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Alle mögen Kertész

 - 09:12

„Imre Kertész tritt aus dem Gästehaus des Wissenschaftskollegs im Berliner Grunewald. Er verbeugt sich vor den Fotografen. So steht er, an diesem klaren kalten Tag, und lächelt. Seit gerade drei Stunden ist er Literaturnobelpreisträger, und er bleibt stehen und genießt diesen Moment. Kurz darauf redet er in leisem, kaum brüchigem Deutsch in die Mikrofone. Die zitternde Hand versteckt er in der Jackentasche.“

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Die Freude des neuen Literatur-Nobelpreisträgers Imre Kertész über seine Auszeichung wird vielerorts geteilt. Wie immer hat der Erfolg viele Väter, von denen manche freilich völlig unvermittelt auftauchen. So dürfen sich mit Kertész nicht nur mit Suhrkamp und Rowohlt gleich zwei Verlage geehrt fühlen, sondern auch ein vermeintlich völlig Unbeteiligter wie Berlins Regierender Bürgermeister. Es sei „eine große Ehre für die Stadt“, ließ Klaus Wowereit verlauten, dass Kertész, als er von der Preisvergabe erfahren habe, in Berlin geweilt habe. So einfach ist es für manche also, zu Ruhm und Ehre zu kommen.

Wir haben lange gewartet

Für die Journalisten in Berlin war es immerhin einfach, an ein Interview zu kommen: Ein leibhaftiger Nobelpreisträger gleich in Laufweite, so ein Glück hat man nicht alle Tage. Durch die spezielle Aura, die der soeben Dekorierte nun ausstrahlt, wird dann selbst eine schlichte Begegnung am kalten Herbsttag - siehe obige, dem „Tagesspiegel“ entnommene Beschreibung - zu etwas Besonderem. Doch nicht nur die frierenden Berliner Reporter, auch ihre Kollegen in dem warmen Schreibstuben der Feuilletons können mit der Stockholmer Wahl ausgesprochen gut leben.

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Tilman Krause und seine Kollegen in der „Welt“ beispielsweise, vielleicht aber auch die Intellektuellen oder die Deutschen insgesamt - Krause jedenfalls schreibt von einem „wir“ - sind's zufrieden. „Wir“ nämlich haben auf diesen Nobelpreis „lange gewartet. Er ist, nach langen Jahren der politisch korrekten Kompromiss- und der geographischen Proporzlösungen, endlich wieder ein Preis, der unzweifelhaft einer Literatur gilt, die sich als sprachliches Kunstwerk begreift.“

Alles richtig gemacht

Eine „ausgezeichnete Wahl“ bescheinigt der Akademie auch Ina Hartwig in der „Frankfurter Rundschau“: „Es ist fraglos die beste Entscheidung seit Jahren.“ Seit wievielen Jahren, schreibt Hartwig nicht: War sie nur mit den Preisen für V.S. Naipaul (2001) und Gao Xingjian (2000) unglücklich oder auch mit jenen für Günter Grass (1999), Seamus Heaney (1995) oder Toni Morrison (1993)? Cornelia Geissler in der „Berliner Zeitung“ verzichtet auf Vergleiche und schreibt schlicht: „Mit der Entscheidung für Imre Kertész hat die schwedische Nobelpreis-Jury einmal alles richtig gemacht.“

Hat sie nicht, meint Thomas Steinfeld in der „Süddeutschen Zeitung“, der die Entscheidung „literarisch betrachtet“ sowie „literaturpolitisch“ allerdings völlig in Ordnung findet. Welches Kriterium aber, so fragt man sich, sollte die Jury denn noch berücksichtigen? Jenes, schreibt Steinfeld, des Moralischen und Philosophischen: Stoße Kertész' „Roman eines Schicksalslosen“ jeden Leser doch in ein „bodenloses moralisches Dilemma“. Und zwar deshalb, weil Kertész hier „den kategorialen Unterschied von Moral und Verbrechen nicht gelten“ lässt, „er verweigert sich der Frage nach der Schuld - oder, was dasselbe ist, er kennt nichts anderes als Schuld.“ Und deshalb hätte ihn die Jury lieber nicht auszeichnen sollen?

Harte Worte aus Russland

Da halten wir uns lieber an den guten alten Hellmuth Karasek: „Ich wüsste (von seinem Schicksalsgenossen Aleksandar Tisma vielleicht abgesehen) keinen Autor aus den Höllen des 20. Jahrhunderts, der den Nobelpreis mehr verdient hätte“, jubiliert er im „Tagesspiegel“. Der einzige, der schon am Donnerstag noch andere Autoren aus dieser Hölle wusste, war der „aspekte“- Redaktionsleiter Wolfgang Herles, welcher Jorge Semprun oder dem - freilich verstorbenen - Primo Levi den Vorzug gegeben hätte.

Mit seiner Kritik steht Herles völlig allein da - zumindest in Deutschland. Schaut man über die Landesgrenzen hinaus, etwa in die Moskauer „Iswestija“, so stößt man hingegen auf harte Worte, die hierzulande niemand zu äußern wagte: „Den in Deutschland lebenden 73-Jährigen kann man wohl kaum als großen Schriftsteller bezeichnen. Seine Auszeichnung hat er wohl vor allem für sein tragisches Schicksal bekommen.“ Während sich die „New York Times“ - möglicherweise aufgrund unüberbrückbarer Distanz zu Kertész und seinem Werk - ausgesprochen zurückhaltend zeigt. Sie meldet eher kühl, der Nobelpreis gehe an einen „ungarischen Romanautor und Holocaust-Überlebenden mit einer kleinen, aber ergebenen Leserschaft in Europa“.

Quelle: @jöt
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