Yasmina Reza

Männerwelten, Frauensache

Von Joseph Hanimann, Paris
 - 22:56

„Da war doch gerade ein Nebengeräusch.“ Besorgt wendet Yasmina Reza sich auf dem Drehstuhl zum Tonmeister neben ihr. Am liebsten möchte sie alle Töne von der wirklichen Welt draußen aus dem Studio ihrer Kunstwelt verbannen. Seit einigen Wochen sitzt sie im Schneide- und Tonmischungsraum für ihren ersten Kinofilm „Chicas“, eine freie Bearbeitung ihres Stücks „Ein spanisches Stück“, das Luc Bondy vor fünf Jahren uraufführte. Spannung, Aufregung, Unsicherheit sind ihr nicht anzusehen, obwohl sie, die in jungen Jahren als Filmschauspielerin begann, zurzeit gerade die bewegte Rückkehr ins Reich des Kinos erlebt.

Bis vor kurzem noch saß sie mit Roman Polanski zusammen am Drehbuch für dessen Verfilmung ihres letzten Stücks „Der Gott des Gemetzels“. Die Dreharbeiten sollten im nächsten Frühjahr beginnen. Nun sitzt Polanski im Zürcher Gefängnis. Seine Haft findet sie skandalös, die moralischen Urteile über ihn aber noch schlimmer. Persönlich würde sie für seine moralische Integrität einstehen, hat sie schon wiederholt erklärt. Zum ersten Mal spricht sie hier nun aber von ihrem eigenen Film „Chicas“, der im März herauskommen soll. Sie spricht von ihrer Hinwendung zum Kino, die keine Abkehr vom Theater bedeutet, und sie spricht von sich selbst.

Verkleidungsrausch mit Stoffen

Der fiktive spanische Autor Olmo Panero, in dessen affektive Teufelsküche die fünf Figuren des „Spanischen Stücks“ abwechselnd eintauchen, hat die Autorin Yasmina Reza verfolgt. „Ich spürte oft das Verlangen, Paneros Stück, von dem man in meinem Stück ja nur einzelne Szenen sieht, nun tatsächlich zu schreiben“, erklärt sie. Die in die Jahre gekommene Pilar steuert dort nach der Bekanntschaft mit einem noch attraktiv wirkenden Immobilienverwalter das zwielichtig gereifte Ruhestandsglück im Familienkreis an, kollidiert dabei aber immerfort mit den nervösen Selbstverwirklichungsträumen ihrer beiden Töchter Nuria und Aurelia, die wiederum miteinander im Schauspielergewerbe wetteifern.

Diese damals bloß skizzierten Figuren hat Yasmina Reza nun ausgeführt und sich selbst so zur Bearbeiterin des von ihr erfundenen Autors Olmo Panero gemacht. Keineswegs will sie das Projekt aber einfach als eine Stückverfilmung verstehen. Außer den Figuren, sagt sie, sei fast alles neu, die Atmosphären, die Dialoge, auch ein paar zusätzliche Personen. „Dieser Film gehört wohl zum Persönlichsten, was ich je gemacht habe.“

Während sie das sagt, läuft auf der Leinwand gerade die Szene, in der Nuria der Familie ihr Abendkleid für eine Galaveranstaltung vorführt. Im Stück waren das ein kurzes Verschwinden in der Kulisse und ein Wiederauftauchen mit dem applausheischenden Blick. Im Film ist es ein Verkleidungsrausch mit Stoffen, Farben und Körperbewegungen zu den Gitarrenklängen der Gruppe „Gipsy Kings“.

Herkunft und Exil

Die Zeit, die sich in Yasmina Rezas Stücken sonst dehnt und wölbt, tickt im Wechsel von Schnitt und Gegenschnitt, wenn auch offenbar keineswegs chronologisch. Was im „Spanischen Stück“ aus dem Riss zwischen Figuren und Darstellern schimmerte, dämmere im Film einzeln aus den verborgenen Träumen der Personen, verspricht die Autorin.

