Ausstellung in Schwäbisch Hall

Der träumende Rubens

Von Konstanze Crüwell
 - 08:37
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Ein neues Phänomen sind Helikopter-Eltern vielleicht nicht. Denn mit dem Bildnis seines vierjährigen Sohnes, in der Pose eines Wunderkinds mit Palette und Pinseln, könnte der Wiener Maler Heinrich Friedrich Füger als stolzer Vater immerhin auch ferne Zukunftshoffnungen für den Buben verbunden haben. Vergleichbare Spekulationen bietet das Porträt eines unbekannten Knaben nicht, den Nicolaes Maes um 1672 im so betitelten „Kostüm des Adonis“, einem farbenprächtigen Phantasiegewand aus schimmernder Seide, dargestellt hat.

Mit dieser Prachtentfaltung wird auch sichtbar, wie die bürgerliche, oft nüchterne Porträtkunst im siebzehnten Jahrhundert bald weniger geschätzt wurde, während sich die Malerei des flämischen Barocks, inspiriert von den Adelsporträts, wachsender Beliebtheit erfreute. Unter anderem dieser Wandel der ästhetischen Vorlieben lässt sich sehr anschaulich in einer Ausstellung der Wiener Kunstakademie nachvollziehen, die mit den weltberühmten Werken ihrer Gemäldegalerie und den weiteren Sammlungen in der Kunsthalle Würth von Schwäbisch Hall ein sieben Monate währendes Gastspiel gibt: Eine Folge der grundlegenden Sanierung des Akademiegebäudes.

In der 1692 gegründeten Wiener Akademie beschränkt man sich im achtzehnten Jahrhundert darauf, die „Aufnahmewerke“ der Mitglieder und prämierten „Preisstücke“ der Studenten zu erwerben, die als Lehrmaterial im Kunstunterricht dienen: eine eher bescheidene Sammlung also. Ein unerwarteter Glücksfall tritt ein, als ein großer Wiener Kunstsammler, Anton Franz Graf von Lamberg-Sprinzenstein, seine 750 bedeutende Werke umfassende Gemäldesammlung 1822 der Wiener Akademie als Legat überlässt. Mit diesem Vermächtnis wird die glanzlose alte Bilderkollektion alsbald in lichte Höhen katapultiert. Fast über Nacht entsteht in der Akademie eine Gemäldegalerie von höchstem Rang, der auf den zahlreichen Meisterwerken der gräflichen Sammlung beruht, allen voran das prominente, leider nicht mehr reisefähige Weltgerichts-Triptychon des Hieronymus Bosch.

Ein Labelsammler war Graf Lamberg nicht. Sonst hätte Goethe ihn wohl kaum als „großen Liebhaber der Kunst“ in einem Brief an Hackert gelobt. Und dem Fürsten von Pückler-Muskau wäre es auch nicht peinlich gewesen, als der Graf aus einer „großen Menge Gemälde“ so treffsicher die besten herausfischte. Auf Martin Ferdinand Quadals Porträt wirkt Lamberg jedenfalls sympathisch und keinesfalls hochnäsig. Mit seinem gewaltigen Tableau „Aktsaal der Wiener Akademie“ von 1787 zeigt Quadal hingegen ein Panorama der Eitelkeiten: Nicht die Kunststudenten, sondern ihre genialischen Professoren porträtieren das Aktmodell in Laokoon-Pose.

Sieben Jahre lang war Lamberg kaiserlicher Gesandter in Neapel, später in Turin, und erstaunlicherweise liebte und sammelte er vor allem die niederländische und flämische Malerei des siebzehnten Jahrhunderts. Zu den Höhepunkten der Schau zählt Rubens’ Gemälde „Bacchanal – Der träumende Silen“ von 1620, eine unvergleichlich starke Vision des betrunkenen, völlig erschlafften Silens und seiner wirren Traumbilder.

Bei einer Konkurrenz zwischen mythologischen und biblischen Themen würden jedoch die kleinen Ölskizzen von Rubens siegen, die er 1620 für die Deckengemälde der Antwerpener Jesuitenkirche St. Carolus Borromeus ersann, die 1718 ausbrannte. Am schönsten zeigt sich Rubens’ spontaner und lockerer Pinselduktus dabei in „Esther vor Ahasver“: Sie im strahlenden Licht, er in der dunklen Bildhälfte gegenüber. Aus der Werkstatt von Rubens stammt das Bildnis von Kaiser Maximilian I., das direkt neben Warhols „Friedrich II.“ hängt. Das Konzept der Schau sieht vor, zwischen den bedeutenden Gemälden vergangener Jahrhunderte gelegentlich ein zeitgenössisches Werk zu zeigen, im Sinne eines zeitenübergreifenden Dialogs, was freilich eher selten überzeugt, bei den beiden riesigen Porträts aber immerhin spektakulär wirkt.

Die Galerie der Akademie hatte zu ihrem Glück neben dem Grafen Lamberg noch weitere bedeutende Mäzene, darunter Fürst Johann II. von Liechtenstein. Er hat – neben vielen anderen Bildern – 1899 eine anziehende Landschaft von Courbet ebenso gestiftet wie einen Tondo der „Madonna mit Kind und Engeln“ von Botticelli. Der Tondo Botticellis scheint allerdings auch auf den zweiten Blick eine der zahlreichen Versionen eines jener Andachtsbilder zu sein, die einst in Florentiner Familien sehr populär waren.

Die Sammlungen des Kupferstichkabinetts mit den hinreißenden Zeichnungen von Altdorfer und Rembrandt, den druckgraphischen Meisterwerken Dürers und vielen anderen sehenswerten Blätter zu betrachten erweist sich als Gewinn. Das gilt nicht zuletzt für die gotischen Baurisse, die zum Weltdokumentenerbe der Unesco gehören und nur sehr selten zu sehen sind.

Verborgene Schätze aus Wien. Die Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien zu Gast in der Kunsthalle Würth. Schwäbisch Hall; bis 8. April 2018. Der Katalog kostet 35 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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