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Biennale der Fotografie

Kein Bild ist eine Insel

Von Freddy Langer
 - 22:44
Das „Pièce photo-scénique n°2“, ein Direktdruck auf Holz, Plexiglas und diverse Materialien von Pétrel I Roumagnac. Bild: Pétrel I Roumagnac (duo), F.A.Z.

Was ist Fotografie? Da stellen wir uns mal ganz dumm. Fotografie, das ist ein großer schwarzer Raum, der hat zwei Löcher, nicht anders als die Dampfmaschine in der „Feuerzangenbowle“. In das eine kommt Licht hinein, aus dem anderen kommt ein Bild heraus. Das ist die technische Seite. Oder war es zumindest lange Zeit. Aus der Perspektive des künstlerischen Anspruchs stellt es sich ein wenig komplizierter dar. Dann könnte man die Welt als Marmorblock betrachten und den Fotografen als einen Bildhauer, der all das abschlägt, was nicht seiner Vision und Absicht entspricht, bis er am Ende einen nackten David freigelegt hat oder die geflügelte Nike. So entstehen Meisterwerke.

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Wer sich heute mit Fotografie beschäftigt, der muss nach beidem lange suchen. Nach dem Bild, wenn man darunter den haptisch erlebbaren Papierabzug meint, ebenso wie nach dem David oder der Nike als Sinnbild für klassische Schönheit oder ästhetische Perfektion. Fotografie gleicht heute vielmehr den Millionen von Splittern und Splitterchen, die der Bildhauer am Abend auf dem Boden seines Ateliers zusammenkehrt. Eine Masse an Material, zufällig entstanden, im Takt von Tausendstelsekunden aus dem Marmorblock des Lebens gehämmert und dann hingeworfen auf einen Haufen weiterer Splitter, der wächst und wächst und allmählich unter sich begräbt, was ursprünglich hervorgeholt werden sollte. Wer braucht das noch?

Funktionsweise von Fotografie heute

„Farewell Photography“ ist das Fotofestival in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg überschrieben, das nunmehr zum siebten Mal stattfindet, aber sich zum ersten Mal „Biennale für aktuelle Fotografie“ nennt. Ein Kuratorenteam unter der Federführung von Florian Ebner und Christin Müller hat dafür acht Ausstellungen an sieben Orten erarbeitet. Davids und Nikes sind auch zu sehen, hier Arbeiten von Floris Neusüss und Étienne-Jules Marey, dort von Helmar Lerski und Jürgen Klauke, doch insgesamt sind es nur wenige. Denn nichts lag den Ausstellungsmachern ferner als eine weitere Musealisierung des Mediums. Vielmehr untersuchen sie die Rolle und Funktionsweise von Fotografie heute. Dabei scheinen Fragen der Gesellschaftskunde mitunter die der Kunstgeschichte zu verdrängen, wenn Motive aus den sozialen Medien metergroß aufgeblasen an den Wänden hängen. Und dort, wo die Bilder der größten Nachrichtenagenturen im Sekundenrhythmus über Bildschirme flackern, weicht jegliche Historisierung der aktuellen Politik und Weltlage. Dennoch versteht sich die Biennale als Kunstschau. Und es begreifen sich die Urheber der Arbeiten und Installationen auch dann als Künstler, wenn sie die Motive der Bilder nicht selbst geschaffen haben – was häufig der Fall ist und die Frage von Autorenschaft immer wieder aufwirft.

„Keine neuen Bilder, bis die alten aufgebraucht sind“, hatte der Bildersammler Joachim Schmid in Anlehnung an ein gängiges Atombombengraffiti der Sponti-Szene schon 1987 gefordert. Jetzt legt er in der Mannheimer Ausstellung „Kein Bild ist eine Insel“ mit „Other People’s Pictures“ eine sechsundneunzigbändige Bildenzyklopädie vor, lauter Fotobände zu jeweils einem Hashtag-Stichwort bei Instagram – von „Airline Meals“ über „Hotel Room“ bis „You are here“. Die Bücher liegen in einer Reihe auf einem schier unendlichen langen Regalbrett. Statt auf die Unübersichtlichkeit der täglichen Bilderflut mit weiteren Bildern zu reagieren, wird der Künstler gewissermaßen zum Filter. Die Welt ist wieder sortiert, und wer sich durch all die Bücher blättert, der erhält einen überzeugenden Querschnitt dessen, womit Menschen sich in den sozialen Medien beschäftigen. Was freilich fehlt, ist das Moment der Massenkommunikation, denn die Bilder richteten sich ja gerade nicht an einen Betrachter, sondern an die ganze Welt. Kim Kardashians täglicher Fotoblog zählt immerhin 103 Millionen Abonnenten. Eines der aktuellen Bilder ihrer auffälligen Rundungen, hingestreckt an einem Pool, bringt es auf knapp anderthalb Millionen Herzchen ihrer Fans sowie fast vierzehntausend Kommentare, unter denen sich auch die Vokabel „Inspiration“ findet. So spiegelt man sich selbst im Narzissmus des Betrachteten – Ertrinken bei Nachahmung nicht ausgeschlossen.

