Art brut in Paris

Bloß nichts Etabliertes!

Von Helmut Mayer
 - 07:38
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Im Sommer 1945 reisen drei Pariser zwei Wochen lang durch die Schweiz. Einer von ihnen, Jean Paulhan, wird später eine launige Beschreibung dieser Tour als schmales Bändchen veröffentlichen. Seine Mitreisenden tauchen darin auf als der Architekt Auxionaz und der Maler Limérique, der heimgesucht sei von der Idee einer unmittelbaren Kunst, die er „art brut“ nenne und deren Grundelemente er bei Verrückten und Gefängnisinsassen zu finden denke: „Würde er von einem Bären in irgendeinem Kanton hören, der sich ans Malen gemacht hat, er schösse sofort hin.“

Der Architekt ist Le Corbusier, und beim Maler handelt es sich um Jean Dubuffet, dem kurz zuvor, nicht zuletzt dank Paulhans Unterstützung, in Paris ein später Durchbruch gelungen war, der noch zu einer steilen internationalen Karriere führen sollte. Dubuffet brillierte in raffiniert ungelenken und „rohen“ Bildern, denen er das Programm einer Kunst mit „anti-kulturellem“ Gestus unterlegte, die auf Kunst im etablierten Sinn gar nicht abziele, diesen Anspruch vielmehr unterlaufe. Was ihm selbst aber Raffinement abverlangte, das würden von Kunst- und Kulturansprüchen weitgehend unberührte Amateure auf direktem Weg hervorbringen, als „art brut“ (die „Kunst“ zu nennen zwar nicht unbedingt konsequent, aber schon aus polemischen Gründen schwer zu umgehen war).

Entscheidend war und blieb, dass Dubuffet dieses Programm mitnichten bloß zur eigenen Profilierung verwendete, sondern ernst nahm: Er begann im großen Stil zu sammeln und initiierte schließlich durch die Schenkung seiner auf mehrere tausend Werke angewachsenen Kollektion das Mitte der siebziger Jahre eröffnete erste Museum der Art brut in Lausanne.

Im Sommer vorigen Jahres zeigte man ebendort eine schöne Ausstellung zur Genese von Dubuffets Sammlung seit 1945. In der Pariser Maison Victor Hugo geht man nun noch weiter zurück, um die „Wurzeln der Art brut“ vor Augen zu führen, nämlich ihr Anknüpfen an Sammlungen, die in psychiatrischen Einrichtungen entstanden waren. Die Pariser Ausstellung präsentiert dazu ausgewählte Werke aus vier solcher Sammlungen.

Am weitesten zurück führt hier der Weg zu einer Kollektion, die von 1834 an im schottischen Crichton entstand, wo W. A. F. Browne – angeregt durch Pinels und Esquirols Reformen des Anstaltswesens in Frankreich – seine Patienten, in der Mehrzahl aus besseren Kreisen, zu künstlerischen Tätigkeiten anhielt. Die zweite vorgestellte Sammlung, von 1900 an in Villejuif und später am Pariser Psychiatrischen Krankenhaus Saint-Anne entstanden, wurde von Auguste Armand Marie, einem Schüler Jean-Martin Charcots, aufgebaut. 1966 gingen mehrere hundert Werke dieser schon zu Lebzeiten ihres Gründers in Teilen zerstreuten Sammlung durch eine Schenkung in Dubuffets Kollektion ein und befinden sich heute in Lausanne.

Zur selben Zeit wie Doktor Marie, mit Beginn des Ersten Weltkriegs, begann der Schweizer Psychiater Walter Morgenthaler, Werke seiner Patienten zu sammeln. Ihn traf Dubuffet 1945 auf seiner Schweizer Reise, sah bei ihm wohl auch zum ersten Mal Werke von Adolf Wölfli im Original, über den Morgenthaler 1921 seine Studie „Ein Geistekranker als Künstler“ verfasst hatte. Die vierte Sammlung schließlich, zusammengetragen an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, geht zwar in ihren Ursprüngen bis auf den Anfang des neunzehnten Jahrhunderts und Emil Kraepelin zurück, entstand aber im Wesentlichen in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, als Karl Wilmanns und Hans Prinzhorn Kliniken im ganzen deutschsprachigen Raum um Zusendungen von Bildern und Objekten baten. Berühmt durch Prinzhorns 1922 erschienenes Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ war sie längst, insbesondere in Kreisen der künstlerischen Avantgarde, als Dubuffet 1950 nach Heidelberg kam, um sich anzusehen, was von ihr nach den Jahren des Nationalsozialismus erhalten geblieben war (F.A.Z. vom 17. Februar 2016).

