Abbasidenkunst in Berlin

Da musste das Abendland erblassen

Von Andreas Kilb
 - 17:10

Anfang des neunten Jahrhunderts nach Christus stand das Kalifat der Abbasiden in Bagdad auf dem Gipfel seiner Macht. Während das Reich Karls des Großen nach dessen Tod in drei Teile zerbrach, geboten die islamischen Herrscher am Tigris über ein Imperium, das von Südarabien bis ans Kaspische Meer, vom Atlasgebirge bis an die Schwelle des Himalaja reichte. Im Osten hielten ihre Reiterheere die Truppen der chinesischen Tang-Dynastie in Schach, im Westen besiegten sie den byzantinischen Kaiser Theophilos und zerstörten die Festung Amorion, die Heimat seiner Dynastie. Auch die Erbfolge schien bei den Abbasiden geregelt: Auf Harun ar-Raschid, den Kalifen aus „Tausendundeiner Nacht“, folgten nacheinander seine Söhne al-Mamun und al-Mutasim. Kein irdischer Staat reichte an den Glanz des Kalifats heran.

Und doch war dieser Glanz bedroht, durch dieselbe militärische Macht, die ihn schützte. Da die Abbasiden über kein Volksheer oder Ritteraufgebot verfügten, mussten sie Söldner anwerben, vor allem Türken und Choresmier aus den Steppen Innerasiens. Diese Lohntruppen, die in geschlossenen Verbänden kämpften und siedelten, sorgten, wie vor ihnen die Prätorianer Roms, für soziale und politische Unruhen im Vielvölkerstaat der Kalifen. Schon Harun ar-Raschid hatte deshalb am Tigrisufer nördlich von Bagdad eine neue Hauptstadt zu gründen versucht, allerdings ohne Erfolg. Sein jüngerer Sohn al-Mutasim ging dann im vierten Jahr seiner Herrschaft, 836 nach Christus, entschlossener zu Werk und gab seinem Reich ein neues Zentrum in sicherer Entfernung zum alten. Der arabische Name der Neugründung lautete „Surra man ra’a“- „Wer sie erblickt, freut sich“. Der Volksmund verkürzte ihn rasch zu „Samarra“.

Viele Zeugnisse städtischen Lebens

Ab 1911 wurde Samarra von Ernst Herzfeld im Auftrag des sieben Jahre zuvor gegründeten Berliner Museums für Islamische Kunst ausgegraben. Bis 1913 legte Herzfeld die Reste von drei Kalifenpalästen und zahlreichen Wohnhäusern im Umkreis der modernen Kleinstadt Samarra frei. Das Terrain der Metropole al-Mutasims und seiner Nachfolger, die sich mehr als fünfzig Kilometer weit am Fluss erstreckt hatte, konnte er zwar nicht annähernd erforschen, aber er fand alle möglichen Zeugnisse städtischen Lebens, Glaswaren, Brettspiele, Keramik, Badeanlagen, Stuckfassaden und anderes mehr. Die Stadt war im Jahr 892, kaum sechzig Jahre nach ihrer Gründung, wieder aufgegeben und leer geräumt worden, so dass fast alle beweglichen Gegenstände inklusive der Marmorbodenplatten verschwanden. Nur ihre religiösen Stätten, vor allem die große Moschee mit ihrem berühmten Minarett in Zikkuratform und die beiden schiitischen Schreine, die bis heute Ziel von Pilgerfahrten und Attentaten sind, haben die Zeiten überdauert.

Dann kam der Erste Weltkrieg. Die Engländer, die das Zweistromland nach zähen Kämpfen erobert hatten, konfiszierten die Masse der Funde und verteilten sie nach Gutdünken an Berlin, Paris, ihr eigenes Victoria and Albert Museum und amerikanische Adressen. Herzfeld selbst, der seine Grabungen nicht wiederaufnahm, musste in den dreißiger Jahren vor der Rassenpolitik des Naziregimes über London in die Vereinigten Staaten emigrieren. Heute liegt sein Archiv in der Freer Gallery of Art in Washington.

