Ausstellung in Leipzig

Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt

Von Luise Schendel
 - 14:36
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„Das alles ist in einem bestimmten Maße politisch“, erklärt Kurator Frederic Bußmann. Vor ihm stehen Handgranaten aus Muranoglas in einem kleinen Wandschrank aufgereiht. In irisierendem Pink, erdigem Gelb und schillerndem Grün wirken sie auf den ersten Blick wie Christbaumschmuck. Erst bei näherem Hinsehen zeigt sich die Sprengkraft der Gläser. Derartige Bedeutungsverschiebungen sind charakteristisch für die einst aus Palästina geflüchtete Künstlerin Mona Hatoum.

Im englischen Exil entwickelte sie eigene Bilder von Identität und Vertreibung. Immer wieder spielen dabei Orte, Plätze, Architekturen und Räumlichkeiten eine Rolle. Nun stellt sie gemeinsam mit der türkischen Künstlerin Ayse Erkmen im Museum der bildenden Künste in Leipzig aus. Und zeigt brachial-minimalistische Installationen aus Stacheldraht, Glas und Leuchtstoff neben dekorativ arrangierten Tretminen-Attrappen. Eine politische Deutungsebene liegt bei beiden Künstlerinnen nahe. Trotzdem wollten sie sich nicht als Aktivistinnen verstanden wissen, insistiert Bußmann. Viel wichtiger sei die Auseinandersetzung mit der Architektur des Leipziger Ausstellungshauses. Diese allerdings darf selbst als sächsisches Politikum gelten.

Auch wenn die Zeiten, in denen die Errichtung des Hauses noch hohe Wellen schlug, längst einer zähneknirschenden Akzeptanz gewichen ist. Immerhin verschwand der Bau jüngst hinter breiten Häuserfronten und ist nur noch über halb versteckte Durchgänge zu erreichen. Trotzdem bleibt das Image. Die monumental hohen Räume befremden, lassen sie elitär erscheinen und eine Ausstellungsnutzung zur Herausforderung werden. Nun soll eine neue Doppel-Schau „Displacements/Entortungen“ die baulichen Besonderheiten des Museums aufnehmen und Dissonanzen zwischen Kunst und Architektur überbrücken.

Schwächen im Ausstellungskonzept

Dabei dürfte es auch darum gehen, jenes tiefe Unbehagen in der Bevölkerung zu heilen, das kaum sicht-, dafür aber umso deutlicher spürbar scheint. Schaffen wollen die Ausstellungsmacher das unter anderem mit zehn bunten „Gemütlichen Ecken“, die eine Anbindung der Ausstellung an den Stadtraum und die Alltagswelt der Leipziger leisten sollen. Ob sie das können, bleibt allerdings fraglich. Denn die asymmetrisch ausgeschnittenen, flachen und ganz und gar nicht behaglichen Aluminium-Installationen an Hauswänden und Bäumen fügen sich als Störfelder in das Stadtbild ein, lassen aber kaum eine konkrete Übersetzbarkeit auf Ausstellungsbelange oder Autorenschaft zu.

Eine Anbindung ans Museum der bildenden Künste droht deshalb vor allem dann zu scheitern, wenn die Lichtinstallation „Glassworks“ von Erkmen im Souterrain des Museums noch unbekannt ist. Farbeffekte werden dort durch ein symmetrisches Netz an ähnlich geformten Leuchten erzeugt. Was an dieser Stelle wie ein Farbregen wirkt und die Wahrnehmung des sonst leeren Raumes dank kantiger Glasplatten verändert, ihn optisch füllt, verkleinert und zu einem facettenreichen Dickicht von Lichtstimmungen werden lässt, verpufft im kleinteiligen Durcheinander Leipzigs allzu schnell.

