Anne Franks Familie

Eine Geschichte aus Frankfurt

Von Hubert Spiegel
 - 19:56

Als Kind hat Buddy Elias ein Kartenspiel gebastelt, ein Familienquartett mit Zeichnungen und kurzen Charakteristiken seiner Verwandten. Unter dem Porträt seiner Cousine Margot Frank steht „Verträgt Küsse nicht“. Margots jüngere Schwester Anne ist „Der Strolch“. An die achtzig Jahre alt ist dieses Kinderspielzeug nun. Buddy Elias selbst ist 88 Jahre alt, seine Cousine Margot und ihre drei Jahre jüngere Schwester Anne kamen im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ums Leben. Beide Schwestern führten ein Tagebuch. Margots Aufzeichnungen wurden nie gefunden, Anne Franks Tagebuch ist weltberühmt und in mehr als zwanzig Millionen Exemplaren erschienen.

Jetzt liegt das Kartenspiel zusammen mit anderem Kinderspielzeug, einer Ausgabe von Kästners „Emil und die Detektive“, einem schwarzen Zylinder, Silberbesteck, einem Eisernen Kreuz, zwei Ehrenbroschen für Krankenschwestern aus dem Ersten Weltkrieg und einigen anderen Gegenständen in vier Vitrinen im Jüdischen Museum in Frankfurt. An den Wänden hängen sechs großformatige Fotografien, die Barbara Klemm an jenem Ort gemacht hat, an dem die Objekte bislang untergebracht waren: das Haus von Buddy Elias, seit 1996 Präsident des Anne Frank Fonds, und seiner Frau Gerti in der Herbstgasse in Basel.

Diese Sachen gehören nach Frankfurt

An die tausend Gegenstände und mehrere tausend Dokumente vor allem aus dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert waren seit Jahrzehnten hier versammelt: Familienbesitz seit Generationen, Erb- und Erinnerungsstücke wie Briefe, Fotografien, Gemälde und Möbel bis hin zu Besteck, Geschirr, Tischwäsche und Kleidungsstücken. Der Zylinder in der Vitrine, ein Chapeau claque, hergestellt um 1912 in Dresden, gehörte Buddys Vater Erich Elias, von dem auch das Eiserne Kreuz stammt. Das versilberte Deckelgefäß, das der Schauspieler Buddy Elias bei all seinen Engagements mit sich führte, stammt aus dem Besitz seines Ururgroßvaters Elkan Juda Cahn, der 1796 in Frankfurt geboren wurde. Jetzt sind die ersten Objekte in die Stadt zurückgekehrt, in der auch Buddy Elias zur Welt kam: 1925, vier Jahre vor seiner Cousine Anne Frank.

„Die Sachen gehören hierher, nach Frankfurt“, sagt Buddy Elias im Gespräch mit dieser Zeitung. „Ich bin mit allen diesen Sachen aufgewachsen, sie gehörten meinen Eltern, meinen Großeltern oder meinen Urgroßeltern, aber jetzt habe ich das Gefühl, wenn diese Gegenstände sprechen könnten, sie würden weinen vor Freude, dass sie wieder zu Hause sind.“

Wesentlicher Teil der jüdischen Geschichte Frankfurts

Vor vier Jahren fiel die Entscheidung, alle Bestände und Archive zusammenzuführen, im vorigen Jahr vereinbarte der Anne Frank Fonds mit dem Jüdischen Museum eine weitreichende Kooperation:

Elias überlässt dem Museum die Dokumente und Objekte seiner Familie als Dauerleihgabe, und gemeinsam gründet man das „Familie Frank Zentrum“, das Archiv, Dauerausstellung und pädagogisches Zentrum umfassen wird . Für Raphael Gross, den Direktor des Jüdischen Museums, kehrt damit ein Bestand zurück, der in Frankfurt nicht seinesgleichen hat und es möglich machen wird, „einen wesentlichen Teil der jüdischen Geschichte Frankfurts und damit der Geschichte Frankfurts zu verstehen, zu begreifen und zu vermitteln“.

Ein halbes Jahrhundert, nachdem Anne Franks Vater Otto Frank den Anne Frank Fonds in Basel gründete und als Universalerben der Rechte, Schriften, Fotografien und Archive einsetzte, tritt die Geschichte dieser jüdischen Familie nun in eine neue Ära ein. Mit dieser ersten kleinen Kabinettausstellung, die in Anwesenheit von Buddy Elias und seiner Frau Gerti am Sonntag eröffnet wurde, ist das Familie Frank Zentrum in Frankfurt angekommen.

Das Familie Frank Zentrum wird 2014 eröffnet

Schlagartig weitet sich die Perspektive: Anne Frank, die mit ihrem Tagebuch eines der bekanntesten und berührendsten Dokumente der Schoa hinterlassen hat, erhält nun eine detailreiche Familiengeschichte, die bis ins sechzehnte Jahrhundert zurückreicht. Es ist die Geschichte einer bürgerlichen Familie, die im „Dritten Reich“ aus dem Bürgertum ausgestoßen wurde. Ihre Rekonstruktion wird vielfältigen Einblick in jüdisches Leben in Frankfurt vor allem des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts erlauben.

Die Kabinettausstellung soll nicht mehr sein als ein Auftakt. Es wird noch Jahre dauern, bis alles überführt, erfasst und ausgewertet sein wird. Das Familie Frank Zentrum wird Teil des Erweiterungsbaus sein, der 2017 eröffnet werden soll. Die wissenschaftliche Arbeit mit diesem einzigartigen Erinnerungsschatz deutsch-jüdischer Kultur wird auch danach noch weitergehen. Die Entscheidung, den Familienbesitz nach Frankfurt zu geben, sei ihm nicht schwergefallen, sagt Buddy Elias. Doch er selbst wird nicht in seine Geburtsstadt zurückkehren: „Nein, eine Rückkehr ist keine Option für mich. Aber meine Beziehung zu Frankfurt ist sehr stark. Denn ich weiß: Die Geschichte meiner Familie ist eine Geschichte aus Frankfurt.“

Einblick - Ausblick. Das Familie Frank Zentrum im Jüdischen Museum Frankfurt. Bis 19. Januar 2014.
 

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert (igl)
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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