Leonardo da Vinci restauriert

Ist Mückenschiss keine wahrhafte Geschichtsspur?

Von Frank Zöllner
 - 23:19

Etwas mehr mediale Resonanz hätte man schon erwartet, als die Uffizien in Florenz kürzlich die frischrestaurierte „Anbetung der Könige“ des Leonardo da Vinci vorstellten. Das vergleichsweise geringe Interesse an dieser Restaurierung (jede abstruse Deutung der Mona Lisa erhält mehr Aufmerksamkeit) ist nicht nur wegen ihrer blendenden Resultate erstaunlich, sondern auch angesichts ihrer Begleitumstände. Sie markieren einen Paradigmenwechsel im Umgang mit der Geschichtlichkeit von Bildern. Und sie offenbaren ein Dilemma, das bis heute nicht gelöst ist und wahrscheinlich auch nie vollständig gelöst werden kann.

Wir wissen bis heute nicht genau, warum Leonardo seine 1481 begonnene Anbetung unvollendet hinterließ. Das über den Zustand einer monochromen Untermalung nicht hinausgelangte Gemälde hat trotzdem von Beginn an höchste Wertschätzung erfahren – und daher leider auch den ein oder anderen „Schutzanstrich“ erdulden müssen. Klar erkennbar waren gleichwohl auch schon vor der jüngsten Restaurierung die Einzelfiguren, die Anbetung des Christuskindes durch die drei Könige, die unterschiedlichen Typen und Temperamente der umstehenden Personen, die kühne Perspektivkonstruktion der Ruine des Davidspalastes im Hintergrund und etliche andere Details des 243 auf 246 Zentimeter messenden und damit vergleichsweise großen Altarbildes.

Grobmotorisch applizierte „Schutzschicht“

Was nach Ansicht der Restauratoren trotzdem eine gründliche Reinigung des Gemäldes notwendig machte, war zunächst die starke Verschmutzung seiner Oberfläche. Das Ausmaß dieser Verschmutzung war immer schon mit bloßem Auge sichtbar. Deutliche Spuren haben die im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert aufgetragenen Firnisse hinterlassen. Selbst bei mäßiger Beleuchtung konnte man erkennen, dass diese Schichten mit einem extrem groben Pinsel von der Größe eines Witschequastes aufgetragen worden waren. Und zwischen den weiß schimmernden Schlieren dieser grobmotorisch applizierten „Schutzschicht“ hatten sich Hunderte, wenn nicht Tausende kleiner brauner Flecken im Firnis festgesetzt. „Mückenschiss“ antwortete der Restaurator lapidar und sichtlich amüsiert auf meine Frage nach deren Provenienz.

Erkundigungen dieser Art können jetzt wahrscheinlich deutlich elaborierter beantwortet werden. Immerhin hat die 2011 initiierte Restaurierung einschließlich vorbereitender Untersuchungen fast sechs Jahre in Anspruch genommen. Schicht um Schicht wurde das Gemälde mit Hilfe neuester Technik untersucht, Schicht um Schicht der Schmutz der Jahrhunderte abgetragen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Eigentlich haben wir es jetzt mit einem vollkommen neuen Gemälde zu tun oder, genauer gesagt, mit einer riesigen gemalten Zeichnung, die eben frisch aus Leonardos Werkstatt zu kommen scheint.

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Auffällige Leuchtkraft

Deutlicher erkennbar sind jetzt die Modellierung der Volumina sowie die Änderungen der Perspektive des Davidspalasts und der Konturen einiger Figuren im Hintergrund. Leonardo hat diese Änderungen offenbar spontan während der Arbeit an seinem Gemälde vorgenommen. Eine genaue Beurteilung dieser Spontaneität im Malprozess dürfte aber erst nach der Publikation des vollständigen Restaurierungsberichts möglich sein. Dasselbe gilt für Fragen der Interpretation.

Man mag aber schon jetzt darüber nachdenken, ob die auffällige Leuchtkraft des restaurierten Bildes etwas mit einer intendierten Bedeutung zu tun hat. Tatsächlich ist das Licht ja in jedem Fall eines seiner Themen. Von einer starken Lichtquelle, dem Stern von Bethlehem, geleitet, fanden die drei Könige aus dem Morgenland bekanntlich das Jesuskind. Auf diesen Stern verweist der junge Mann links des Baumes im Mittelgrund mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand. Vor der Leuchtkraft des göttlichen Lichtes schützt sich der bärtige Alte mit seiner erhobenen Rechten. Und wenn das göttliche Licht ein zentrales Thema des Bildes ist, dann spielt vielleicht auch die vor einigen Jahren ins Feld geführte Lichtmetaphysik der Augustiner eine Rolle, für die Leonardo das Gemälde zu malen begonnen hatte.