Luxuswaren aus China

Es ist also alles andere als museumspolitische Routine, wenn die Samarra-Schätze der Berliner Sammlung jetzt in einer kompakten Ausstellung im Pergamonmuseum gezeigt werden. Denn einerseits ist die Präsentation dieses kurzlebigen „Zentrums der Welt“ ein interessantes Seitenstück zu den Sensationsfunden aus Amarna, die nebenan im Neuen Museum zu sehen sind und ebenfalls aus einer planmäßig evakuierten Königsstadt stammen. Und andererseits wirft sie ein dringend nötiges Schlaglicht auf das Museum für Islamische Kunst, das immer ein wenig im Schatten der großen Attraktionen des Pergamonmuseums gestanden hat, aber durch den Umzug und die Neuaufstellung der Mschatta-Fassade im Nordflügel ab 2019 ein größeres Gewicht in der Berliner Museumslandschaft bekommen soll.

Was also sieht man in dem großen Saal, den die Kuratoren für Samarra freigeräumt haben? Zum Beispiel die Ergebnisse eines geglückten Kulturtransfers. Das Bedürfnis der Kalifen und ihres Hofstaats nach Luxuswaren war gewaltig, und ein wichtiger Teil dieses Luxus kam aus China, wo kurz zuvor das Porzellan erfunden worden war. Die Werkstätten von Samarra griffen das chinesische Design in weißglasierten Tongefäßen auf, die sie mit dem traditionellen Blau des Zweistromlands dekorierten. Aus ihren Händen gelangte die neue Farbgestaltung wiederum nach China, von wo sie sechs Jahrhunderte später während der Ming-Dynastie ihren Siegeszug durch Europa antreten sollte.

Reichtümer im Überfluss

Aber auch die künstlerischen Eigenschöpfungen des Kalifats können sich sehen lassen. Aus der spätantiken Wandornamentik mit Weinlaub und -trauben entwickelte sich unter den Abbasiden der sogenannte Schrägschnittstil, mit dem der Durchbruch zur Abstraktion gelang. Neuartige Metallzusätze und Brennverfahren zauberten grün- und rotgoldene Farbtöne auf Schalen und Fliesen. Die uralte Kunst des Glasschnitts aus gebündelten Stäbchen, die auch in Amarna zu Hause war, wurde in Samarra zur heute noch gängigen Millefiori-Technik perfektioniert.

Es sind, neben einem hinreißend schönen Adler-Aquamanile, einem Gießgefäß für Handwaschungen, das die Bronzegießer des Abendlands vor Neid erblassen lassen musste, vor allem Bruchstücke, die in Berlin gezeigt werden, Holzleisten, Teile von Stuckwänden und Kamelfriesen, Teller mit Tiermotiven. Doch diese Kleinkunst trägt die Spuren eines bis zum Exzess kultivierten Lebens, eines Hofes, der aus allen Himmelsrichtungen die Reichtümer der unterworfenen Völker zusammentrug und in glitzernden Überfluss verwandelte, bis seine ökonomische Basis zerbrach.

Genau das geschah am Ausgang des neunten Jahrhunderts. Das Kalifat, von inneren Kämpfen und der Abspaltung Ägyptens erschüttert, stürzte in eine Krise, die neue Hauptstadt am Tigris wurde aufgegeben und die alte, Bagdad, wieder bezogen. Dort hielt sich das Kalifat, als Spielball fremder Söldner und höfischer Intriganten bald nur noch ein Schatten seiner selbst, noch mehr als dreihundert Jahre, bis es mit der Eroberung durch die Mongolen im Jahr 1258 erlosch. Samarra war eine Sackgasse, ein totes Ende der Weltgeschichte. Aber eben dadurch, dass es nicht anwuchs, bewahrte es den authentischen Abdruck seiner Zeit. In Berlin kann man ihn bestaunen.

Samarra - Zentrum der Welt. Museum für Islamische Kunst, Berlin, bis zum 26. Mai. Kein Katalog.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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