Der Wunsch, aus dem Museum heraus die Kunst in die Alltagswelt zu tragen, also Teile eines Ortes in einen anderen zu integrieren, ist ja längst kein neuer mehr und muss sich immer wieder an der Umsetzung und den örtlichen Gegebenheiten messen lassen. Das evoziert stets einen Spagat zwischen Plakativität und Subtilität; ein Zuviel am einen gibt die Idee dem Überdruss preis, ein Zuviel des anderen mindert die Rezipierbarkeit der Arbeit. Und damit ihre Relevanz. In Leipzig stellt sich deshalb die Frage, ob Erkmens kleine und zurückhaltend deponierte „Gemütliche Ecken“ auch Rückschlüsse auf Schwächen im Ausstellungskonzept zulassen.

Andersherum, nämlich von der Außenwelt ins Museumsinnere, funktioniert die „Entortung“ besser. Denn hier gelingt es, Teile der Stadt in die Ausstellung zu integrieren. Erkmen jedenfalls übersetzt ihre Arbeit „Imitation/Taklit“, für die sie 1987 Backsteine aus dem Istanbuler Straßenschutt mit einer Neonröhre zusammenfügte, ins heutige Leipzig. Indem sie für die Neuinterpretation ihrer Arbeit den Bauschutt aus der engsten Umgebung des Museums verwendet, lässt sie den Betrachter an der Veränderung seines direkten Umfeldes teilhaben. Im Haufen zu einer grabartigen Schanze aufgeschichtet, generiert sie darin einen emotional aufgeladenen Un-Ort, eine „Entortung“ von Bausubstanz im allerbesten Sinne. Martin Heidegger schrieb einmal: „Das Vergangene geht, das Gewesene kommt.“

Ob Hatoum auch an ihn dachte, als sie mit ihrem Werk Robert Smithson adaptierte, der in den sechziger Jahren bereits Bauelemente in Ausstellungskontexte versetzte und sie dabei als „non-sites“ (Nicht-Orte) definierte, ist allerdings schwer zu klären. Leichter fällt es da, die Herkunft der verkohlten Tisch- und Stuhlfragmente aus Hatoums „Remains of a Day (s Version)“ von 2016 zu ermitteln. Eine eigentümlich fragile Installation, zusammengehalten von feinmaschigem Draht – und eine doppelte Geschichtsadaption: Die erste Version entstand in Japan und erinnerte an die Ausradierung Hiroshimas 1945. In Leipzig aber, wo sie neue Tische und Stühle im europäischen Stil fand, wirken die verbrannten Überreste seltsam verfehlt. Das mag zum Teil an der erdrückenden Schlichtheit der Museumsräume liegen, zum anderen auch daran, dass eine so verheerende nukleare Katastrophe wie die japanische nur bedingt mit der Bombardierung Leipzigs im Jahr 1943 vergleichbar scheint. Abgesehen davon: Wenn sich in der Ausstellung immer wieder Anleihen an die Kriegshistorie verschiedener Länder finden, warum dann nicht doch Nägel mit Köpfen machen und von Anfang an offen politisch werden?

Angeboten hätten sich zahlreiche Ereignisse der jüngsten Vergangenheit. Schließlich verlangten die Flüchtlingskrise oder die Legida-Demos dem „Ort“ Leipzig und seinen Einwohnern in der Phase der Ausstellungsvorbereitung einige bürgerschaftliche Anstrengungen und Wiederstände ab. Der Mut, aktuelles Zeitgeschehen anzusprechen, hätte der Schau gutgetan und die architektonischen, historischen und sinnbildlichen „Entortungen“ um eine entscheidende Inhaltsebene erweitert. Immerhin: Hatoum befreit sich dann doch noch aus dem thematischen Klammergriff. Ausgerechnet mit einer Weltkugel aus rotem Leuchtstoff und Draht eint sie die vorherigen Deutungsverschiebungen in einem Sinnbild – und damit alle Orte – unter der Prämisse allgemeiner Bedrohung. Nicht ohne Grund benannte sie ihre Installation nach bekannten Risikogebieten: „Hotspot III“ (2009).

Displacements / Entortungen. Museum der bildenden Künste, Leipzig; bis zum 18. Februar 2018. Der Katalog kostet 39 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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