Auerbach und Freud im Städel

Bis die Masken vor Erschöpfung fallen

Von Stefan Trinks
 - 21:55
zur Bildergalerie

Drei Beschreibungen fallen im Zusammenhang mit den Künstlern Frank Auerbach und Lucian Freud immer wieder: kompromisslos, beharrlich, gnadenlos ehrlich. Wer sonst hätte wie Freud die Chuzpe, ein Mitglied des britischen Hochadels wie Lord Goodman im gelben Pyjama zu zeigen, oder könnte selbst einen professionellen Performancekünstler und Exhibitionisten wie Leigh Bowery sich nackt fühlen lassen? Welcher Künstler hätte wie Auerbach die Befähigung, die Gesichter der eigenen Frau oder der porträtierten Kinder auf dem Papier geradezu in die Luft zu sprengen, sie vollständig in narbenartige Blitzlinien aufzulösen und diesen Konterfeis dabei dennoch etwas liebevoll-neugierig Beteiligtes mitzugeben? Dabei litten und leiden Auerbach und Freud selbst wohl am meisten an ihrer Kunst. Wenn Bilder ein geradezu körperlicher Teil von Künstlern sind, muss die Kunst beider wohl als Autoaggression aufgefasst werden.

Über nahezu vier Jahrzehnte, bis zum Tod von Freud im Jahr 2011, waren die beiden Künstler eng befreundet, die nun in der Ausstellung „Frank Auerbach & Lucian Freud. Gesichter“ im Frankfurter Städel erstmals in Deutschland gemeinsam präsentiert werden. Sie verband nicht nur die lebenslange Wertschätzung für die Kunst des je anderen, sondern auch das Schicksal, in Berlin als Söhne jüdischer Familien geboren worden zu sein. Noch im Kindesalter mussten sie aus dem nationalsozialistischen Deutschland als Flüchtlinge nach England emigrieren. Obwohl beiden die pathetische Geste in ihrer Kunst fremd ist, gibt es dennoch einen Grundzug von Pathos im Werk: Die am eigenen Leib erfahrenen Verheerungen des zwanzigsten Jahrhunderts ritzen sich in jedes ihrer Bilder ein. Es ist die kategorische Weigerung, zu vergessen, die Spuren der historischen Katastrophen auszublenden, „schöne“, von allen akzeptierte Bilder zu fertigen, als ob nichts gewesen sei.

Über Wochen, manchmal Jahre hinweg beobachteten und porträtierten Auerbach und Freud beharrlich dieselben Menschen aus ihrem jeweils näheren Umfeld. Sie lauern in dieser Ermüdungstaktik so lange hinter der Staffelei, bis beim erschöpften Gegenüber die Maske der zivilen Persona fällt. Dies ist das Momentum der Aufklärung: Vollständig konzentriert auf die meist Nackten und häufig ohne ablenkende Bildhintergründe, steht im Nichts des Weißraums Papier irgendwann das „wahre“ Wesen der „Charakterisierten“. Und obgleich beide die Dargestellten oft ohne schützende Kleidungshüllen zeigen, wirken diese nie entblößt, im Gegenteil: In dieser grundehrlichen Nacktheit, durch die physische Ermattung ohne Verstellungsmöglichkeit, liegt eine größtmögliche Intimität; ein Moment der Verbundenheit, die auch das Versprechen beinhaltet, mit dem „Geschauten“ und „Erkannten“ sorgsam umzugehen.

Mit kritisch fragendem Blick

Lucian Freud, den Enkel des Menschenverstehenwollers Sigmund, dabei menschenscheu zu nennen wäre untertrieben. Die Abwendung vom Ungeheuer Mensch wie auch die gleichzeitige Hinwendung zur ehrlichen ,Kreatierlichkeit‘, insbesondere zu seinem geliebten Windhund „Pluto“, sind die Konsequenzen dieser tiefsitzenden Furcht vor der eigenen Spezies. Die erste wichtige Arbeit, die ihm 1938 die Aufnahme an der Central School of Arts and Crafts in London sicherte, war ein steinernes Pferd, das nur noch drei Beine hatte.

Auerbach hingegen scheint eine ähnlich skeptische Grundhaltung wie sein älterer Cousin Marcel Reich-Ranicki zu besitzen, der ihn bisweilen als Kleinkind im Berliner Bayerischen Viertel babysittend behütete, dem aber Auerbachs aggressive Kunst, wie er selbst einmal einräumte, zeitlebens irritierend fremd blieb. Tatsächlich ist Auerbachs Maltechnik eigentümlich. In endlosen Ateliersitzungen türmt er dicke Schichten von Farbe auf die Leinwand, kratzt sie dann zu einem größeren Teil wieder ab und wiederholt diesen Vorgang über Tage. Der Farbverbrauch dabei ist enorm: täglich werden ihm bis zu sechzehn Fünfliterkanister Ölfarbe ins Atelier geliefert. Besitzen schon seine Gemälde dadurch eine reliefhafte Wirkung wie Leinwandskulpturen in Öl und stehen in der Kunstgeschichte – immer sofort als Auerbachs zu erkennen – einzig da, gilt dies erst recht für seine Zeichnungen und Druckgraphiken, denen allein die Frankfurter Ausstellung gewidmet ist. Tritt man in den abgedunkelten Raum, empfangen einen zwei Selbstporträts der Künstler mit kritisch fragendem Blick.