Werke aus vier Sammlungen also, die verbindet, dass sie mit psychiatrischen Regimen verknüpft waren, die Patienten einen mehr oder minder großen Raum für freies Gestalten einräumten. Das therapeutische oder gar diagnostische Gewicht, das diesem Gestalten zuerkannt wurde, fiel dabei verschieden aus. Der Aufbau der Sammlungen zeigt ein typisches Schwanken zwischen ästhetischer und medizinisch-dokumentierender Orientierung. Nur Prinzhorn hatte während seiner kurzen Ägide eindeutig den Prozess künstlerischen Schaffens im Blick, womit er bezeichnenderweise schlecht bei den Psychiatern ankam, dafür aber gut bei Künstlern, die seine „schizophrenen Meister“ nachhaltig beeindruckten, von Ernst Ludwig Kirchner bis hinauf zu Georg Baselitz und Arnulf Rainer.

Es ist ein anregender Blick auf einen Strang der Vorgeschichte von Dubuffets Art brut, den die Ausstellung gibt. Nicht vergessen sollte man dabei allerdings: Auch wenn Bilder, Skulpturen und Objekte, die in psychiatrischen Einrichtungen entstanden, einen stattlichen Anteil seiner Sammlung stellten, programmatisch vorgesehen, also mit irgendwelchen Annahmen über Verknüpfungen von Geisteskrankheit und künstlerischen Formfindungen – wie sie die Psychiater im Gegenzug gerne anstellten –, war das bei ihm nicht. Einiges in den drei Sammlungen, die er kannte, war Dubuffet zudem zu nahe an künstlerischer Strebsamkeit und etablierten Vorlagen, um der Art brut zugeschlagen zu werden.

Weshalb man in der Maison Hugo, wo die Auswahl Richtung Art brut tendiert, aber doch nicht durchgehend, sich einmal mehr selbst auf die Probe stellen kann: Originell oder schräg genug, um in Dubuffets Augen zu bestehen? Oder zu nahe an Bekanntem? Ein Spiel, das man auch in einer kleinen Ausstellung fortsetzen kann, die in der psychiatrischen Klinik Saint-Anne zu sehen ist, wo Doktor Marie in den zwanziger Jahren Chefarzt war. Sie versammelt einige Werke, die 1950 in einer „Internationalen Ausstellung psychopathologischer Kunst“ am selben Ort präsentiert wurden, gemeinsam mit anderen, die Dubuffet 1949 in einer Pariser Galerie zeigte. Wer die beiden Ensembles, also das psychiatrische und ästhetische Feld, auseinanderhalten möchte, kommt da schnell in Schwierigkeiten: Bilder von Stars der Art brut wie Wölfli oder Aloïse Corbaz fanden sich damals an beiden Orten. Wie die Beschäftigung mit „psychopathologischer Kunst“ vor allem unter französischen Psychiatern in den folgenden Jahren aussah, wäre auch einmal ein Thema für eine dokumentierende Ausstellung.

Die Ausstellungen

La folie en tête – Aux racines de l’art brut. In der Maison de Victor Hugo; bis zum 18. März. Der schön gestaltete Katalog kostet 29,90 Euro.

Elle était une fois. Acte II: La collection Sainte-Anne, autour de 1950. Im Musée d’Art et d’Histoire de l’Hôpital Sainte-Anne; bis zum 28. Februar. Der auch die vorangehende Ausstellung zu den Ursprüngen der Sammlung (Acte I) umfassende Katalog kostet 22 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Helmut Mayer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Helmut Mayer
Redakteur im Feuilleton.
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