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Kirchenlied „Danke“

Unfreiwillig komisch und unglaublich erfolgreich

Von Lorenz Jäger
 - 10:30
Der Hessenprojekt-Chor bei einer Werbeveranstaltung zum Evangelischen Kirchentag Bild: Picture-Alliance, F.A.Z.

Das unfreiwillig komischste, immer wieder parodierte und doch bis heute erfolgreichste der „neuen geistlichen Lieder“ der sechziger Jahre - also des allgemeinen Reform-Jahrzehnts wie des Zweiten Vatikanischen Konzils - ist jenes Lied, bei dem schon das erste Wort des Titels zum Wiedererkennen ausreicht: „Danke“. Der Text und die Melodie stammen von dem Kirchenmusiker Martin Gotthard Schneider, der damit 1961 den Lieder-Wettbewerb der Evangelischen Akademie Tutzing gewann. Der Siegener Literaturwissenschaftler Jörg Döring hat es nun erstmals nach allen Regeln der Kunst analysiert („,Danke für diesen guten Morgen‘. Zur Rhetorik von Katalog und enumeratio im neuen geistlichen Lied“, in: Dank sagen. Politik, Semantik und Poetik der Verbindlichkeit. Hrsg. von Natalie Binczek, Remigius Bunia, Till Dembeck und Alexander Zons, Fink-Verlag, München 2014).

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Begünstigt wurde die bald einsetzende immense Popularität des Liedes durch das Arrangement von Werner Last, dem Bruder von Hans „James“ Last. Als einziges geistliches Lied erreichte es die deutsche Hitparade. In der Folge entstanden eine Reihe ähnlicher Lieder: „Gottes Kinder brauchen keine Schuhe“ (interpretiert von Lys Assia) oder der Slowfox „Wie ein Vöglein, wenn’s gefangen, so war ich in Satans Hand“. In den Medien wurden Lieder dieser Art teils scharf gerügt, teils veralbert; ihr Siegeszug ließ sich indes nicht aufhalten. „Danke“ ist, wie Döring feststellt, heute das bekannteste deutschsprachige geistliche Lied überhaupt. Ins evangelische Gesangbuch fand es als Nummer 334 Eingang.

Danke für meine Existenz

Döring verfolgt zunächst die Verpflichtung zur Dankbarkeit durch die antiken Ethiken; im Juden- und Christentum werde die Dankespflicht einer materiellen Gegengabe, der Idee einer „Tauschgerechtigkeit“, abgelöst und zur geistig-seelischen Verpflichtung universalisiert: „Sagt Gott, dem Vater, jederzeit Dank für alles im Namen Jesu Christi, unseres Herrn“, heißt es im Epheser-Brief des Paulus. Sofort aber stelle sich damit ein Problem, wovon der Dank handeln kann, wie also das Lied „die Einsicht in seine konstitutive Selbstbeschränkung, nie angemessen und erschöpfend zu sein, glaubhaft machen kann“. Die übliche Weise der Lösung ist die Aufzählung, der Katalog - nach der Lehre der Rhetorik die „enumeratio“: „In unendlicher Varianz kündet der nur liedformal begrenzte Katalog der Wohltaten von der Größe des Gottesgeschenks einerseits, andererseits in rhetorischer Hinsicht auch immer von der Virtuosität des dankenden Sängers, der die gebotene Varianz herstellen und beherrschen muss.“

Genau dies ist nun die Struktur des Liedes: „Danke, für diesen guten Morgen, / Danke, für jeden neuen Tag. / Danke, dass ich all’ meine Sorgen / Auf Dich werfen mag.“ Die eigentliche Analyse folgt streng dem Textverlauf und prüft diesen auf seine Stimmigkeit, ähnlich wie in Ulrich Oevermanns „objektiver Hermeneutik“. Noch ist in der ersten Zeile kein Adressat genannt. Auch im zweiten Vers noch nicht ausdrücklich, indes wird alles nun deutlicher: Der Vortragende dankt offenbar „für die Existenz schlechthin“, wie Döring darlegt; ein impliziter Hinweis darauf, dass „der christliche Gott Adressat dieser Dankesworte sein könnte“. Der Dank für diesen Morgen wird erweitert auf jeden neuen Tag. So werde die „Totalität der Dankesverpflichtung“ erfahrbar. Allgemeine und besondere Dankanlässe würden im Verspaar gleichsam versöhnt.

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Eine reine Liste

Unstimmiger wird es in den folgenden Zeilen: „Danke, dass ich all’ meine Sorgen / Auf Dich werfen mag.“ Kann man Sorgen „auf“ jemanden werfen? Wenn ja, dann handelt es sich, so Döring, um einen achtlosen Vorgang oder um einen, der Eile anzeige: „So schlimm sind die Sorgen, dass man sie nicht mehr ordentlich ablegen kann, sondern sie von sich wirft.“

„Danke, für meine Arbeitsstelle, / Danke, für jedes kleine Glück. / Danke, für alles Frohe, Helle / Und für die Musik.“ Den Dank für die Arbeitsstelle in der dritten Strophe kommentiert Döring scharfsinnig: „Im einzigen Vollbeschäftigungsjahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts formuliert, wird sich dieser Dank historisch schon bald nicht mehr von selbst verstehen“, und nicht zuletzt deshalb sei das Lied seit den siebziger Jahren gerade von gewerkschaftlicher Seite verspottet worden. Das Lied versinke nun in der reinen Liste: „Das ,Frohe‘ und das ,Helle‘ werden nur noch benannt, die semantische Spanne von ,Arbeitsstelle‘ bis ,Musik‘ kann auch durch die Liedform nicht mehr überzeugend verklammert werden.“

Aus der immanenten Analyse heraus führt der Hinweis auf eine Inszenierung von Christoph Marthaler an der Berliner Volksbühne. Hier wurde aus dem Lied eine „quälend-wirkungsvolle Endlosschleife“, jede Strophe wurde einen Halbton höher gesungen als die vorherige, und statt sich dem Jubel zu nähern, blieb nur noch Gepiepse. Bis heute läuft „Danke“ in der Telefon-Warteschleife der Berliner Volksbühne - bei unserem Anruf setzte es ein mit den Worten „Danke, wenn auch dem größten Feinde / Ich verzeihen kann.“ Döring macht darauf aufmerksam, dass es keineswegs schon ausgemacht ist, dass ich dem Feinde verzeihe, sondern dass es sich um einen Konditionalsatz („wenn“) handelt.

Quelle: F.A.Z.
Lorenz Jäger
Redakteur im Feuilleton.
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