Proteste und Befürchtungen

Das Bild selbst und seine Restaurierung standen nicht immer unter einem guten Stern. Tatsächlich hagelte es Proteste, als das Gemälde im Frühjahr 2001 zur Vorbereitung einer seit 1992 erwogenen Restaurierung untersucht wurde. Federführend dabei waren der New Yorker Renaissancespezialist James Beck sowie ArtWatch und die Association for the Respect for the Integrity of the Artistic Patrimony, zwei zu Beginn der neunziger Jahre zum Schutz bedrohter Kunstwerke gegründete Organisationen. Den Verantwortlichen in den Uffizien wurde damals eine von vierzig namhaften Experten unterzeichnete Petition gegen die geplante Restaurierung überreicht.

Die Unterzeichner bemängelten das Fehlen einer wissenschaftlichen Reflexion über die Notwendigkeit der restauratorischen Maßnahmen und über die historische Bedingtheit von Restaurierungen überhaupt. Zudem befürchteten sie die Zerstörung der Einmaligkeit des Kunstwerkes und die Schaffung einer unhistorischen, der modernen Kuratorenästhetik verpflichteten Fiktion, in der die Spuren der Geschichte nur irritieren würden. Am schwersten aber wogen wohl die Zweifel an der Hypothese der Restauratoren, dass man mit den gegebenen technischen Mitteln zwischen der letzten noch von Leonardo stammenden Farbschicht und den später aufgetragenen Firnissen einschließlich ihrer schmutzigen Beigaben werde unterscheiden können. Die Uffizien stellten die Restaurierung schließlich zurück und boten Expertendiskussionen auf Grundlage der 2001 erzielten Untersuchungsergebnisse an.

Sensibilität für die Folgen der Geschichte

Debatte und Argumente dieser Art waren schon zum damaligen Zeitpunkt nicht ganz neu. Bereits die spektakuläre Restaurierung von Michelangelos Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle in Rom hatte von den achtziger Jahren an ganz ähnliche Kontroversen verursacht. Und schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatte Ernst Gombrich, einer der bedeutendsten Kunsthistoriker des vergangenen Jahrhunderts, anlässlich der Restaurierung mehrerer Gemälde der National Gallery in London durch Helmut Ruhemann einen wissenschaftlich fundierten Diskurs über Sinn und Risiken von Restaurierungen eingefordert und auch bekommen. Zentraler Bestandteil seiner Argumentation war der Verweis auf historische Quellen zur Maltechnik und auf die Geschichtlichkeit kunsthistorischer Bewertungsmaßstäbe.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie und ist vielleicht auch kein Zufall, dass Ernst Gombrich und Helmut Ruhemann, die Protagonisten der „National Gallery Cleaning Controversy“, auf der Flucht vor dem Faschismus nach Großbritannien gelangt waren und dort zu weltweit anerkannten Koryphäen ihrer Fachgebiete aufstiegen. Die zwischen 1947 und 1963 auf dem Gebiet der Gemälderestaurierung ausgetragene Frage, wie man sich gegenüber den Spuren der Geschichte verhält, war für beide Emigranten keineswegs ein rein theoretisches Problem. Jeder auf seine Weise besaß daher eine erhöhte Sensibilität für die Folgen von Geschichte, für die Bewertung ihrer Zeugnisse und für den Umgang mit ihren Spuren – auch mit solchen, die in die Werke der bildenden Kunst eingeschrieben sind.

Erinnerung an die Kritiker von einst

Die Londoner Kontroverse verdeutlicht weit mehr als die ähnlich gelagerten Debatten späterer Zeit ein Dilemma. Weder mit perfekt entwickelten technischen Mitteln noch durch eine messerscharfe wissenschaftliche Reflexion lässt sich mit letztgültiger und absoluter Gewissheit die Validität restauratorischer Maßnahmen beurteilen. Das bestätigt auch ein Selbstversuch. Wohl kaum jemand, der schon einmal das unschätzbare Privileg genossen hat, ein erstklassiges Altmeistergemälde unter Tageslichtbedingungen und in Begleitung eines enthusiastischen Restaurators zu untersuchen, kann sich den faszinierenden Versuchungen der modernen Diagnose- und Restaurierungstechnologien entziehen. Die Möglichkeit, der durch den Schmutz der Jahrhunderte verdunkelten Wahrheit eines Gemäldes mit technischen Mitteln näher zu kommen, kontrastiert dabei mit der Gefahr, dass dabei die oft nicht weniger packende Wahrheit der Geschichtsspuren auf einem Kunstwerk ausgelöscht wird.

Bei aller Anerkennung für die meisterhafte Restaurierung, die 2001 vom damaligen Restaurator der Uffizien Alfio Del Serra eingeleitet und nun von seinem Kollegen Roberto Bellucci und seinem Team vollendet wurde: Es lohnt der Blick zurück auf jene Zeit, als Restaurierungen noch Gegenstand erbitterter Debatten waren. Ebenso lohnt die Erinnerung an die Kritiker von damals. Auch ihrer Beharrlichkeit ist es zu danken, dass Restaurierungen das heute übliche Niveau erreicht haben.

Der Autor lehrt Kunstgeschichte an der Universität Leipzig.

Quelle: F.A.Z.
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