Bildbetrachtung

Junger Mann vom jungen Rembrandt?

Von Stefan Trinks
 - 15:32
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Ein Gemälde eines jungen Mannes, das vor anderthalb Jahren in einem Londoner Auktionshaus als „Rembrandt-Schule“ ersteigert worden ist, wurde nun von dem Amsterdamer Kunsthändler Jan Six und von Ernst van de Wetering, dem ehemaligen Leiter des „Rembrandt Research Project“ und einem der weltweit führenden Experten für Rembrandt, als Werk des niederländischen Barockmalers identifiziert. Es wäre damit das erste unbekannte Gemälde, das Rembrandt seit 1974 neu zugeschrieben wird.

Der Künstler des „Porträts eines jungen Mannes“, das 95 mal 75 Zentimeter misst, setzt auf ein mächtiges dunkles Körpergebirge einen kleinen Kopf: Es wirkt, als verstecke sich unter dem schwarzen Mantel des Edelmanns noch eine zweite Person und als sorge deren Haupt für die unmotivierte Ausbuchtung auf der Schulter des Porträtierten. Selbst bei Betrachtung der Reproduktion fällt auf, dass das fleischige Gesicht mit kartoffeliger Nase und ebensolchem Kinn ausdruckslos ins Leere starrt; viel zu viel haarspalterisch feingemalte Lockenpracht fällt vor allem links, trotz Schulter dazwischen, stoisch vertikal. An mehreren Stellen wurde das Haar mit dem undifferenzierten Hintergrund-Graublau zudem wieder übermalt, etwas, was Rembrandt nur selten machte.

Zweit- bis drittklassiges Schulwerk

Geradezu erschreckend ungelenk aber ist der helle Lederhandschuh, dessen Fingerspitzen gummihaft herabhängen und an dem der kleine Finger im Gegensatz zum wurstigen Zeigefinger wie ein fühllos abgerissenes Barockkommodenbein baumelt. Könnte man den Handschuh und die lediglich summarisch gegebenen Mantelfaltengebirge auf einen schlechten Erhaltungszustand oder eine Überrestaurierung schieben, zeigt sich gerade in dem kleinlich, mit allen Details wie eingeklöppelten Kannen und Vasen, gemalten Spitzenkragen in Blütenweiß, dass dies nicht zutreffen kann.

Jan Six entdeckte das Gemälde bei einer Auktion bei Christie’s in London und kaufte das Werk, undatiert und ohne Signatur, erst vor achtzehn Monaten. Es soll Spezialisten zufolge aufgrund des damals modischen Spitzenkragens um das Jahr 1634 entstanden und Teil eines großen Doppelporträts sein. Six argumentiert in seinem Buch „Rembrandt’s Portrait of a Young Gentleman“, das soeben auf Niederländisch und Englisch erschienen ist, naturgemäß für die Echtheit seines Bildes. Er skizziert darin die Provenienzgeschichte und technische Untersuchung des Gemäldes, die seiner Meinung nach beweisen sollen, dass es nicht von einem der Schüler oder Anhänger Rembrandts, sondern von des achtundzwanzigjährigen Meisters eigener Hand gemalt wurde. Darüber hinaus pflichten ihm fünfzehn weitere Konservatoren und Kunsthistoriker aus den Niederlanden und dem Ausland bei, dass das Ölgemälde von Rembrandt selbst stamme.

Das Porträt wurde von einem Mitglied des britischen Adels bei Christie’s eingeliefert; es war seit mindestens sechs Generationen im Besitz dieser Familie. Das Auktionshaus beschrieb es im Katalog als Werk der „Schule von Rembrandt“ und schätzte es auf 15.000 bis 20.000 Pfund. Hätten es mehr Bieter als echt eingeschätzt, wäre der Auktionspreis vermutlich höher ausgefallen. Die doppelt so großen Ganzfigurenporträts „Marten Soolmans“ und „Oopjen Coppit“ aus Rothschild-Besitz wurden 2016 von den Niederlanden und Frankreich für gigantische 160 Millionen Euro angekauft und werden nun jeweils für fünf Jahre im Louvre und im Amsterdamer Rijksmuseum wechselseitig ausgestellt. Six hingegen konnte das Porträt für 137.000 Pfund, etwa 156.000 Euro, kaufen.

Nach Veröffentlichung des Buchs zum Bild plant der Kunsthändler nun, das Porträt zu verkaufen; über den Preis, den er dafür erwartet, möchte er nicht sprechen. Da das „Porträt eines jungen Mannes“ über die nur wenige Jahre lang modische Kragen-Spitze datiert wurde und, wie das Rothschild-Doppelporträt, ebenfalls von dem achtundzwanzigjährigen Rembrandt 1634 gefertigt worden sein soll, erweist ein Bildvergleich die ganze Schwierigkeit der neuen Zuschreibung: Im selben Jahr sollte es bei ein und demselben Künstler derartige Qualitätsunterschiede geben? Betrachtet man die lebensgroßen Porträts „Marten Soolmans“ und „Oopjen Coppit“ und ihre bei aller Ausladenheit der Gewänder und Körper doch würdevolle Erscheinung und die subtile Feinheit der beiden Spitzenkrägen bei gleichzeitiger, typisch Rembrandtscher „impressionistischer“ Freiheit, deklassieren diese im Vergleich den jetzt hochgejubelten „Jungen Mann“ zum zweit- bis drittklassigen Schulwerk. Einen tiefen Rembrandt-Hintergrund zu gestalten wie auf dem Doppelporträt, wagt der Künstler des „Porträts eines jungen Mannes“ erst gar nicht. Es könnte so wirken, als habe sich hier ein Schüler an Rembrandts Gesichtsmodellierung von „Marten Soolmans“ orientiert und diese kopiert; beim Rest des Körpers mit den Gummifingern und der Gewandung zeigen sich jedenfalls größte Unbeholfenheiten.

Tatsächlich steuerte Ernst van de Wetering, der seit fünfzig Jahren das Werk Rembrandts erforscht, das Vorwort zu Six’ Buch bei. Der renommierte Spezialist beschreibt das neu entdeckte Bild als „eines von Rembrandts meisterhaftesten Porträts“. Vor vier Jahren veröffentlichte van de Wetering einen neuen OEuvre-Katalog zu Rembrandt. Die Zuschreibung des „Porträts eines jungen Edelmanns“ an Rembrandt würde die Gesamtzahl der bekannten Werke wieder auf 342 erhöhen, nachdem viele Bilder in Kassel, München oder Berlin – dort zum Beispiel der berühmte „Mann mit dem Goldhelm“ – über Jahre hinweg ausgemustert worden sind.

Der Kunsthändler Jan Six ist ein Nachkomme des Amsterdamer Bürgermeisters Jan Six, der von Rembrandt gemalt wurde – ein Porträt, das bis heute im Haus der Familie hängt und zudem als Radierung in den großen Graphik-Sammlungen weltweit vertreten ist. Six freut sich, dass die Nachrichten über seinen Fund nun publiziert sind, da er gegen Ende hin nicht mehr gezählt habe, wie oft er zum Restaurator gefahren sei, wie er niederländischen Zeitungen bei der Buchvorstellung sagte. Wer die Probe selbst machen will, kann das „Porträt eines jungen Mannes“ von heute an inspizieren: Für einen Monat ist es nun in der Hermitage Amsterdam zu sehen, einem Ableger der Sankt Petersburger Eremitage.

Quelle: F.A.Z.
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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