Amerikanische Gegenwartskunst

Das Schöne ist des Schrecklichen Anfang

Von Rose-Maria Gropp
 - 20:36
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Die Namen der fünfundzwanzig Künstler lesen sich wie ein All-Star-Ensemble der amerikanischen Szene seit den Sechzigern. Von Richard Artschwager und Tom Wesselmann, über Alex Katz, Roy Lichtenstein und Jeff Koons bis hin zu Robert Longo und Cindy Sherman, natürlich nicht ohne Andy Warhol. Im eleganten Richard-Meier-Bau des Museums Frieder Burda in Baden-Baden sind sie inszeniert, oft in eindrucksvollen Großformaten, schön luftig gehängt und gestellt. Das hat Wucht, ohne Zweifel, es ist ein Parcours der Überwältigung. Unter dem Motto „America! America! How Real is Real?“ firmieren mehr als siebzig Werke, fast sämtlich repräsentativen Kalibers. Den Nukleus bilden Beispiele amerikanischer Kunst aus Frieder Burdas eigener hochkarätiger Sammlung.

Zusammengebracht sind jede Menge echte Hingucker: Da steht freundlich ein Exemplar von Koons’ lebensgroßer Skulptur „Bear and Policeman“ von 1988 aus bemaltem Holz. Es gibt zwei phänomenale Gemälde von Eric Fischl, die subtil Nähe und Distanz in Bewegung einfangen, zwischen Mann und Frau, zwischen einem Torero und einem Stier. Auf nachgerade klassischen Alex-Katz-Gemälden lauert unter der glatten Oberfläche die jederzeit ausbruchsbereite Aggression, die Nachtseite des american dream. Jeff Wall hat das fragile Gleichgewicht von Ruhe und Gefährdung in zwei seiner berühmten Leuchtkästen gebannt. Und auf Robert Longos großen Schwarzweißzeichnungen manifestiert sich der Schrecken, in der Frontalität eines überdimensionalen Revolvers zum Beispiel. In „The Haunting“ fasst Longo die Katastrophe von 9/11 in die sakrale Form des Triptychons.

Licht und Schatten Amerikas

Da ist Warhol: vor allem mit der unhintergehbar schrecklichen Ästhetik seines „Big Electric Chair“ in Pink und Hellgrün von 1967 – dem schönfarbigen Schlag ins Gesicht einer aufgeklärten Gesellschaft. Das Titelmotiv der Ausstellung gibt William Copleys „Imaginary Flag for U.S.A.“ von 1972 ab, statt der Sterne im blauen Feld des Star-Spangled Banner hat Copley das Wort „Think“ dort hingeschrieben. Copleys weitere Bilder wirken ein wenig befremdlich in diesem kraftvollen Feld, wie auch die inzwischen einigermaßen peinlichen Gruppen nackter junger Frauen in Strumpfhosen der in Genua geborenen Künstlerin Vanessa Beecroft.

Kuratiert hat die Leistungsschau Helmut Friedel, der bis Juni 2017 Intendant des Burda-Museums war. Das zweifache „America!“ kann für Licht und Schatten stehen, auch für die alten und neuen Ambivalenzen gegenüber den Vereinigten Staaten. Angesichts der aufgebotenen Phalanx klingt es aber eher wie ein Roy-Lichtenstein-haftes „Wow!“. Den Aufhänger für die Titel-Frage, wie real denn real sei – also was denn wirklich oder wahrhaftig, wenn nicht gar in einem emphatischen Sinne wahr sei –, soll der Beginn von Donald Trumps Amtszeit bilden: „,Fake News‘ und ,Alternative Facts‘ sind zu Schlagwörtern geworden, die deutlich machen, dass offensichtlich in der Welt der realen Politik nicht mehr zwischen nachgewiesener Wirklichkeit und eindeutigen Falschaussagen unterschieden wird“, schreibt Friedel im Katalog.

