Ausstellung im Moma PS1

Das ewig Unveränderliche laufender Nasen

Von Niklas Maak
 - 08:40

Oft gibt es im Leben eines Künstlers – oder einer Künstlerin – eine kritische, unangenehme Phase, die manchmal Jahrzehnte andauern kann. Es ist die Zeit zwischen der ersten, gefeierten Debüt-Ausstellung und den großen Retrospektiven, in denen dann später das Gesamtwerk gefeiert oder wiederentdeckt wird, wenn es denn dazu kommt. Künstler, die sich in der kritischen Phase dazwischen befinden, werden manchmal mit dem unschön nach einer Midlife Crisis klingenden Begriff „Mid-Career Artist“ belegt.

Selbst die heute als Vorreiterin einer dezidiert feministischen Malerei und als wichtige Erneuererin malerischer Traditionen gefeierte Künstlerin Maria Lassnig machte die Erfahrung einer solchen bedrohlichen Durststrecke. Die 1919 geborene, vor drei Jahren verstorbene österreichische Malerin wurde schon relativ früh als wichtige Vertreterin des Informel und später für ihre „Körperempfindungsbilder“ gefeiert. Doch bevor sie 1982 auf der Documenta gezeigt, dann Professorin in Wien und schließlich mit neunzig triumphal als eine der wichtigsten weiblichen Positionen in der Malerei des zwanzigsten Jahrhunderts gefeiert wurde, vergingen etliche Jahre, in denen sie sich unter anderem in New York mühsam durchschlagen musste. Dass dort nun die erste Ausstellung einer Maria-Lassnig-Preisträgerin stattfindet, ist, so gesehen, kein Zufall.

Charme der ironischen Distanz

Der dem Andenken der österreichischen Künstlerin gewidmete, mit 50 000 Euro dotierte Preis, erklärt Peter Pakesch von der Lassnig-Foundation, sei bewusst und nach dem erklärten Willen Lassnigs weder als Förderpreis für junge Künstler ausgeschrieben noch als Ehrung fürs Lebenswerk – sondern als Auszeichnung und Ermunterung für diejenigen, deren Karriere sich in der sogenannten Mitte befindet und Unterstützung brauchen kann. Die erste Preisträgerin ist die 1966 geborene Irin Cathy Wilkes, deren Name und Werk außer einem überschaubaren Kreis von Kennern bislang fast niemandem etwas sagen dürfte. Das soll der Preis und die damit verbundene Ausstellung in der ehemaligen Public School One „PS1“, der Gegenwartsfiliale des Museum of Modern Art im New Yorker Stadtteil Queens, ändern.

Was sieht man dort? Man sieht etwas, das in seiner kühlen Inszeniertheit auf den ersten Blick entfernt an die Tableaux vivants von Anne Imhof in Venedig erinnert – nur dass hier keine echten Menschen, sondern Puppen zwischen Alltagsgegenständen, Treibgut, Reet und Stangen mit aufmontierten Köpfen posieren, die wie Wiedergänger alter kykladischer Stelen wirken. Das Mythologische und die Banalität der Dinge, die man in Küchen und Kinderzimmern findet, und das Fremde, aus Vorzeiten Hinübergerettete fallen hier in- und übereinander. Staunend wandert man durch diese Privatmythologien, in denen Dinge aus dem Alltag der Künstlerin in bedeutungsvollen Anordnungen arrangiert werden, und bleibt schließlich vor allem vor den Malereien stehen, die in ihrer überbelichteten Nebligkeit und rauhen Stofflichkeit zum Teil an Turners Venedig-Bilder erinnern, zum Teil an die Farbnebel von Cy Twombly. Man kann von einer Ästhetik des Dunstigen, des gerade noch Erkennbaren, der gerade noch greifbaren Erinnerung sprechen – wie überhaupt Erinnerung, Rekonstruktion, Vergegenwärtigung Themen sind, die sich nicht als roter Faden, sondern ebenfalls eher als Nebelschwade durch Wilkes’ Werk ziehen.