Skepsis jedem „intakten“ Menschenbild gegenüber

Die rastlose Suche, das Nie-zufrieden-Sein, trifft somit auch und gerade auf ihre Selbstbildnisse zu. Eine dieser skrupulösen Selbstbefragungen, 2017 entstanden und jüngst vom Städelschen Museums-Verein erworben, war die Initialzündung für die Ausstellung. Zusammen mit einer weiteren, neu in die Sammlung gelangten Arbeit – Lucian Freuds Graphik seines Hundes „Pluto“ aus dem Jahr 1988 – bestimmt sie den Grundtenor der Ausstellung. Von den beiden Selbstporträts aus führt der Ausstellungsparcours in zwei Armen, je einem der beiden Künstler gewidmet, an den Außenwänden des Saals entlang, bevor im runden Bauch der Stellwand-Architektur das Werk Auerbachs und Freuds spiegelbildlich wieder zusammengeführt wird. Und obwohl die meisten der vierzig ausgestellten Werke auf Schwarzweiß reduziert sind, füllt der Besucher durch die Aggression der verletzten Linien und aufgerissenen Konturen diese wüsten Gesichtslandschaften instinktiv mit Farbe, häufig mit Rot.

Freud ersetzte bald den feinen Zobelhaarpinsel durch Schweineborsten und ist in seiner Grafik nicht weniger zimperlich. Auch die beste Abbildung kann nicht den Effekt der vielfach verdichteten, vibrierenden Linien wiedergeben. Beider Gesichter leben und bewegen sich. Allein für Freuds wolkig weggewischte Schulterpartie seines „Self-portrait: Reflection“ von 1996 lohnt sich der Besuch der Ausstellung – die Partie wirkt irritierend aufgelöst, wie krisselig weiche Aquatinta inmitten einer kantig dichten Radierung. Bei Auerbach hingegen schließen sich die Linien nur widerwillig zu einer Gesichtskontur zusammen. Er benutzte bei den Radierungen einen Dartpfeil statt des üblichen Werkzeugs, später gar einen Schraubenzieher, der permanent, aber unkontrollierbar ausfasernde Doppelphantomlinien in die Druckplatte reißt. Symbolträchtiger als durch diese ungeschlachten Werkzeugwaffen können Künstler Skepsis jedem „intakten“ Menschenbild gegenüber schwerlich ins Bild bringen.

Ein einziges langes Warten auf Erlösung

Die Köpfe und Gesichter, im Grunde alle Bilder, lassen sich keinem Stil zuordnen; sie sind zwar pure Expression, aber ohne die dem Expressionismus meist eigene Getriebenheit; anders als etwa die Brücke-Künstler mit ihren in fiebriger Hast und bewusst besinnungslos hingeworfenen Porträts entstehen die Bildnisse Auerbachs und Freuds oft über Wochen, manchmal über Jahre hinweg. Und selbst Julia, seine Frau und ebenfalls Künstlerin, die ihm mit schier unglaublicher Geduld seit 1956 Modell sitzt, vermag er immer wieder neue „Seiten“ abzugewinnen: In „Julia asleep“ aus dem Jahr 2001 fängt er ihren weggenickten Kopf von oben und hinten derart verfremdet ein, dass es geraume Zeit benötigt, bis der Betrachter die fast abstrakt gegebenen Gesichtspartien wie Nase und Mund über dem Haarschopf als unterem Sockel überhaupt zu einem menschlichen Kopf zusammensetzen kann.

Selten schön sind zwei Geburtstagskarten, präsentiert am Ende der Schau. Sie zeigen, dass es bis zum Tod von Freud eine echte Freundschaft zweier Künstler war, die Kunstgeschichte geschrieben haben, die sich gegenseitig sammelten, auf deren unbestechliches Urteil bei der Endabnahme der jeweils andere hoffte und auch vertrauen konnte. Auf Fotografien, etwa im Café nebeneinander sitzend, erinnern die beiden an Wladimir und Estragon aus Samuel Becketts „Warten auf Godot“. Und so erscheint auch das zermarternde Auf-Zeit-Spielen ihrer Kunst, je länger man sich darin vertieft, als ein einziges langes Warten auf Erlösung durch beharrliche Erinnerung.

Frank Auerbach & Lucian Freud. Gesichter. Im Städel Museum, Frankfurt; bis 12. August.

Der Katalog kostet 28 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenLucian FreudDeutschland