Haus der Kunst in Finanznot

Vielleicht mal eine Budgetierung einführen

Von Brita Sachs
 - 15:42

Die Lage sei angespannt: So beurteilt Bernhard Spies, der kaufmännische Direktor des Hauses der Kunst in München, die Finanzsituation, die er bei Amtsantritt vor hundert Tagen vorfand. Sämtliche Rücklagen, berichtet er im Gespräch mit dieser Zeitung, seien aufgebraucht und mehr Ausgaben für das laufende Jahr geplant, als Geld vorhanden sei. Der Wirtschaftsprüfungsbericht 2016, der dem Aufsichtsrat der „Stiftung Haus der Kunst“ die Augen hätte öffnen können, sei viel zu spät abgeliefert worden. Und weil in manchen Abteilungen Aufträge nicht kontrolliert und gegengezeichnet wurden, sei unklar, was noch an Rechnungseingängen komme. Ein internes Kontrollsystem soll derartige Pannen künftig verhindern, „wir müssen hier, wie andere Häuser auch, mit Budgetierung arbeiten“, so Spies.

Geholt hat man den damals gerade erst in Pension gegangenen ehemaligen Geschäftsführer der Bundeskunsthalle in Bonn wegen seiner Erfahrung als Krisenmanager und seines Rufs als „Retter“ des Bonner Hauses. Er wurde dem künstlerischen Direktor Okwui Enwezor gleichgestellt, doch die gemeinsame Zeit währte nur sehr kurz. Seit Enwezor vor vier Wochen aus gesundheitlichen Gründen sein Direktorenamt vorzeitig niederlegte (F.A.Z. vom 5. Juni), lenkt Spies das Haus erst einmal allein. Vieles will er von Grund auf ändern, etwa eine Struktur von Einzelkämpfern zum Team umformen, auch die bislang problematische Kommunikation zwischen den Bereichen wie mit der Geschäftsführung verbessern; Coachings sollen helfen. Zudem bedarf die Gehaltsstruktur der Sanierung, sie weist ungerechte Abweichungen vom Tarif auf, nach unten wie nach oben. Dass massiv gespart werden muss, wirkt sich nicht zuletzt auf das Programm des Ausstellungshauses aus. Während man noch versucht, die für November angekündigte Joan-Jonas-Schau zu retten, wird eine Theaster-Gates-Ausstellung verschoben. Gestrichen werden zwei geplante Fortsetzungen von „Postwar – Kunst zwischen Pazifik und Atlantik 1945–1965“, „Postcommunism“ und „Postcapitalism“: nicht nur, weil Folge eins dieses Mammutprojekts gigantische Löcher in die Kasse riss – statt 1,2 Millionen kostete sie 4,5 Millionen Euro –, sondern auch, weil die Weiterführung ohne Enwezor bei dessen ureigenem Thema keinen Sinn ergibt. Wie man die Lücken im Programm des Hauses, das keine eigene Sammlung hat, schließen will, steht in den Sternen.

Wie berichtet (F.A.Z. vom 5. März) brachten nicht allein Geldprobleme das Haus der Kunst in den vergangenen zwei Jahren ins Schlingern. Erst kam es zum Skandal um den Personalverwalter Arnulf von Dall’Armi, den nach dem Vorwurf der vertragswidrigen Mitgliedschaft bei Scientology auch noch Anschuldigungen von Mitarbeiterinnen wegen sexueller Belästigung trafen; im März 2017 wurde Dall’Armi schließlich entlassen. Weil er, wie auch weiteres Personal, jahrelang scheinselbständig beschäftigt gewesen sein soll, was dem Haus der Kunst unrechtmäßig die Sozialabgaben gespart hätte, drohen Schadenersatzforderungen in bislang unbekannter Höhe.

