Anita-Rée-Schau in Hamburg

Wie ein getüpfeltes Fabelwesen

Von Irene Bazinger
 - 20:16
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Ja, es stimmt schon, auf ihren Gemälden und Zeichnungen lacht kaum jemand. Aber war die Malerin Anita Rée deswegen eine unglückliche Frau? Nein, sagt Karin Schick, die nun deren erste Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle kuratiert hat, mit der sie versucht, die traurige Legende von der verzweifelten und verfemten Anita Rée kritisch zu beleuchten und ihr Leben wie ihr Werk neu zu interpretieren. Deren düster umflorter Ruf resultiert nämlich aus solch menschelnden Bildanalysen, zusammen mit dem biographischen Umstand, dass sie, keine fünfzig Jahre alt, sich das Leben nahm. So verbreitet biographische Schlüsse in den achtziger Jahren im Zuge künstlerischer Spurensuchen dabei waren, zahlreiche aus dem kunstgeschichtlichen Diskurs verdrängte Künstlerinnen wieder in Erinnerung zu bringen, lassen sie sich heute in breitere Zusammenhänge stellen.

Denn Anita Rée war Karin Schick zufolge kein Opfer der Zeitumstände, sondern vor allem eine selbstbewusste, reflektierte und anerkannte Malerin. Allein um ihre Kunst geht es in der Ausstellung, nicht um den Mythos. Die rund zweihundert Werke zeigen in elf thematisch ausgerichteten Sälen die umfassende Bandbreite des Schaffens einer so interessanten wie vielfältigen, so neugierigen wie intellektuellen Künstlerin, die, völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten, endlich und fulminant wiederzuentdecken ist.

Geboren wurde Anita Rée 1885 in Hamburg, wo ihr jüdischer Vater mit seiner venezolanischen Ehefrau lebte. Als höhere Tochter lernte sie Klavier und Französisch und entdeckte, dass ihr die Malerei mehr war als ein sporadisches Hobby. Sie besuchte eine private Malschule, verfolgte aktuelle Tendenzen in den bildenden Künsten in Paris, fuhr nach Italien, um die Alten Meister zu studieren. Max Liebermann, der sich nicht viel um die damals auftauchenden „Malweiber“ zu kümmern pflegte, begutachtete 1906 trotzdem einige ihrer Arbeiten, bescheinigte ihr Talent und riet ihr, sich fortzubilden.

Ab 1913 beteiligte sie sich an Ausstellungen. Bereits zwei Jahre später kaufte die Hamburger Kunsthalle erste Werke von ihr an. 1919 wurde sie Gründungsmitglied der Hamburger Sezession und stellte dort zeitlebens regelmäßig aus. Als die Harvard Society for Contemporary Art in Boston 1930 „Modern German Art“ präsentierte, hing neben Gemälden von Emil Nolde und Max Beckmann auch eines von Anita Rée.

Ihr schwer festzulegender Stil ist eine Schnittmenge aus Tradition und Moderne, der Neuen Sachlichkeit oder dem Kubismus ebenso verpflichtet wie der Frührenaissance. Anregungen gewann Anita Rée auf Reisen, überdies im Völkerkundemuseum Hamburg oder in der Bibliothek des Kunsthistorikers Aby Warburg. Ob à la Feininger übereinandergestapelte, lichtdurchtränkte Häusergruppen an der Amalfiküste, getüpfelte animalische Fabelwesen oder suggestive Madonnenbildnisse, immer stand Anita Rée im Spannungsfeld divergierender Einflüsse. Eine Künstlerin „im Dazwischen“, wie es Karin Schick nennt, schwer zu kategorisieren, was der Rezeption nicht unbedingt dienlich war – im Übergang von Alt zu Neu, von Ideologie zu Identität, von Raum zu Zeit, von Landschaftsskizze zu Figurenstudie, von Mann zu Frau.

