Wim Wenders’ Film über Papst

Fragen eines verzagten Weltbürgers

Von Bert Rebhandl
 - 12:26
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F.A.Z.-Filmkritik„Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“

Der westöstliche Divan, auf dem die Weisheitslage der Welt besprochen wird, war lange Zeit katholischerseits verwaist. Beim Dalai Lama standen die spirituell Sehnsüchtigen von Richard Gere abwärts Schlange. Rom aber hatte nur die Leidensmystik eines frommen Polen aufzubieten und später einen Jesus-Biographen mit roten Schuhen, der trotz bajuwarischer Herkunft so seine Probleme mit der Volksnähe hatte.

Zum Glück hat die katholische Kirche aber dieses eigenwillige Institut, das sich Konklave nennt: eine Männerklausur mit Ergebniszwang und Inspirationsversprechen.

Aus säkularer Perspektive könnte man zwar den Eindruck haben, dass der Heilige Geist nur bei jedem dritten oder vierten Konklave vorbeischaut (oder gar nur alle Heiligen Zeiten), aber bei der Wahl des derzeitigen Papstes muss doch irgendetwas mit rechten Dingen zugegangen sein. Franziskus (bürgerlicher Name Jorge Mario Bergoglio, aus Buenos Aires in Lateinamerika) ist weit über die Kreise der Katholiken hinaus populär.

Eine Antwortfigur

Einer seiner weltlichen Jünger ist der deutsche Filmemacher Wim Wenders, ein Anhänger der Verzauberung der Welt durch Bilder. Nebenbei aber auch einfach ein besorgter Zeitgenosse: Dem Planeten geht es ja gerade nicht so prächtig und unter seinen Bewohnern auch nur einer Minderheit, und selbst die materiell Versorgten haben nicht alles im Griff, ganz abgesehen davon, dass sie mit ihrem Luxusleben dem Planeten zu schaffen machen.

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Der besorgte Zeitgenosse in Wim Wenders hat nun einen Film gemacht, in dem er Papst Franziskus als eine Antwortfigur präsentiert: Wenn alle das Ethos von Jesus und von dem Namenspatron Franz von Assisi ein wenig ernster nehmen würden, dann ginge es bald allen besser. „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ klingt zwar mit seinem Untertitel ein wenig nach einer Bierwerbung („Papst Franziskus – Ein Mann mit Handschlagqualität“) und ist auch ein bisschen logozentrisch, aber das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass Wenders vor allem auf Worte des Pontifex Maximus aufbauen kann. Sein Film hat als Kern eine Reihe von Interviewpassagen, in denen Franziskus (als Papst, aber eben auch als er selbst) zu Themen spricht, die alle solche der Zeit sind.

Er schöpft aus seiner persönlichen Frömmigkeit

Die Unterscheidung der Rollen ist ja einer der springenden Punkte beim Stellvertreter Gottes auf Erden, wie einer der eher triumphalistischen Titel lautet, der wiederum eine volksmündliche Verzerrung des „Vicarius Christi“ ist. Franziskus ist, wie jeder Papst, der Stellvertreter Jesu auf Erden. Es spricht also aus ihm, in den vielfachen Vermittlungen der Geschichte, immer auch noch ein bisschen der Jesus der Bergpredigt.

Genau diesen Franziskus wollte Wim Wenders hören, und er hat ihn auch bekommen, durch die ganze Installation hindurch: eine Kamera, wie sie auch beim Wort zum Sonntag verwendet wird, nur gibt es dort einen Teleprompter. Franziskus aber ist sein eigener Prompter. Er schöpft aus seiner persönlichen Frömmigkeit und spricht (auf Spanisch) mit der Autorität des Propheten, dessen sich die Kirche nie ganz sicher sein darf. Franziskus spricht mit der Autorität von Jesus, dazwischengeschaltet aber ist der Mann, der im hohen Mittelalter zu den Tieren predigte: Franz von Assisi.

Wenders ist von dieser Identifikation so fasziniert, dass er dafür einen eigenen kleinen Film gedreht hat: Szenen aus dem Leben des Heiligen Franziskus, gestaltet mit antiker Handkurbelkamera in einem seltsamen Epochenstil, der wie eine Mischung aus Renaissancemalerei und „early cinema“ aussehen soll. Diese illustrativen Teile haben einen starken „fake appeal“, auch wenn Wenders mit seiner sanften Stimme das alles wie ein akustischer Heiliger Geist zusammenzuhalten versucht.

