Zelluloid oder Datensatz

Unser Filmschatz im Bildersee

Von Andreas Kilb
 - 12:21

In zehn Jahren werden sämtliche Kinos in Deutschland - außer einigen Museums- und Programmsälen - ihre Technik auf digitale Projektion umgestellt haben. Filme werden dann nicht mehr als Zelluloidrollen, sondern als Großdateien in die Kinos und auf die Leinwand kommen. Diese Umstellung ist eine handfeste wirtschaftliche Notwendigkeit, die vor allem kleinere Kinounternehmen in finanzielle Nöte stürzt. Aus dem Haushalt des Kulturstaatsministers werden sie dafür mit vierzig Millionen Euro subventioniert.

Diese Digitalisierung führt dazu, dass fast die gesamte deutsche Filmproduktion aus der Zeit vor dem Jahr 2000 nicht mehr in gewöhnlichen Kinos gezeigt werden kann. Denn das deutsche Filmerbe wird bis heute nahezu ausschließlich in Zelluloidform aufbewahrt - beim Bundesarchiv, bei der Stiftung Deutsche Kinemathek in Berlin, dem Deutschen Filminstitut in Frankfurt und in Archiven verschiedener privater Produzenten.

Wie werden die ganzen Fragen beantwortet?

Dass das alles nicht so bleiben kann, dass das filmische Gedächtnis der Nation ins einundzwanzigste Jahrhundert hinübergerettet werden muss, ist allen Beteiligten klar - den Archiven, den Produzenten und auch den Politikern. Uneinigkeit herrscht nur darüber, wie rasch und in welcher Form das geschehen soll. Der Bund, so viel ist sicher, wird die staatlichen Archive bei der Digitalisierung des Filmerbes mit einem Startbetrag unterstützen müssen, der kaum geringer als die Beihilfe zur Umrüstung der Kinos ausfallen dürfte. Aber auch die Filmhersteller müssen ihr Scherflein beitragen.

Private Archive, die sich die Kosten der digitalen Hardware nicht leisten können, werden ihre Schätze dem Bundesarchiv stiften, aktive Produzenten ihre neuen Filme statt wie bisher auf Zelluloid als Digital Cinema Package (DCP) dort einlagern müssen. Aber ab wann? Und mit welchen Sicherheitsgarantien? Filmkopien sind im internationalen Rechtehandel bares Geld. Dazu kommt, dass sich die Digitaltechnik alle paar Jahre verjüngt, Dateien immer wieder neu formatiert werden müssen. Wer soll diesen Aufwand bezahlen?

Um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen, hatte der Kultur-ausschuss des Bundestags in der vergangenen Woche ein halbes Dutzend Experten zum öffentlichen Fachgespräch geladen - Regisseure, Stiftungsleute, Vertreter der Filmwirtschaft und der Archive. Jeder gab ein ausführliches Statement ab; aber die Frage, wie viele Filmdokumente noch zu den knapp hundertfünfzigtausend im Bundesarchiv dazukommen müssen, damit dessen Sammlung vollständig ist, und was die Digitalisierung des kompletten Bestandes kosten würde, wollte keiner beantworten.

Die digitale Dauerpflege

Selbst bei der Frage, wie schnell die digitale Umwandlung stattfinden muss, war sich die Runde uneins. Interessanterweise plädierten gerade die Vertreter des Bundesarchivs und des Filmtechnikverbands VTFF für eine weitere Bestandssicherung auf Zelluloid. Er kenne derzeit kein Speichermedium, dem er seine Daten länger als zehn Jahre anvertrauen würde, erklärte Jan Fröhlich vom Branchenriesen CinePostproduction GmbH. Der Regieveteran und „Lindenstraßen“-Produzent Hans W. Geißendörfer möchte dagegen lieber heute als morgen den deutschen Filmschatz als Video on demand im Internet vermarkten und so die Kosten der fälligen Digitalisierung möglichst wieder einspielen.

Zwischen diesen beiden Extremen positioniert sich die Stiftung Deutsche Kinemathek. Ihr Vorschlag scheint am weitesten durchdacht: Die Stiftung will die Digitalisate in Form unkomprimierter „Master“-Dateien im Bundesarchiv zusammenfassen, ohne deshalb auf die Aufbewahrung alter Filme auf Zelluloid zu verzichten. Dem Stand der Technik entsprechend sollen die „Master“ regelmäßig umformatiert werden. Um diese digitale Dauerpflege finanzieren zu können, schlägt die Stiftung vor, das System staatlicher Filmsubvention in Deutschland von der reinen Produktionsförderung auf die Bezuschussung sowohl der Herstellung wie der archivalischen Konservierung von Filmen umzustellen.

Es darf nicht bei jedem ins Boot gestiegen werden

Auch wenn die dabei entstehenden Kosten nur einen Bruchteil der Viertelmilliarde Euro betragen, die jährlich aus den Fördertöpfen in die deutsche Kinobranche fließt, ist das ein revolutionärer Gedanke. Die Archive, die bisher nur Statisten im Subventionstheater der deutschen Filmförderung sind, würden zu Mitspielern aufsteigen, das Interesse des Staates an nationaler Filmproduktion und seine Pflicht zur Sicherung des kulturellen Erbes würden in einem einzigen Regelwerk zusammengefasst. Gewinne aus der Bereitstellung von Filmklassikern als Pay-per-View im Internet könnten in die Erhaltung und Restaurierung des Archivbestands zurückfließen.

Nicht alle Kulturpolitiker haben den Ernst der Situation begriffen. Die SPD, die den Sirenenklängen Geißendörfers erlegen ist, träumt in einer Presseerklärung von der künftigen „Filmerbeauswertung“ im großen Stil. Dieser Plan ist so weltfremd wie gefährlich. Die Bewahrung der filmischen Überlieferung ist eine staatliche Aufgabe, die nicht an kommerzielle Interessen gebunden werden darf. Die Politik sollte sich deshalb gut überlegen, mit wem sie bei der Digitalisierung ins Boot steigt. Natürlich geht es dabei auch um Geld. Aber zugleich um so viel mehr.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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