Betonbrutalismus-Ausstellung

Schaut auf diese Schalungsbauer

Von Hannes Hintermeier
 - 11:58
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Ein Hilferuf? Rettet unsere Seelen? Da wird es viele Mitbürger geben, die diesen Ruf lieber nicht vernehmen, sind die betonbrutalistischen Bauten, die zwischen den späten fünfziger und frühen siebziger Jahren entstanden, doch eher etwas für Gourmets, die sich für wuchtige Gesten, überwältigende Massen und handwerklich suboptimal ausgeführten Betonguss begeistern können. Es scheint da bis heute nur zwei Haltungen zu geben: wütende bis erleichterte Gegner, die das Verschwinden dieser „Betonmonster“ bejubeln, hemmungslose Liebhaber, die sich gerade jetzt besonders ins Zeug legen, da ihre Lieblinge vom Zahn der Zeit so angegriffen sind, dass eine Rote Liste im Netz zu finden ist, die weltweit hundert vom Abriss bedrohte Betonbrutalismen verzeichnet.

Es ist nicht so, dass man nur von Ruinen spräche: Viele der gezeigten Bauten sind in Betrieb und funktionieren. Kompromisse zwischen beiden Parteien sind dennoch selten. Umso willkommener die Ausstellung, die das Deutsche Architekturmuseum in Kooperation mit der Wüstenrot-Stiftung jetzt auf die Beine gestellt hat. Unternimmt sie doch erstmals eine Bestandsaufnahme dieses weltweit verbreiteten Bautyps und der Ambivalenzen, die er hervorruft. Und liefert so eine Diskussionsgrundlage, wie man künftig damit umgehen könnte. Als gelungenes Beispiel nennt Oliver Elser, der die Schau kuratiert hat, den 2006 vollendeten Umbau des Darmstädter Staatstheaters durch das Büro Lederer Ragnarsdóttir Oei (Stuttgart), das ohne sklavische Werktreue beispielhaft originell mit dem Sechziger-Jahre-Bau von Rolf Prange umgegangen sei.

Das neubauwütige Frankfurt selbst hat sich in den vergangenen sieben Jahren von drei Gebäuden dieser Epoche getrennt – dem AfE-Turm, dem Technischen Rathaus und dem Historischen Museum. Was die Verächter als hässlich abtun, formuliert Elser vornehmer als „skulpturale Introvertiertheit“, womit auch gemeint ist, dass sich das Kunstwollen der Architekten häufig als französisch „brut“ – roh, ungeschliffen und nackt zeigte. Zur Herstellung von Beton genügen Wasser, Zement, Steine und Sand, gegossen wird in eine Schalung, die geflochtenen Bewehrungsstahl enthält. Ein Material, dass man in allen Klimazonen herstellen und in ziemlich jede Form bringen kann.

Ein Gründervater des Bewegung war Le Corbusier, der mit Bauten wie der Kirche von Ronchamp oder dem Kloster Saint-Marie de La Tourette das Tor zum Brutalismus weit aufriss. Man war entzückt, wenn nach dem Entfernen der Schalungsbretter sich der Abdruck des Holzmusters als Fassade offenbarte, die sich je nach Professionalität der Arbeit respektive der Güte des Betons unterschiedlich „brut“ zeigen konnte – von sehr roh in armen Ländern bis sehr edel in der Schweiz. Der Schalungsbauer wurde so zum Mitgestalter.

Lange vor dem Niedergang des Kommunismus verband sich so nach den Vorstellungen linker Theoretiker die Gestaltungskraft des ungelernten Arbeiters mit der Architektur zu einer neuen Volkskunst. So etwa im Fall der Fakultät für Architektur und Städtebau der Universität São Paulo, entworfen von den kommunistischen Architekten João Baptista Vilanova Artigas und Carlos Cascaldi (1961 –1969). Die Studenten haben dort in ihren Zeichensälen eine Betonwand vor der Nase. Sie sollen nicht aus dem Fenster schauen, sondern sich des Privilegs bewusst sein, in einem Land wie Brasilien studieren zu dürfen.

Die Ausstellung beginnt mit unkommentierten Bildern von ikonischen Bauten, darunter die 1954 fertiggestellte Secondary Modern School in Hunstanton an der englischen Ostküste. Mit ihren Glasflächen wirkte sie beinahe filigran und leicht im Vergleich zu späteren Vertretern des Genres. Von der Bostoner City Hall von Kallmann McKinnell & Knowles (1962–1969) wurde behauptet, man müsse, um sie zu zerstören, schon eine Atombombe zünden. Das führt einerseits in die geistige Atmosphäre des Kalten Krieges. Und erinnert gleichzeitig an eine viel ältere Epoche: Das monumentale Gesims evoziert florentinische Palazzi der Frührenaissance, allerdings auf eine sehr amerikanische Weise.

Die Frankfurter Schau folgt sodann den brutalistischen Bauten rund um die Welt, nach Kontinenten gegliedert. Sie tut es nicht nur mit Fotografien, sondern mit Kartonmodellen, 3D-Gips-Drucken und Betongüssen, die von Studenten der Technischen Universität Kaiserslautern gefertigt wurden. Gerade die Kartonmodelle machen deutlich, wie klein der Mensch in vielen dieser Bauten wird. Je nach politischer Lage wurde der Brutalismus als Aufbruch und Befreiung begriffen, so etwa in Israel, wo man sich von alteuropäischen Vorbildern lösen wollte; so auch in der Sowjetunion und ihren Trabanten, wo vielfach besonders phantasievoll geplant wurde – man denke nur an das berühmte Ministerium für Straßenbau im georgischen Tiflis, dessen Gebäudeteile sich wie Straßen kreuzen.

Höhepunkte erreichte der Brutalismus im Sakralbau: Gernot Böhm ist mit der Hochschulkirche St.Johannes XXIII. in Köln vertreten oder Walter Maria Förderer mit der Kirche Saint-Nicolas im Wallis, deren Optik sich an die der Staumauer anlehnt, die dem Dorf Hérémence den Fortschrittglauben brachte.

Der Rundgang endet mit einer hübschen Idee: Zum einen hat man um Zusendungen von Postkarten gebeten, die das besonders vom Brutalismus betroffene Pforzheim zeigen, zum anderen kann man beim Gang entlang einer Wand rätseln, ob man die gezeigten Bilder zuordnen kann. So ist der Didaktik auch noch Genüge getan, in einer Ausstellung, die den Blick auf eine Epoche schärft, mit der wir schon deshalb nicht fertig sind, weil sie jetzt zum Sanierungsfall wird. Es erstaunt im Nachhinein, wie schnell und heftig die Eruptionen dieses Baustils waren – und wie schnell er wieder im Bauchladen der Moden verschwand, um heute wieder Anhänger zu haben, wie die Bauten des Büros Lacaton & Vassal zeigen.

Der umfangreiche und empfehlenswerte Katalog kommt mit einem Umschlag aus grobem Leinen, haptisch kein Vergleich zu Sichtbeton. Die Ausstellung geht im kommenden Jahr nach Wien. Im kleinsten Bundesland Österreichs streitet man derzeit über den „Bubru“, den burgenländischen Brutalismus. Das Kulturzentrum Mattersburg, seit 2014 geschlossen, soll abgerissen werden. Andere Länder, gleiche Herausforderungen.

SOS Brutalismus. Rettet die Betonmonster! Im Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt am Main; bis 2. April 2018. Der Katalog (Park Books) kostet im Museum 59, im Buchhandel 68 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.
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