„Chicas“ ist auf Spanisch ein trauliches und zugleich anzüglich schnalzendes Wort für Frauen und Mädchen jeden Alters. „Nach ‚Kunst‘, ‚Eine Verzweiflung‘, ‚Adam Haberberg‘ hat man mir manchmal vorgehalten, ich könne nur für männliche Rollen witzig schreiben“, sagt Yasmina Reza dann beim Verlassen des Studios: Doch sei das eine Frage der Reife. Ist es denn schwieriger, für Frauen zu schreiben? „Für mich ganz gewiss, ich gebe mich unmittelbarer preis“, antwortet sie und blinzelt sonnenbrillenbewehrt in die Herbstsonne, als wollte sie etwas vom Dämmerlicht der bunten Lämpchen am Mischpult mit hinaustragen. Die sonst extrovertiert heitere, aber persönlich diskrete Schriftstellerin spricht nachdenklich von ihrer Mutter, vom Theater, von Spanien – und prompt verlaufen wir uns damit in der Pariser Vorstadt.

Herkunft und Exil sind ein neues Thema bei dieser Autorin. Die Figuren ihrer Stücke bewegen sich in einer scheinbar geschichtslosen Gegenwart wie auf brüchigem Eis. Yasmina Rezas eigene Herkunft ist weit verzweigt. Von Seiten ihres Vaters reichen die Verbindungen nach Spanien, Persien, Russland, Amerika. Ihre Mutter kam aus Ungarn nach Frankreich. Für ihre Eltern sei das Exil eine konkrete persönliche Erfahrung gewesen, erklärt die Schriftstellerin. Sie selbst ist in Paris geboren und möchte auch in keiner anderen Stadt leben. Dennoch habe sie jene Empfindung von Fremdheit geerbt, so heimisch sie sein möge.

Lieblingspublikum in Deutschland

Yasmina Reza ist heute die international meistgespielte französische Gegenwartsautorin. In New York geht „Der Gott des Gemetzels“ auf dem Broadway gerade in seine zweite Besetzung. In London hat die Inszenierung von Matthew Warchus am Gielgud Theatre der Autorin den Lawrence Olivier Award für das beste Stück des Jahres eingebracht. Im deutschsprachigen Raum ist „Der Gott des Gemetzels“ nach Jürgen Goschs Zürcher Uraufführung – „genial“, schwärmt die Autorin noch heute – ein Selbstläufer in den Theaterprogrammen: über zwei Dutzend Produktionen in der vergangenen Saison. Das deutsche Publikum ist neben dem New Yorker auch Yasmina Rezas Lieblingspublikum.

Nirgends sonst würden ihre Stücke so aufmerksam, so offen und – selbst in der Ablehnung – so scharfsinnig aufgenommen, sagt sie: Selbst deutsche Verrisse lese sie zwar mit Verdruss, doch auch mit Genuss. Besonders schätzt sie am deutschen Publikum seine Vielseitigkeit: Dass ihre Übersetzer Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel für die Stücke wie für die Erzähltexte zuständig seien, hält sie für einen seltenen Glücksfall.

Die Stille eines Ingmar Bergman

Auf eine unvoreingenommene Aufnahme hofft die Erfolgsverwöhnte auch bei ihrem Film. Das Produktionsbudget liegt bei sechs Millionen Euro, und die Rollenbesetzung protzt nicht mit Prominenz. Die aus Pedro Almodóvars Filmen bekannte Carmen Maura spielt Pilar, der Franzose André Dussolier den Fernan, Emmanuelle Seigner die Rolle der Nuria. Die übrigen Darsteller kommen aus dem Theater. Werden sie aber die subtilen Kunstpausen aus Rezas Bühnendialogen, die nervösen Sprachwirbel und die plötzlichen Zeitdehnungen im Film unterbringen können?

Die Autorin winkt ab: Die Stille eines Ingmar Bergman, Tarkowski, Kurosawa oder Ozu sei „unendlich viel stärker und dauerhafter als die des Theaters“. Dabei liegt ihr fern, sich an jenen Meistern zu messen. „Ich bleibe Schriftstellerin“ sagt sie und wird vom Dunkel des Schneideraums wieder geschluckt. Der Satz klingt überzeugt.

Quelle: F.A.Z.
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