Boschs „Garten der Lüste“

Welttheater im Gartenreich

Von Stefan Trinks
 - 09:29

Wenn der Film in unseren Tagen wirklich die Malerei in der Erschaffung künstlicher Paradiese und apokalyptischer Gegenwelten abgelöst hat, nimmt es nicht wunder, dass die häufigste Metapher in der Beschreibung derartiger Filmwelten „hieronymusboschhaft“ ist. Nirgends liegen Traum und Albtraum, Utopia und Dystopie so eng beieinander wie in Boschs erst im zwanzigsten Jahrhundert so benannten „Garten der Lüste“ von etwa 1495, in dem sich alle nur denkbaren Verlustierungen und zugleich die beständige Möglichkeit ihres Umkippens in Abgründiges künstlerisch ausgedrückt finden.

Umher- und Ausschweifen

Jüngstes Beispiel hierfür ist der Netflix-Film „Auslöschung“, in dem die Gefährtinnen von Natalie Portman während einer Expedition in schimmernde Pflanzen verwandelt werden, die direkt aus Boschs Bild entlehnt scheinen: exotische Gewächse wie Drachenblutbäume und Palmen, aber auch Arten von Grün, die es so noch nicht gibt, weil sie gleichermaßen aus menschlichen und pflanzlichen Genen bestehen oder weil die Menschen wie in Ovids Metamorphosen, die Mendel und Darwin in vielem vorwegnehmen, sich der Pflanzenwelt annähern. Den biologischen Mutationen sind die zahlreichen moralischen Ausschweifungen auf Boschs Bild insofern verwandt, als sie innere Metamorphosen der Lüstlinge nach sich ziehen. Vermutlich will der Maler wie in seinen Sprichwortbildern das Umher- und Ausschweifen in einem vor Fruchtbarkeit nur so strotzenden Garten wörtlich verstanden wissen. Dennoch gilt: Um derartige Phantasien malen zu können, muss der Künstler sie erst einmal gehabt haben.

Ein Garten ist der Definition zufolge ein abgegrenztes Stück Land, in dem Pflanzen oder Tiere gepflegt werden. Der „Garten der Lüste“ als Mittelteil eines Triptychons von Bosch ist als Bildformat quadratisch und wirkt deshalb bereits auf den ersten Blick wohltuend in sich ruhend. Obwohl sich der Garten ohne Zäune und Mauern unbegrenzt auszubreiten scheint, schließen ihn die kühlen blauen Berge im Hintergrund optisch ab. Dass es sich um ein künstliches Paradies handelt, zeigen die kurz gehaltenen Rasenflächen wie auch die geschnittenen Hecken. Es ist ein „gepflegter“ Garten – vom lateinischen Wort colere für „ein Stück Land pflegen“ stammt nicht zuletzt der Begriff der „Kultur“. In diesem Garten wachsen mannigfaltige Pflanzen; auch Tiere werden hier gehegt und gepflegt, wilde leben neben friedfertigen, weshalb das ins Griechische übernommene persische Wort für „Tiergarten“, paradeisos, zum Synonym für einträchtiges Zusammenleben, paradiesische Zustände schlechthin wurde. Nahezu jede Kunst, die im jüdisch-christlich-islamischen Bereich kultivierte Landschaft zeigt oder von der Renaissance bis zum englischen Landschaftsgarten dann in Form der ausgedehnten Gartenreiche nachbaut, gibt ein fernes Echo dieses verlorenen Paradieses wieder.

Kein Platz für Abhängigkeiten

Das Paar im futuristisch gläsernen Kugel-U-Boot auf dem See kann pars pro toto für die paradiesisch ausgeglichenen Geschlechterverhältnisse im Naturzustand stehen: In der langen Tradition der unterschiedlichen Inkarnate der Urmenschen hat der von Gott aus dem Lehm des Erdbodens geformte „Adam“, vom hebräischen Wort für „Rote Erde“, einen dunkleren Teint als die makellos elfenbeinfarbene „Eva“, aus einer weißen Rippe geschnitzt. Beide berühren sich zärtlich und sind in ihrer Beziehung „auf Augenhöhe“; diese blonde Eva überragt den Mann sogar, der sich fast kindlich an sie schmiegt. Für Abhängigkeiten ist in diesem Urgarten kein Platz, der Zwist kommt später. Es ist ein Moment der Freiheit für beide Geschlechter, den Bosch hier projiziert; hingegen ist es kein reines Männerparadies, denn die Frauen nehmen sich selbstbewusst, was sie wollen, und Hautfarben spielen in diesem gleichberechtigten Lustgarten schon gar keine Rolle.

Der See im oberen Bilddrittel mit der tiefblauen Fontäne aus Kugel und Turm im Zentrum ähnelt in seiner auffälligen Form einem riesigen Auge Gottes, das aus dem Bild heraus- und zugleich in den Garten hineinstarrt. Überhaupt gewinnt der Betrachter durch die Vogelperspektive seines Blicks auf dieses Gewimmel von Mensch und Tier den Eindruck, wie Gott auf einen Laborversuch der Evolution zu schauen. Mit diesen „Labortieren“ seiner eigenen Spezies beobachtet er jedoch auch sich selbst. Es ist dieser stets distanzierte Blick von leicht erhobener Warte, der Bosch bis heute zu einem zeitlos modernen Beobachter macht.

Schon 1593, also noch im Jahrhundert seiner Entstehung, wurde das Bild in einem Inventar des Escorial, wo es vor seinem Umzug in den Madrider Prado stand, als „Bariedad del mundo“ bezeichnet. Das kann im Spanischen ebenso die „Vielfalt der Welt“ meinen wie ein wuseliges „Varieté der Welt“, ein Welttheater, das in diesem Gartenreich von seinen alterslosen Bewohnern aufgeführt wird, die augenscheinlich endlose Freuden genießen, ohne dass ihnen die Stunde schlägt. Denn bei Bosch ist der Lustgarten selbst zugleich ein Jungbrunnen, der seine glücklichen Siedler niemals altern lässt. Aber Bosch ist nicht naiv, und der Überfülle in diesem Wimmelbild ist ein Verfallsdatum eingemalt: In jeder Blüte dieser Abundanz an Farben und Formen – vielleicht am stärksten in den überreif aufplatzenden Früchten im Vordergrund – steckt bereits der Keim des Abfaulens, Verwelkens, des wieder in den natürlichen Kreislauf Eingespeist-Werdens.

Das Triptychon ist wahrscheinlich in den fünf Jahren vor und nach der Jahrhundertscheide „1500“ entstanden, der viele Menschen in dieser vorreformatorischen Zeit großer sozialer und politischer Umbrüche mit Ängsten entgegenbangten. Somit könnten Boschs gemalte Unwirklichkeiten in diesem Lustgarten auch Metaphern sein: ein Tanz auf dem Vulkan, der für diese Interimsliebenden schon im nächsten Moment in die Apokalypse der auf den Mittelteil folgenden rechten Bildtafel umschlagen kann.

Jeder Garten, ein fiktiver zumal, ist ein tägliches Spiel mit der Vergänglichkeit und ihren Ambivalenzen. Bei Bosch ist der Garten gleichsam die gesamte Welt unter einem Brennglas, im filmischen Zeitraffer.

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Dieser Artikel stammt aus der Feuilleton Live-Ausgabe Gärten.

Quelle: F.A.Z.
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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