Dann wieder Skulpturen, die den Alltag paraphrasieren: Einem Kind wird eine Nase geputzt, die Erläuterungstafeln schlagen vor, hier nicht weniger als einen „Archetypen“ zu erkennen, wobei noch zu klären wäre, was für ein Archetyp das sein soll – das ewig Unveränderliche der laufenden Nase, die den Steinzeitmenschen mit uns verbindet? Vielleicht täte man Wilkes’ Werk einen Gefallen, wenn man nicht jedem seiner Details einen Ausdruck menschheitsgeschichtlicher Dramen abzuringen versucht; der Charme liegt ja vielleicht eher in einer ironischen Distanz zum automatisierten Bedeutungsdonner kunsthistorischer Interpretationen. Ein Werk zeigt eine Schaufensterpuppe, die offenbar Gegenstand einer Action-Painting-Attacke wurde: Die Farbe läuft über den nackten Plastikkörper – was man vielleicht ebenfalls weniger als „Archetyp“, sondern als kunsthistorischen Kommentar und als Ironisierung des Hangs männlicher Aktionskünstler zum Übermalen und Herumrollen echter Frauenkörper lesen kann.

Eine Künstlerin, die sich schon lange mit solchen und feministischen Gegenkörperbildern befasst, ist Carolee Schneemann, deren Werk zwei weitere Etagen des PS1 füllt. Gezeigt wird ihr Werk, beginnend mit ihren frühen Malereien, etwa den abstrakt expressionistischen „Drei Figuren nach Pontormo“ von 1957. Es folgen die nach 1961 – dem Jahr, als Schneemann nach New York kam – entstandenen Arbeiten, mit denen sie begann, ihre malerische Sprache in Tanz und Performance zu übersetzen und damit den Körper gleichzeitig zur Leinwand und zum Malwerkzeug zu machen: Ihr „kinetisches Theater“, wie sie es nannte, brachte choreographierte Körper und Fundstücke wie Scherben, Muscheln oder auch Fotografien in Tableaux vivants zusammen.

Ebenfalls sind in der Ausstellung die Überreste ihrer wohl berühmtesten Performance zu sehen, die unter dem Titel „Up to and including her limits“ mehrfach zwischen 1973 und 1976 aufgeführt wurde: Schneemann ließ sich nackt in einem Geschirr von der Decke hängen, als sei sie eine Phantasie des japanischen Fraueneinknoters Nobuyoshi Araki – und dergestalt in der Luft baumelnd über dem Papier kreisend, begann sie, wilde gestische Bilder zu malen, eine Performance, die später in dem Film „The Big Lebowski“ zitiert wurde und ihr zu ungeahnter Berühmtheit auch außerhalb der Grenzen der Performance-Kunstwelt verhalf.

„Up to and including her limits“ war ebenfalls ein ironischer Kommentar zum Ganzkörpereinsatz-Kult der männlichen Abstrakten Expressionisten. Das Ergebnis war keine kontrollierte, heroische Geste, sondern das Resultat von eher zufälligen Körperbewegungen. Als Spuren einer Bewegung sind die Überreste dieser Performance aber ebenso energiegeladen und selbstbewusst wie die gern zur Waffe greifenden, nackten alten Körper, die Maria Lassnig in ihrem Spätwerk feierte und denen sie den Weg in die Kunstgeschichte quasi im Alleingang freigeschossen hat. So entfaltet sich im PS1 eine ganze Kunstgeschichte der Selbstermächtigung, wie man sie in den internationalen, der Gegenwartskunst gewidmeten Museen gern öfter sehen würde.

Cathy Wilkes. Carolee Schneemann. Im MoMA PS1, New York; bis zum 11. März 2018.

Quelle: F.A.Z.
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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