Zum Tod der Schauspielerin Susanne Lothar

Schamlosigkeit als große Kunst betrachtet

Von Gerhard Stadelmaier
 - 20:15

Zuletzt hat man sie im Fernsehen gesehen. Als „Gurkenkönigin“. In einem „Polizeiruf 110“. Unternehmenschefin. Undurchsichtige Geschäfte. Verquere Liebschaften. Vernebelte Wasser- und Lebenskanäle. Alles rechtzeitig zur Feier ihres fünfzigsten Geburtstags. Auch der Mord am Ende. Sie mittendrin. Eine bleiche, vor Eisesbeherrschungsglut vibrierende Statue. Voller Gier auf ein höheres, tolleres, wilderes, eigensinnigeres Leben, das nur ihr gehören könnte, wenn die anderen sie ließen. Und in das hinein sie über Leichen gehen würde, wenn andere nicht schneller töteten. Susanne Lothar wirkte da wie eine Klytämnestra des Spreewalds. Auf Stöckelschuhen. Über allem Wiegelwagel einer polizeilichen Ermittlung: die vollkommen Unermittelbare. Die mit brennenden Augen eine unsichtbare Schrift an der Wand zu lesen schien, die da lautet: Alles oder nichts!

Immer, wenn Susanne Lothar, Tochter der zarten Schauspielerin Ingrid Andrée und des noch zarteren Schauspielers Hanns Lothar, Gattin des (schon 2007 jung verstorbenen) allerzartesten Schauspielers Ulrich Mühe, die Bühne betrat: unzart, herb, flirrend, schniefend, sturzflugartig – hob sie sofort alle Gesetze auf. Und es galt nur noch: ihr Gesetz. Sie war eine Überwältigerin. In aller Unschuld.

Als sie im Jahr 2000 in Luc Bondys Wiener Uraufführungsinszenierung von Yasmina Rezas „Drei Mal Leben“ die Frau eines Waschlappenmännchens spielte, dessen schnöseliger Chef ihm rät, er solle sich von seiner tüchtigen Gattin „eine Scheibe abschneiden“, hängte sich Susanne Lothar im schwarzen Unterrock über roter Unterwäsche sofort rücklings so übers Design-Ledersofa, dass klar wurde, wo sie sich entsprechende Stellen vorstellen könne. Dies aber in aller irdischen Schamlosigkeit ganz rein, fast keusch. Mit einer unverschämten überirdischen Naivität.

Schon in der Rolle der Lulu, in der sie 1988 in Hamburg ganz jung bereits Theatergeschichte schrieb, nahm sie sich, angestachelt von ihrem Regisseur Peter Zadek, die Freiheit einer Ungenierten, die sich alle Männer, alle Lust, alle Verbrechen nur als Schöpfung vorstellen kann, die allein zu ihrem Genuss geschaffen sei. Ein All-German-Rotzgören-Girl der fünfziger Jahre, das ihre Nacktheit ebenso naiv präsentierte wie ihren nasal verschnieften Slang. Eine Hexe ohne Erbsünde. Eine Teufelin mit Engelsflügeln. Höllische Schnoddersexschnauze mit himmlischer Unschuldsanmutung. Lulu aus einer anderen Welt.

Die gebürtige Hamburgerin, die das Gymnasium hinschmiss und ohne große Vorbereitungen gleich das Thalia Theater ihrer Heimatstadt eroberte, wo sie als Recha in Benjamin Korns „Nathan“-Inszenierung (1984) auffiel, schien immer wie aus anderen Welten gekommen: In jeder Szene ein Fremd-Körper. Und immer wie im schamlosen Aufflug amoralischer Jubelschauer, mit dem sie sich in ihre Frauengestalten stürzte: rein im Furor, herzbewegend naiv, kunstvoll in aller Unschuld. Als Blanche Dubois in Burkhard C. Kosminskis Frankfurter Inszenierung der „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams (2004), war sie eine hinreißende Schneekönigin, Seele und Herz wie in Eiskristallen zerborsten, die verzweifelt nach Schmelz- und Siedepunkten suchte.

Als May in Sam Shepards „Liebestoll“, das Arie Zinger 1986 in Stuttgart zur deutschen Erstaufführung brachte, machte sie aus dem inzestuösen Geschwisterclinch (mit Ulrich Tukur) eine Wälsungenzimmerschlacht. Und als Christine in Eugen O’Neills „Trauer muss Elektra tragen“ (2006 an der Berliner Schaubühne, Regie: Thomas Ostermeier) war sie die frustrierte, verzweifelt Liebe suchende Frau, eine Eissternschnuppe, erfroren in Familienhöllenhitzen.

Sie arbeitete von Anfang an mit besseren bis großen Regisseuren, mit Zadek, Giesing, Wieler, Bondy. Und sie ließ sich von Anfang an zu Hitze- wie zu Kältegraden extremer Natur verführen, auch wenn sie in der „Jüdin von Toledo“, von Thomas Langhoff 1990 in Salzburg in allzu verhübschte Szene gesetzt, als Jüdin Rachel dem König, der sie liebt und opfert, eher wohltemperiert beiwohnte.

Sonst aber galt für sie: nichts Halbes! Das konnte zur Gänze auch mal peinsam sein, wenn sie in Sarah Kanes „Gesäubert“ unter der Regie von Peter Zadek (Hamburg, 1998) eine Frau spielte, die von einem sadistischen Spielleiter und Psychiatriechef zu einem Mann umoperiert wird. Der Schmock geschlechtlicher Zweideutigkeit lag ihr weniger. Dafür warf sie sich viel zu gern eindeutig in die Frauenbresche. Wiewohl sie als Hure Yvette in Zadeks grandioser Berliner „Mutter Courage“-Inszenierung (2003) eine Sensation an Zerrissenheit war: Die Frau, die vom Krieg profitiert, indem sie ihm ihren Körper ausliefert – aber dennoch sie selber bleiben möchte. Schamlos im Schmerz, unschuldig in der Lust, frech im Kopf.

Susanne Lothar gehörte in den letzten Jahren ihres viel zu kurzen Lebens zum großen, vornehmen Ensemble der Ensemblelosen. Kein Haus wollte oder konnte diese wunderbare, sperrig anziehende Ausnahmetheaterkünstlerin in ihren Vierzigern auf Dauer beschäftigen, sie mit Rollen locken. Vielleicht war sie dazu auch zu eigengesetzlich, zu selbstsicher, zu solistisch. Auch sind die meisten Bühnen solchen starken Frauen gegenüber gerne und schnell zu phantasielos, zu mutlos, zu trottverhaftet, zu dumm auch. (Rosel Zech, einer ähnlich Großen, ähnlich Zadek-Geprägten, ging es ähnlich.)

In solchen Fällen greift dann das Kino dankend zu. In Filmen Michael Hanekes („Funny Games“, „Die Klavierspielerin“, „Das weiße Band“) konnte sie den Teufelsengelskreis ihrer Schreckenslustweiber ausschreiten. Jetzt ist Susanne Lothar im Alter von nur einundfünfzig Jahren in Berlin gestorben.

Quelle: FAZ.NET
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