Bergbau-Ausstellung in Essen

An Kohle hängt doch alles

Von Andreas Rossmann
 - 17:13
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Wo früher Kohle transportiert wurde, werden Ausstellungsbesucher auf den Trichter gebracht. Im Wiegeturm der Zeche Zollverein in Essen steigen sie in eine Standseilbahn, die über die Bandbrücke in den Kopf der Mischanlage der Kokerei rumpelt, und wenigstens die Musik kommt ihnen halbwegs bekannt vor: „Glück auf, der Steiger kommt!“ dudelt in einer aufgefrischten Version von Stefan Stoppok. Oben angekommen, haben sie hundertvierzig Meter zurückgelegt – und dreihundert Millionen Jahre! Denn sie stehen vor einem Diorama, einem Bonsai-Urwald mit subtropischen Pflanzen, Farnpalmen und Schachtelhalmen, wie sie, Nachzüchtungen des Botanischen Gartens Bochum, in der Karbonzeit wucherten und in Kohle umgewandelt wurden. Mittendrin klotzt der größte Brocken, der 2016 auf Prosper-Haniel in Bottrop, der Zeche, die Ende des Jahres als letzte im Ruhrgebiet schließt, geborgen wurde: Zum Würfel mit einer Kantenlänge von 160 Zentimetern zugeschnitten, tritt er als Skulptur auf.

Dieser Ort reflektiert die Zäsur, die das Ende des Bergbaus setzt und die die von Ruhr Museum und Deutschem Bergbau-Museum konzipierte Schau zum Anlass nimmt, „Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte“ zu erzählen. Erst 1961, in Erweiterung der Schachtanlage, ehemals der größten und modernsten der Welt, in Betrieb genommen, wurde die Kokerei Zollverein 1993 stillgelegt und die Mischanlage für künstlerische Nutzungen umgebaut. Wo mehr als dreißig Jahre lang Kohlen sortiert, gespeichert und gemischt wurden, um täglich fünftausend Tonnen Koks zu produzieren, wurden Böden eingehängt, Wände aufgeschnitten und Treppen installiert: Der Parcours durchläuft auf drei Ebenen Schauräume, Kabinette und Verliese. Das Industriedenkmal ist das erste Exponat der Ausstellung.

Ein Ausflug in die Welt unter Tage

Zwei Förderbänder durchschneiden den Raum. Die Welt unter Tage – dunkel, eng, stickig, anstrengend, gefährlich – lässt sich nicht nachstellen. Auf der Verteilerebene, wo umlaufende Fensterbänder Tageslicht bieten, werden Arbeitsgeräte gezeigt: von Schutzhelm und Atemmaske über Davy-Lampe und Rettungskapsel bis zu Hacke und Hammer. Objekte und ihre Geschichten: Der Arbeitsschuh, den der Hauer Fritz Wienpahl als Trinkgefäß nutzte, als er 1930 auf der Zeche Victor in Castrop-Rauxel verschüttet und 183 Stunden lang über eine Leitung mit Wasser, Milch und Fleischbrühe versorgt wurde. Modelle und große Schwarzweißaufnahmen von Abbauanlagen und Arbeitsabläufen dokumentieren die technische Entwicklung.

Der Weg folgt der Kohle. Eine unscheinbare Öffnung führt ins Treppenhaus, wo ein Mobile aus Schaufeln, Spaten und Bohrern über einem Abteufkübel baumelt. Zwölf Räume ergeben einen Rundgang, in dessen Mitte die Skulptur „Dark Star“ aus mit Kohlenstaub behaftetem Fiberglas des walisischen Künstlers Jonathan Anderson funkelt. Düsterer Leitstern Kohle? Seine Zacken laufen in alle Richtungen, ein Rohstoff der unbegrenzten Möglichkeiten. Bis 1750 wurde er nur genutzt, um Wärme zu erzeugen, erst danach, um Maschinen anzutreiben. In Großbritannien setzte die Förderung um 1800, im Ruhrgebiet fast fünfzig Jahre später ein, nach 1870 explodierte sie. Kohle befeuerte die Industrie, Nebenprodukte wie Gas, das die Städte beleuchtete, oder Teer, mit dem Farben, Kunststoffe, auch Arzneimittel hergestellt wurden, verbesserten Infrastruktur und Lebensbedingungen. Mit der Dampfmaschine, die zuerst nur das Wasser im Bergwerk abpumpte, wurden bald Schiffe angetrieben, die Eisenbahn erfunden, Stahl und Schienen hergestellt. Raum und Zeit schrumpften: „Mir ist, als kämen die Berge und Wälder aller Länder auf Paris angerückt. Ich rieche schon den Duft der deutschen Linden; vor meiner Türe brandet die Nordsee“ (Heinrich Heine, 1843).

