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Schweiz

Kulturschaffende im Parlament

Von Jürg Altwegg
 - 14:38
Die Spitzenkandidatin der Liste „Kunst und Politik“: die Schriftstellerin und Gewinnerin des Buchpreises 2010, Melinda Nadj Abonji Bild: dpa, F.A.Z.

Zum Klagen haben sie wenig Grund. Die Schweizer Regierung wird die Ausgaben für die Kultur um mehrere Prozent auf mehr als eine Milliarde Franken erhöhen. Dennoch wollen die Kulturschaffenden ins Parlament. In Zürich werden Schriftstellerinnen, Kritiker, ein Galerist, Filmschaffende, Intellektuelle und Vertreter der Verbände bei der Wahl im Herbst kandidieren. Ihre Liste „Kunst und Politik“ umfasst 35 Namen, Spitzenkandidatin ist Melinda Nadj Abonji, die 2010 den Deutschen Buchpreis bekam. Ebenfalls über das Land hinaus bekannt ist der Übersetzer, Essayist und Journalist Stefan Zweifel, der als Moderator des „Literaturklubs“ gehen musste, nachdem er Elke Heidenreich auf ein falsches Heidegger-Zitat aufmerksam gemacht hatte. Ein weiteres Zugpferd stellt die Schauspielerin Mona Petri („Das Fräuleinwunder“, „Feuer und Flamme“) dar.

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Die Kultur ist der gemeinsame Nenner der Vereinigung „Kunst und Politik“, die keine Partei sein will. Die Kandidaten müssen kein Programm vertreten und sind im Falle einer Wahl an keinerlei Fraktionszwang gebunden. Sie verstehen sich auch nur sehr begrenzt als Lobbyisten der Kultur. Gegründet wurde die Vereinigung nach der Abstimmung über ein Verbot von Minaretten. Sie veröffentlichte einen Appell gegen die „weitere Vergiftung des kulturellen und sozialen Klimas“, den Peter Bichsel, Arno Camenisch, Martin R. Dean, Daniel de Roulet, Melinda Nadj Nabonji und Ruth Schweikert unterschrieben. Letztere kandidiert nun auf dem dritten Listenplatz für das Parlament und gehört zu den Initiatoren des Unterfangens.

Eine Premiere in der Schweizer Demokratie

Für Politik interessiert Schweikert sich, „seit ich 1971 als Sechsjährige mitbekommen habe, dass mein Vater darüber abstimmen durfte, ob meine Mutter künftig ebenfalls stimm- und wahlberechtigt sein würde“. Damals tat sich die Eidgenossenschaft nicht nur mit den Frauen, sondern auch mit den kritischen Intellektuellen schwer. Max Frischs Engagement war eher grundsätzlicher Art, Adolf Muschg scheiterte als Kandidat der Sozialisten bei der Wahl für die kleine Kammer.

Inzwischen aber sitzt der Schriftsteller Peter Stamm als Vertreter der Grünen im Winterthurer Parlament. Eine ganze Liste mit Kulturschaffenden ist dennoch eine Premiere in der Schweizer Demokratie. Ruth Schweikert würde sich als Abgeordnete in Bern mit der „sozialen Gerechtigkeit“ sowie Umwelt- und Flüchtlingspolitik befassen. Auch ein Bildungssystem, das „nicht nur auf berufliche Qualifikationen“ ausgerichtet ist, liegt ihr am Herzen. Ganz so aussichtslos ist das politische Unterfangen keineswegs. Aber noch hat die Schriftstellerin anderweitige Verpflichtungen: Sie wird die nächste Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim.

Quelle: F.A.Z.
Jürg Altwegg
Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.
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