sie ihre Tage zubringt. Denn während in Jeannes Erinnerung der Sommer nie zu Ende geht, wird es in ihrem Leben Herbst. Ihre Eltern sterben, ihr Sohn geht nach England, ihr Vermögen zerrinnt. Als das Schloss, Jeannes letzter Besitz, verkauft werden muss, nimmt das Dienstmädchen Rosalie, das zu seiner Herrin zurückgekehrt ist, die alte Frau zu sich ins Haus. Wie ein Gespenst lauert die Greisin jetzt am Straßenrand und wartet auf Briefe von Paul. Die Vision vom Anfang des Films hat sich erfüllt, die Bilder sind am Ziel. „Und das war alles“, würde es jetzt bei Flaubert heißen, der in Maupassant seinen literarischen Erben erkannte und förderte. Aber Maupassant ist noch nicht fertig mit Jeanne.

Einen großen Roman zu verfilmen sei „ein Armdrücken mit dem Werk“, hat Brizé erklärt, ein Kampf gegen den Sog der Wörter, ein bitteres Duell. Das merkt man dem Film nicht an, vielleicht auch deshalb, weil er alles weglässt, womit das Kostümkino den Text sonst erdrückt: große Garderoben, üppige Interieurs, Treibjagden, Tänze; selbst die Eisenbahn, die bei Maupassant am Ende den Beginn eines neuen Zeitalters markiert, ist gestrichen. Die Kamera holt die Darsteller durch Teleobjektive heran und bleibt dennoch auf Distanz. Der Bildausschnitt im alten Fernsehformat 1:1,33 macht die Leinwand zum Guckkasten. In diesem Kasten aber geschieht das ewige Wunder der Kinematografie: Die Zeiten und Räume fließen ineinander, und wir blicken in den Bewusstseinsstrom eines Lebens. So wie Maupassant über Flaubert hinausging, lässt Brizé die gewöhnliche Literaturverfilmung hinter sich, ihre Schauwerte, ihre ästhetischen Kompromisse, ihre Szenenbastelei. Er hat das Buch nicht adaptiert, er hat es übersetzt: in eine Sprache, die dem Sog der Wörter widersteht.

„Ein Leben“, mit anderen Worten, ist also eher die Geschichte eines Gesichts als die Besichtigung einer Geschichte. Dass Brizé dieses Gesicht mit der bei uns kaum bekannten Judith Chemla gefunden hat, ist das zweite Wunder dieses Films. Wie Chemla das Vergehen der Zeit in ihren Zügen spiegelt, wie sie in ihren Körper allmählich die Last von vierzig Erwachsenenjahren einschreibt, lässt sich in dürren Sätzen nicht wiedergeben, man muss es sehen. So wie den Wechsel der Jahreszeiten, der Pflanzen, der Lichtstimmungen, den Brizé mit der Kamera dokumentiert. Wider jede ökonomische Vernunft hat er die Dreharbeiten fast über ein ganzes Jahr hin ausgedehnt. Aber was heißt schon Ökonomie, wenn der Roman eines Lebens auf dem Spiel steht.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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