Jeder Bunker ein Themenraum. In einem hängen Gaslaternen und Leuchten, in einem anderen bestücken Fläschchen, Flakons und Tiegel mit Farben, 3500 insgesamt, ein sieben Meter hohes Glasregal. Eine ganze Wand füllen Porträts und Büsten von Schlotbaronen, in denen sich Selbstverständnis und Stolz spiegeln, Ausdruck von Macht und Entschlossenheit, Gesichter frei von den Sorgenfalten der Gewerkschaftsführer. Mehr Kompilation als Komposition. Und wäre es nicht aussagekräftiger, zu zeigen, wie und wo die Unternehmer gewohnt haben, ihre Residenzen im Grünen mit feudalen Anklängen, Schaukästen der Repräsentation und des Reichtums? Die Villa Hügel der Krupps in Essen, ein Palast mit 269 Zimmern, Schloss Landsberg von August Thyssen in Kettwig oder die Villa seines Bruders Joseph in Mülheim.

Unterirdisch
Museen unter Tage
© DW, Deutsche Welle

Raus aus der Schmuddelecke

Die Architektur kommt in der Ausstellung zu kurz. Der Bergbau hat auch eine eigene Typologie von oft imposanten Hochbauten hervorgebracht, von denen viele die Städte heute auszeichnen. Die Kohle hat nicht nur die Welt verändert, sie bunter, heller und schneller gemacht, sondern auch die Stadt; gerade der Norden des Reviers, ein heterogener, wüst zerschnittener Ballungsraum, ist davon gezeichnet: Erst kam der Pütt, dann alles andere. Heinrich Hauser hat es in „Schwarzes Revier“ (1930) beschrieben: „War das Flöz, an dem die Zeche sog, gut und ergiebig, dann entstand die Hütte, die Kokerei, die Nebenindustrie. Die Siedlung wuchs und wurde Stadt.“ Kriege wurden, letztes Kapitel auf der Bunkerebene, mit und um Kohle geführt: Ohne sie konnte kein Stahl verhüttet werden, die dampfgefeuerten Schlachtschiffe waren von ihr abhängig.

Die Treppe schwingt hinunter auf die Trichterebene. Nach dem Zweiten Weltkrieg legte die Kohle die Basis für den Aufbau Europas. 1951 wurde die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) gegründet, Frankreich, die Benelux-Staaten, Italien und die Bundesrepublik schlossen sich zur Montanunion zusammen, aus der 1957 die EWG und 1992 die Europäische Union hervorgingen. In Großbritannien, Frankreich und Belgien wurde der Bergbau verstaatlicht, in Deutschland die Mitbestimmung zuerst in den Montanunternehmen durchgesetzt. Die Ausstellung hat den Gründungsvertrag der EGKS aus dem Nationalarchiv Luxemburg ausgeliehen; Robert Schuman, Jean Monnet und Konrad Adenauer stehen (als Büsten) Pate. Als die Einfuhrzölle für Erdöl und Importkohle 1956 aufgehoben werden, beginnt der Bergbau als Fundament des Wirtschaftswunders zu wanken, die Weltausstellung 1958 in Brüssel steht im Zeichen des Atomiums, Öl und Gas sind die neuen Energien. Das Zechensterben setzt den Strukturwandel und die ökologische Erneuerung auf die politische Tagesordnung. Den Ausgang markieren Zeitzeugenberichte und ein Aquarium mit Wasser aus der renaturierten Emscher, in dem sich Fische tummeln; vor der Tür sind gigantische Maschinen zum Skulpturenpark gruppiert.

Kosmos Kohle. Die Geschichte der Moderne wird über das schwarze Gold erzählt und seine Schlüsselrolle als Treiber des Wandels so anschaulich, vielseitig und komplex dargestellt, dass sich die Perspektive verlängert und zur Revision einlädt: Die Kohle erscheint nicht länger als nur anachronistischer Energieträger, der die Landschaft zerstört und die Luft verschmutzt, und das Ruhrgebiet wird aus der Schmuddelecke geholt, die ihm die Klischees hartnäckig zuweisen.

„Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte“, Kokerei Zollverein, Essen, Arendahls Wiese, bis 11. November.

Der Katalog ist im Klartext-Verlag, Essen, erschienen und kostet 24,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Rossmann
Redakteur im Feuilleton.
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