Diese Feststellung ist, das sei erlaubt zu sagen, nicht brandneu; Trump bringt sie bloß offensiv aufs Tapet. Entsprechend fällt die Kurve hin zu den gezeigten Arbeiten, die aus der Zeit von den sechziger bis Ende der neunziger Jahre stammen, arg eng aus: „Es war immer ein Privileg der Bildkunst“, so fährt Friedel direkt fort, „die Sicht der Dinge für sich und auch uneingeschränkt zu beanspruchen. Die amerikanische Kunst seit der Pop-Art hat sehr verschiedene Erzählstrukturen entwickelt, die in dieser Ausstellung gezeigt werden.“ Auch diese Tatsache wird niemand ernsthaft bestreiten wollen.

Warhols Perücke

Warum aber dann nicht einfach sagen: Wir zeigen hier tolle Bilder. Einen Querschnitt, nur vom Feinsten, aus den einschlägigen Sammlungen. Denn so gut wie alle Arbeiten stammen aus prominenten Kollektionen; neben Burdas eigener sind das die deutschen Sammlungen Fröhlich und Weishaupt oder Lothar Schirmer, unter den Museen ist auffällig stark die Albertina in Wien vertreten. Entstanden ist eine Parade von blue chips – so heißen, analog zur Börse, besonders hoch bewertete Werke, die im internationalen Kunstmarkt entsprechend bezahlt werden. Auf gut Deutsch heißen sie weniger charmant Wandaktien. Sehr viel Geld ist da in Baden-Baden zusammengeflossen, gegossen in die Form von Gegenwartskunst, richtig teuer ist diese Pracht.

Dennoch kann die Schau keinen repräsentativen Überblick bieten. Und auch gemessen an ihrem Anspruch fehlen wichtige Aspekte, zumal für die Frage nach der Wirklichkeit. So bleibt die einzige Künstlerin, die überhaupt mit einer Gruppe von Werken vertreten ist, Cindy Sherman. Von Nan Goldin kommt (aus der ehemaligen Sammlung Essl in der Albertina) die Fotoserie „Gilles and Gotscho, Paris“. Es ist eine ergreifende Studie aus den Jahren 1991 bis 1996, über das Sterben eines der beiden Männer. Und bei dieser Arbeit wird der Versuch, die gezeigte Kunst ins Licht der jetzigen Massenmedien zu schieben, endgültig zum Problem: Ein Katalogbeitrag behauptet, Goldin nehme – als voyeur-friendly exhibitionism – „den Verzicht auf Privatheit vorweg, wie er in sozialen Netzwerken mittlerweile gängig ist“.

Es lässt sich aber der Unterschied zwischen einem Kunstwerk, das ein betrachtungs- und verstehenswilliges Publikum für seine Intimität impliziert und fordert, und der inflationären Selbstausstellung in anonymen Foren nicht einfach unterschlagen. Da liegt vielmehr das kategoriale Unterscheidungsmerkmal. Die Fotografien der Künstlerin aus den neunziger Jahren als Zurschaustellung zu verstehen, wäre ein fatales Missverständnis. Immerhin ist Goldin in der Ausstellung präsent, neben Sherman – und nur zwei weiteren Künstlerinnen: Beecroft eben und Jenny Holzer mit einer kleinen LED-Band-Arbeit aus ihrer „Truisms“-Folge. Nichts zu sehen ist – nur zwei Beispiele – von Barbara Kruger, die in ihrem Schaffen schon immer offensiv plakativ zu gesellschaftlichen Themen Stellung bezieht; nichts von Yoko Ono, deren Retrospektive in der Frankfurter Schirn 2013 ihre künstlerische Eigenständigkeit eindrücklich bewiesen hat.

Überhaupt wäre dieser Hommage an die in Amerika entstandene Kunst aus der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ohne die Verneigung vor Trump viel besser gedient gewesen. Als Bilderschau von hoher Qualität, die vielfältige Lesarten herausfordert, funktioniert sie anstandslos. Es muss doch – wirklich – nicht alles auf aktuelle Benutzeroberflächen gebürstet sein, wie eine von Warhols geföhnten Perücken.

America! America! How Real is Real? Im Museum Frieder Burda, Baden-Baden; bis zum 21.Mai. Das Katalogbuch, Edition Cantz, kostet 38 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria (rmg)
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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