Kommentar zum Populär-Oscar

Lasst uns ein Getto bauen!

Von Verena Lueken
 - 11:10

Kaum hat ein international immens erfolgreicher, von Kritikern weltweit gefeierter Film über einen schwarzen Superhelden, in dem kein Weißer zu sehen ist, vor der Kamera nicht und dahinter nur selten, die Chance, im Oscar-Rennen um den besten Film des Jahres mitzulaufen, sagt die American Academy of Motion Pictures Arts and Sciences: Lasst uns ein Getto bauen! In diesem Fall heißt es „Oscar for Outstanding Achievement in Popular Film“, eine Beleidigung und ein verzweifelter Versuch, populär zu wirken.

War nicht Kino einmal eine populäre Kunst? Wurde nicht im Kino einmal verhandelt, worüber draußen gestritten wurde, und sind es nicht heute Filme wie „Black Panther“, für die das Kino noch eine gesellschaftliche Wahrnehmungsform darstellt und keinen allein künstlerischen Diskurs, für den die Academy dann doch auch nicht wirklich zu haben ist? Und was könnten die Voraussetzungen für eine Nominierung zum Populäroscar sein? Budgethöhe? Einspielergebnis? Nach einem ziemlich lauten Aufschrei in der Branche hat die Academy immerhin dahin gehend präzisiert, dass Nominierte in der neuen Kategorie auch für den besten Film nominierbar bleiben, wobei das bei den Animationsfilmen, die vor Jahren auch ihre eigene Kategorie bekommen haben, bisher nicht so gut funktionierte.

Grund für die Einführung eines Trostpreises für Filme wie „Black Panther“ ist paradoxerweise der Versuch der Academy, an Bedeutung zu gewinnen. Das soll auch durch eine Verkürzung der Fernsehübertragung geschehen, der in den vergangenen vier Jahren fast vierzig Prozent der Zuschauer davongelaufen sind. Aber immer noch haben 26,6 Millionen in verschiedenen Zeitzonen zugeschaut, und wer darunter war, wird die Nachricht, in Zukunft sei nach drei Stunden definitiv Schluss, für eine gute halten. Aber wie soll das gehen? Die bereits verkürzte Redezeit weiter zu verkürzen, kam wohl nicht in Frage, und es wurde ja auch immer dann spannend, wenn – wie in diesem Jahr Frances McDormand – jemand die Gelegenheit nutzte, etwas Sinnvolles zu sagen. Auch das hat Oscar-Tradition, seit Sacheen Littlefeather im Namen Marlon Brandos dessen Oscar für den „Paten“ aus Protest gegen die stereotype Darstellung der amerikanischen Ureinwohner durch die Film- und Fernsehindustrie zurückwies.

Oscars auszulagern, wie es mit denen fürs Lebenswerk und einigen technischen bereits geschah, ist keine Option, obwohl die Entscheidung, ein paar in den Werbepausen zu verleihen, aufs selbe hinausläuft. Das alles sieht hilflos aus. ABC, der Sender, der sich ein wenig vorschnell angesichts der rasanten Entwicklung im Unterhaltungsgeschäft die Übertragungsrechte der Verleihung für jährlich 75 Millionen Dollar bis ins Jahr 2029 gesichert hat, gehört übrigens Disney, und Disney ist auch der Eigentümer von Marvel. Es wäre doch schön, wenn sich daraus auch in der Nacht der Nächte in Hollywood eine Synergie erzielen ließe, und sei es im Getto.

Quelle: F.A.Z.
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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