Vom ehemaligen kaufmännischen Leiter, Marco Graf von Matuschka, trennte man sich im Dezember 2017. Drei Kündigungen erhielt er insgesamt, eine fristlose, eine verhaltensbedingte und endlich die betriebsbedingte. Das Urteil des Arbeitsgerichts, vor dem Matuschka klagt, wird Mitte dieses Monats erwartet. Entschieden wird auch über eine Abfindung, die der Manager verlangt, weil sein Renommee in der Branche durch die Tatsache, dass man ihm die drohenden Forderungen anlastet, stark beschädigt sei. Okwui Enwezor will von den zunehmenden personellen und wirtschaftlichen Missständen nichts mitbekommen haben. Ein Grund dafür mag in seiner schweren Erkrankung liegen. Ein anderer darin, dass der international gefragte Kurator und Leiter von Großausstellungen, wie der Documenta 11 oder der Venedig-Biennale im Jahr 2015, vor München nie ein Haus geleitet hatte.

Obgleich Münchens Haus der Kunst einen lockenden Ruf in der Kunstwelt hat, dürfte es nicht ganz einfach sein, eine neue künstlerische Leitung vom Kaliber solcher Vorgänger wie Christoph Vitali, Chris Dercon und Okwui Enwezor zu finden. Die neue, seit März amtierende bayerische Kunstministerin Marion Kiechle – sie ist auch Vorsitzende des Aufsichtsrats des Hauses – entschied gegen eine Findungskommission und erklärte diese Personalie zur Chefsache; viele Experten, auch aus Münchner Kunstkreisen, will sie dazu hören. Anzunehmen ist aber auch, dass spezialisierte Headhunter unterwegs sind.

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Spätestens zu Beginn des kommenden Jahres will Kiechle die Stelle wiederbesetzt haben. Wen immer sie ernennt, der wird die Arbeit in einer Doppelspitze mit gleichgestelltem kaufmännischem Direktor akzeptieren müssen. Das birgt Konfliktstoff. Dürfte es doch den häufigen Einsatz des Rotstifts bedeuten, aber auch Forderungen nach einem „Produkt-Portfolio, das viele anspricht“, so Spies, will heißen Ausstellungen für den breiten Geschmack, die Kuratoren selten behagen. Und es warten große Aufgaben auf die neue Leitung, insbesondere die Generalsanierung des 1937 errichteten Gebäudes durch den englischen Stararchitekten David Chipperfield, an die in der Ära Enwezor mit Billigung des damaligen Kunstministers Ludwig Spaenle das ehrgeizige Vorhaben geknüpft wurde, das Programm des Hauses über Ausstellungen hinaus für Performatives aller Sparten zu öffnen. Eine Machbarkeitsstudie, welche die dafür veranschlagten Mehrausgaben und Mehreinnahmen hochrechnet, wird unter Verschluss gehalten. Chipperfield erhielt jüngst den Auftrag für die Planungsphase zwei, die Planungskonzept und Kostenschätzung umfasst.

Um die „Wucht des Hauses der Kunst“ nicht zu schwächen, befürwortet Ministerin Kiechle statt einer vierjährigen Schließung ein Vorgehen in zwei Bauabschnitten bei laufendem Betrieb. Bernhard Spies, der bauerfahren ist, teilt diesen Wunsch. Er schätzt, dass die Mehrkosten dafür „in überschaubarem Rahmen“ bleiben werden, zumal „langjährige Schließung Kündigungen von Mitarbeitern bedeutet“. Dann anfallende Ausgaben für Sozialpläne und Anlaufkosten muss der Haushaltsausschuss des Landtags mitberücksichtigen, wenn er zur Bewilligung der veranschlagten 150 Millionen Euro tagt.

Spies meint, die schlimmste Durststrecke noch in diesem Jahr beenden zu können, und hofft auf bessere Zeiten von 2019 an. Immerhin hat der Freistaat als Hauptfinanzier des Hauses gerade seinen Zuschuss zum Jahresetat um 1,2 Millionen Euro aufgestockt. Und ein Hinweis ist ihm wichtig: Die neue Leitung sollte gut Deutsch können oder es schnell lernen. Im Haus der Kunst wurde in den vergangenen Jahren auf Englisch als Amtssprache bestanden, was teure Übersetzungen erforderte und der Kommunikation sehr abträglich war.

Quelle: F.A.Z.
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