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Video-Filmkritik zu „Western“

Auf den Spuren der Steine

Von Bert Rebhandl
 - 15:33

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© Piffl Medien, Piffl Medien

In der spontanen Völkerverständigung wird das Wort „Problem“ sofort verstanden. „Hast du ein Problem, Mann?“ Fast genau so oft hört man die Formel der Entwarnung: „No problem, kein Problem.“ In einer Untersuchung über den ewigen Frieden und die Frage, wo er denn bleibt, könnte man ein ganzes Kapitel über das Problem schreiben, denn das Problem ist nicht selten bereits die halbe Lösung.

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In Valeska Grisebachs Film „Western“ gibt es eine Menge Probleme schon deswegen, weil eine Gruppe deutscher Bauarbeiter in Bulgarien sich nicht verständigen kann. Englisch sprechen hier nur die Jungen, die Deutschen sprechen den Dialekt der Hauptstadt, klingen also wie Ossis, die Bulgaren sprechen die Landessprache, und alle sprechen ein paar Brocken von dem, was entsteht, wenn man sich in der Wildnis begegnet. Für die ersten Frauen, die die rauen Kerle eines Tages an einer Badestelle an einem Bach entdecken, greifen sie allerdings tief in den kulturellen Wortschatz: Sie sehen eine „Fata Morgana“. Das kommt raus, wenn man eine Männerbrigade hart an die Grenze zum Morgenland schickt.

Beinahe schon bei Eastwood

Der „Western“ von Valeska Grisebach ist also eigentlich ein „Eastern“, aber eine der Pointen dieses Films ist es gerade, dass man im Kino in alle Richtungen zugleich erzählen kann. Was geographisch eine Bewegung an die Außengrenze einer Gemeinschaft darstellt, die sich erst vor wenigen Jahren in diese Gegend hin erweitert hat, kann gleichzeitig eine Zeitreise sein – und zwar in eine ganze Reihe von Zeiten. Einen Western im klassischen Sinn kann man mit ein paar Männern, die in eine wildromantische Landschaft ein Wasserkraftwerk bauen sollen, zwar nicht machen. Aber es reicht ein Pferd, um die entsprechenden Erinnerungen wachzurufen. Und als dann einer aus dem Trupp ins Dorf reitet, um dort Zigaretten zu besorgen, ist man beinahe schon bei Clint Eastwood, wie er als „Fremder ohne Namen“ unerwartet irgendwo auftaucht und dann die Verhältnisse gründlich über den Haufen wirft.

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So dramatisch geht es in „Western“ nicht zu. Abgesehen von der Bedienung der schweren Baumaschinen ist das eine postheroische Erzählung. Das hat wesentlich mit der Figur zu tun, die im Zentrum steht, oder besser gesagt, die sich nicht darauf beschränkt, auf einer Seite zu stehen: Meinhard ist ein hagerer Mann mit wehmütigem Blick. Er hat schon eine Menge erlebt, würde das aber lieber für sich behalten. In der Gruppe und im Dorf wird er allgemein nur als der „Legionär“ bezeichnet. Er war einmal in Afghanistan, auch in Afrika, und dass Meinhard die Reflexe aus dieser Zeit noch nicht vergessen hat, bekommt ein junger Mann namens Wanko zu spüren, der sich einen Spaß erlaubt und den Deutschen nachts von hinten überfällt.

Gesprochen wird eben umständlich

Der Legionär ist auch als Bauarbeiter einer, der sich in einer Legion verdingt hat, nun aber zu friedlichen Zwecken. „Wir bringen hier Infrastruktur mit rin“, so rechtfertigt der Bauleiter Vincent die massiven Eingriffe in die regionale Ökologie, die bald zu Konflikten führen. Denn in der Gegend ist das Wasser knapp, das Dorf sitzt auf dem Trockenen, wenn die Deutschen zu viel abzwacken.

Darüber muss gesprochen werden, denn das ist ein „Problem“, aber gesprochen wird eben umständlich, mit Dolmetschern und mit Worten, die man sich allmählich aneignet. Vincent macht die Sache nicht leichter, weil er eine mögliche Lösung mit einer unpassenden Avance verbindet: Er möchte eine Frau zum Essen ausführen. Es ist ausgerechnet jene Vyara, die aus der „Fata Morgana“ am Bach besonders herausstach, und der die Männer einen dummen Streich gespielt haben, was im Dorf für beträchtliche Unruhe sorgte. In einer der beziehungsreichsten Szenen lässt die Regisseurin eine Mauer bauen. Sie ist nur ganz klein, und sie erfüllt vor allem den Zweck, dass Meinhard mitbekommt, wie man in Bulgarien arbeitet – nicht so reglementiert, sondern angepasst an die Umstände. „Jeder Stein hat seinen Platz.“

Es ist eine schöne Anspielung auf einen berühmten Film aus der DDR, und auch auf den Sozialismus als historische Möglichkeit, die hinter jenem Eisernen Vorhang verspielt wurde, den es nun – wie die Mauer in Berlin – nicht mehr gibt. Aber es gibt noch die Erinnerungen an so viel Geschichte, dass ein ganzer „Western“ sie nur in Andeutungen aufrufen kann. Eine alte Frau erinnert sich gut an die Zeit, als die Deutschen schon einmal in Bulgarien waren, und sie staunt daher, als sie nun mit Meinhard einen trifft, der sogar weiß, wann er sich zu entschuldigen hat.

Man nimmt sich Zeit

Valeska Grisebach legt alle diese Spuren der Steine und der Worte und der Probleme sehr diskret aus, denn sie ist eine Filmemacherin, der nichts ferner liegt als das Ostentative. Schon mit ihren ersten beiden Spielfilmen, „Mein Stern“ (2001) und „Sehnsucht“ (2006), zeigte sie sich vor allem interessiert an den kaum merklichen Schichtungen, in denen sich das Leben vor der Kamera zu Tonbildern formt, die sich gar nicht zu Geschichten aufschwingen müssen. Die Präzision im Sprechen, die man in „Western“ auf der deutschen Seite jederzeit erkennen kann und auf der bulgarischen unterstellen darf, kommt aus einem bestimmten Konzept vom Schauspiel: Meinhard Neumann in der Hauptrolle oder der großartige Syuleyman Alilov Letifov in der Rolle seines bulgarischen Freundes Adrian sind das, was man missverständlich Laiendarsteller nennen würde. Sie spielen im Wesentlichen sich selbst, in einer körperlichen Präsenz, die all das in sich verschließt, was für das Begreifen einen gewissen Sinn verlangt, einen siebten Sinn, wenn man so will, wie er der siebten Kunst entspricht. Einen Sinn, der sich darauf verlässt, dass man die Menschen und die Dinge erreicht, wenn man sich nur Zeit nimmt. Dem Film sieht man in jeder Minute den langen Atem an, den sich die Produktion geleistet hat.

„Was suchst du hier?“, fragt Adrian in einer der letzten Szenen den Mann, der ihm so nahegekommen ist, wie es unter Fremden nur möglich ist. Die Antwort darauf ist der Film selbst: eine zwei Stunden lange Erfahrung über die Weisen, wie man sich der Welt öffnen kann, wenn man eigentlich viele Gründe hätte, mit ihr schon abgeschlossen zu haben. „Western“ ist einer der besten – und schönsten – deutschen Filme seit langer Zeit, weil er sich an den Grenzen von Europa für die ganze Welt öffnet.

Quelle: F.A.Z.
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