Charisma ist, wenn man aus der Wahrheit spricht

In Roberto Rossellinis „Franziskus, der Gaukler Gottes“ aus dem Jahr 1950 hätte er das perfekte Material zur Hand gehabt. Aber Wenders ist nun einmal auch ein Mystiker der Kinotechnik, und so hat er die Gelegenheit eben genutzt, in dem Papstfilm seinen eigenen Franziskusfilm zu inserieren.

Franziskus ist, wie schon sein Vorgänger Johannes Paul II., ein eiliger Vater. Die vielen Reisen und Auftritte seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren wären auch für einen längeren Dokumentarfilm abendfüllend: der Papst in Lateinamerika, der Papst in Nordamerika (vor dem Kongress, in dem Tränen der Bewegung über so manches Ledergesicht fließen), der Papst in einem Gefängnis, der Papst auf den Philippinen.

Der Papst in einem engen Flugzeug, in dem er eine improvisierte Pressekonferenz gibt. Franziskus hat sich in seiner Amtszeit häufig so freimütig zu kontroversen Themen geäußert, dass man schon allein darin einen Aspekt seiner Frömmigkeit sehen kann: Er vertraut auf eine „message control“ durch den Heiligen Geist, er lebt aus der Grundüberzeugung heraus, dass ein aufrichtiger Jünger Jesu das richtige Wort finden wird. Der theologische Begriff dafür ist Charisma, in einem Sinn, der ein bisschen anders zu verstehen ist als bei Max Weber. Charisma ist, wenn man aus der Wahrheit spricht.

„Ex cathedra“

Diesem Charisma ist Wim Wenders ganz und gar erlegen. Der Filmemacher ist gläubig geworden, jedenfalls in dem Sinn, dass er dem Papst eine Menge zutraut. Dabei kommt dem Filmemacher entgegen, dass der Papst selbst kein Dogmatiker ist, sondern seinen Glauben in erster Linie praktisch versteht.

Über die theologischen Spitzfindigkeiten, zu denen irgendwann sogar eine überirdische Sprechakttheorie hinzukam, die dem Papst die Vollmacht zu Aussagen „ex cathedra“ gibt, setzt Franziskus sich alltagschristlich hinweg.

„Love, compassion, clean environment.“

Er ist im Grunde der in die Jahre gekommene Typus des sozial bewegten Jugendpfarrers mit der Gitarre, der die vielleicht wichtigste Generationenfigur in den westlichen Kirchen nach dem Zweiten Vatikanum war. Nur sind an die Stelle der Gitarre die Massenmedien getreten.

„Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ ist ja auf Initiative des Vatikans entstanden. Vermutlich wird man es dort auch als geistgewirkt sehen, dass man auf Wim Wenders als den beigezogenen Kirchendiplomaten kam, der nun auch ganz so geliefert hat, wie man es sich aus der Perspektiv eines frommen Medienbeauftragten nur wünschen konnte. Selbst im Zeitalter von Instagram ist das Kino immer noch ein herausragendes „social medium“, wenn man es mit der Kanzel von damals vergleicht. Wenders hat jedenfalls einen Film gemacht, der zugleich als eine Fragepredigt eines verzagten Weltbürgers und als die päpstliche Antwort darauf gelten mag.

Vor fünfzehn Jahren saß Werner Herzog für den Film „Wheel of Time“ einmal dem Dalai Lama gegenüber und befragte „Seine Heiligkeit“ nach „seinem Traum von einer idealen Welt“. Die Antworten klangen nicht viel anders als das, was Papst Franziskus heute verkündet: „Love, compassion, clean environment.“

Der Papst muss sicher nicht vom Dalai Lama lernen

Also eine ausgewogene Mischung aus Quellen des glücklichen Lebens, ohne den Ausbeutungs- und Übervorteilungsreichtum, der heute alles dominiert. Der Unterschied zu Wim Wenders und seinem Film über den Papst liegt darin, dass Herzog und der Dalai Lama ihre Weisheiten ernst nahmen und zugleich darüber lachten. Bei Papst Franziskus ist dieses Lachen in Ansätzen auch zu erkennen, und in Rossellinis Film über Franz von Assisi ist es die herausragende Tugend eines Heiligen.

Man darf es Wim Wenders wohl nicht zu krumm nehmen, dass er seinen Film so ungeheuer ernst genommen hat. „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ ist für einen spannenden Dokumentarfilm letztendlich dann doch zu „embedded“, zu sehr Auftragsarbeit. Er ist aber selbst für einen guten Predigtdienst ein wenig zu verspannt. Der Papst muss sicher nicht vom Dalai Lama lernen, aber Wim Wenders hätte ein bisschen was von der subversiven Neugier eines Werner Herzog nicht geschadet.

Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.S.
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