Für ein Porträt der befreundeten Fotografin Hildegard Heise zum Beispiel hebt Rée deren androgynes Aussehen nicht auf, deutet mit dem hellen Gesicht und dem schwarzen Hintergrund allerdings deren Beruf an und setzt eine Pusteblume daneben, wie um die harten Konturen liebevoll weich abzufangen. Sie malt nicht nur christlich zu deutende Bilder von Müttern mit Neugeborenen, sondern etwa auch das „Blaue Porträt“ um 1915, in dem eine Frau lediglich die Geste des Babyhaltens vollführt, aber zwischen ihren beschwörend gekrümmten Händen ist nichts als Leere und kein Kind.

Dank ihrer Herkunft verkehrte Anita Rée in der gehobenen Gesellschaft, hatte ein gutes Netzwerk aus Künstlerkollegen, Unterstützern, Mäzenen. Man schätzte zumal ihre intensiven, manchmal surreal hinterlegten Porträts, wovon nach wie vor viele in Privatbesitz sind, ebenso wie die Holzschränke, die sie humorvoll mit Affen oder Papageien bemalte, möglicherweise als farbenfrohes Geschenk für ihre Gastgeber. Denn seit ihrer Rückkehr aus Positano, wo sie von 1922 bis 1925 glückliche Jahre unter der italienischen Sonne verbrachte, hatte sie weder ein festes Atelier noch einen ständigen Wohnsitz. Sie lebte lieber in bescheidenen Pensionen und bei Freunden. Da war sie auf dem Höhepunkt ihres Ruhms – und wusste das auch.

Mit der privaten Seite ihres Daseins hingegen haderte sie. Ohne es objektiv zu sein, fühlte sie sich einsam und ausgestoßen. Liebesbeziehungen dauerten nie lange, Kinder hatte sie keine. Sie trug gern Ohrringe aus Korallen, die als Mittel gegen Melancholie galten, und malte sie auf manche Leinwand. Schwermütige Neigungen wurden ihr schon lange nachgesagt, so umschrieb man damals Depressionen.

Den aufsteigenden Nationalsozialisten galt Anita Rée als Jüdin, obwohl sie evangelisch getauft war und keine Belege für religiöse Bindungen vorliegen. Ungeachtet der Diskriminierungen und der Tatsache, dass sie als freie Künstlerin hier kaum eine Zukunft hatte, wollte sie Deutschland nicht verlassen. Sie zog im Sommer 1932 nach Sylt, wo sie ihre Handschrift zu konzentrierter Einfachheit weiterentwickelte. Schnörkellose wie profunde Naturimpressionen werden als Ausdruck innerer Befindlichkeiten stilisiert, die Dünenlandschaft ist fast tragisch verfremdet und statt von Menschen von gefährdeten, verlorenen, haptisch präsenten Tieren bevölkert. Mag das inhaltlich von Not, Angst, Sorge, vielleicht Todesahnungen sprechen, zeigen diese Bilder formal indes die Lust auf neue schöpferische Wege.

Trotzdem nahm sich Anita Rée am 12. Dezember 1933 mit Schlaftabletten das Leben. Warum? Karin Schick will sich nicht an Spekulationen beteiligen, aber auch nicht Anita Rées Werk einzig aus der Perspektive des Selbstmords betrachten. Und so endet die schöne, kluge, überzeugend konzipierte Ausstellung mit dem fröhlichen Porträt der Freundin Lotte Burk, die zu Besuch nach Sylt kam. Es sieht in seiner weichen Farbigkeit und nonchalanten Komposition nicht nach Verzweiflung oder Weltekel aus, sondern nach Spaß, Ausgelassenheit und Freude am Dasein, wie sie die wunderbare Künstlerin Anita Rée zu zelebrieren vermochte.

Anita Rée. Hamburg, Kunsthalle; bis zum 4. Februar 2018. Der Katalog ist im Prestel-Verlag erschienen und kostet im Museum 29 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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