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„Muss ja nicht sein“, schien Jürgen Teller sich gesagt zu haben, überredete Kim Kardashian, in Reizwäsche und Stöckelschuhen einen matschigen Abhang hinaufzuklettern und machte eine wenig schmeichelhafte Aufnahme dieses Versuchs. Sein Bild hängt im metergroßen Format ebenfalls in der Ausstellung „Kein Bild ist eine Insel“. Wer Instagram nicht kennt, der begreift die Selbstironie nicht.

Bloßgelegte Ikonographien

Dass Bilder neue Bilder erzeugen, aufeinander reagieren und einander kommentieren, ist keine neue Erkenntnis. Aber sie führt bei dieser Biennale zu wunderbaren Verkettungen – am schönsten vielleicht in der Ausstellung „Global Players“ mit Farbfotografien eines türkischen Gastarbeiters aus Ludwigshafen. Sorgfältig beschriftet, schickte er sie in den sechziger Jahren an die Familie daheim, von wo aus ihn wiederum Bilder von Frau und Kindern erreichten. Nicht anders als heute auf Whatsapp, wurden damals billige Papierabzüge zum Update des eigenen Befindens genutzt. Eingebettet in Schnappschüsse seiner Kollegen und Landsleute allerdings erzählen sie nicht nur von Heimat und Fremde, von den Versuchen, in der neuen Kultur Fuß zu fassen. Vielmehr legen sie auch eine Ikonographie bloß, die weniger der Einfallslosigkeit der Hobbyfotografen geschuldet zu sein scheint als einer universellen Verabredung, was die Inhalte und Kompositionen angeht. Denn nicht anders als jeder deutsche Familienvater zeigen sich diese Gastarbeiter in steifer Haltung vor der Ruine des Heidelberger Schlosses, oder sie posieren stolz neben Personenwagen. Umso unheimlicher wirken in ihrer überraschenden Intimität dagegen Reportagebilder aus dem Umfeld türkischer Gastarbeiter, die Candida Höfer noch zu Studentenzeiten in Kölner Läden, Cafés und Parks aufgenommen hat.

Auch anderswo wird die Ikonographie von Bildern zum Dreh- und Angelpunkt der Installationen. D. H. Saur etwa hat Hunderte von Zeitungsbildern von Demonstrationen und Krawallen zusammengetragen und für die Heidelberger Schau „Widerständige Bilder“ zu stupiden Tableaus zusammengesetzt, wie Kinder es für den Sozialkundeunterricht machen. Erschreckend sind die Erkenntnisse in „Wer bist Du? Das bis Du!“ von Marianne Wex, die in den siebziger Jahren mehr als zweitausend Bilder aus Illustrierten auf die fast schon gegensätzliche Körpersprache von Männern und Frauen hin sortiert hat. Und von ethnologischen Interesse scheinen die erkennungsdienstlichen Aufnahmen geprägt, die der Bilderarchäologe Arwed Messmer in Mannheim in der Ausstellung „Andere Zeugenschaften“ zeigt. Es sind Funde aus der Polizeihistorischen Sammlung Berlin, entstanden nach einem Happening für die Freilassung von Fritz Teufel am 9. August 1967, als die Polizei unter anderen Rainer Langhans und Andreas Baader in skurrilen Verkleidungen abführte. Von Journalismus bis künstlerischer Inszenierung streifen diese Bilder die verschiedensten Gattungen.

Was also ist Fotografie? In „1 × 1 der Kamera“ gehen Künstler der Frage buchstäblich auf den Grund und beginnen noch einmal ganz von vorne, nur mit Licht sogar und ohne schwarzen Raum. Schatten laufen über die Wand. Ein Glühwürmchen hat seine Spur auf Zelloloid hinterlassen. Und Fotopapiere verfärben sich über die Dauer der Präsentation von Weiß über Bunt zu Schwarz, während sich auf einem fünf Meter breiten Digitaldruck fast siebzehn Millionen quietschbunte Quadrate von jeweils der Größe eines Stecknadelkopfs zur grauen Fläche addieren. Das Bild wirkt wie ein Tor, hinter dem sich eine neue Welt auftun könnte. „Welcome Photography“.

Farewell Photography – Biennale der aktuellen Fotografie, acht Ausstellungen in Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen; bis 5. November, Der Katalog, Verlag Walther König, kostet 27 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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