Ausstellung zur DDR-Kunst

Drahtseilartisten proben den Aufstand

Von Camilla Blechen
 - 07:52
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Mit Leidenschaft privat gesammelt wurden Gemälde und Skulpturen, Zeichnungen und Druckgrafiken ostdeutscher Künstler bis zur Zeitenwende von 1989 gewissermaßen „vor Ort“. Seither bemühen sich die Eigentümer umfangreicher Kollektionen – in aller Regel erfolglos – den Reputation versprechenden Museumsstatus zu erlangen. Auch der vordringlich an alten Meistern, französischem Impressionismus und bundesdeutscher Nachkriegskunst interessierte Potsdamer Unternehmer Hasso Plattner hat sich vorgenommen, seine bislang auf Mitglieder der „Leipziger Schule“ beschränkte DDR-Kunst-Sammlung mit Neuerwerbungen zu erweitern, um sie später einmal permanent öffentlich präsentieren zu können.

Dem Risiko einer unspezifischen Lückenfüllung wirkt jetzt eine „Hinter der Maske“ betitelte, im Potsdamer Barberini-Palast gezeigte Ausstellung mit hundert Werken von achtzig Künstlern entgegen, die sich mit der Staatsdoktrin des Sozialistischen Realismus arrangierten, abfanden oder haderten. Die Leihgaben der exemplarischen Übersicht entstammen mehrheitlich führenden ostdeutschen Museen; mitmischen dürfen aber auch private Sammler, Galerien und die Künstler selbst. Sorgfältig ausgewählt, sollten die Exponate geeignet sein, das bisher eher unscharfe Profil der Sammlung Plattners zu stärken.

Ein goyesker „Seiltänzer“ des knapp sechzigjährigen Trak Wendisch, einem Hauptvertreter des Neo-Expressionismus, empfängt das Publikum. Tomatenrot gewandet, versucht der Artist, auf schwankenden Trittflächen Balance zu halten, wobei seine Gesichtszüge die Furcht vor dem Absturz verraten. Ganz Schalksnarr, blickt die Dresdner Zelebrität Theodor Rosenhauer den Betrachter hinter einer Karnevalsmaske an, während der Berliner Harald Metzkes einen „Januskopf“ mit dunkler Larve darbietet. Dem Schock einer skelettierten Handpuppe begegnet der Leipziger Bernhard Heisig mit unergründlichem Lächeln. An die Marionetten in Werner Tübkes Hauptwerk „Bildnis eines sizilianischen Großgrundbesitzers“ gemahnt der Auftritt des Künstlers im Zentrum seiner perfekt kostümierten Familie.

Wolfgang Mattheuers lebensgroße Bronze eines Mannes mit (Schafs-)Maske dominiert einen ausschließlich mit Skulpturen bestückten Raum, der Einzelwerke namhafter Bildhauer zusammenführt: Wieland Försters ergreifendes „Martyrium“ kopfüber gehenkter Torsi, Werner Stötzers subtil fragmentierte „Sitzende“, Sabina Grzimeks verrätseltes Selbstbildnis und Jenny Wiegmann-Mucchis personalisierte „Orkan“-Statuette im sturmzerfetzten Mantel. Verunsichert von einer restriktiven Kulturpolitik, verbarg der aus London nach Berlin zurückgekehrte Theo Balden seine verbitterte Mimik unter einer Maske.

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Die Stimmungslage ändert sich gründlich, wenn der halbnackte Willi Sitte mit dem für Bergarbeiter obligatorischen Schutzhelm auftritt und der scheue Norbert Wagenbrett einen hemdsärmeligen Arbeiter zu porträtieren versucht. Noch ganz den Stilprinzipien der Neuen Sachlichkeit verpflichtet, befragt Elisabeth Voigt eine Seifenblase nach den Chancen für eine Existenz jenseits verlorener Illusionen. Im Rahmen von neun Themengruppen, mit denen die Ausstellung den chronologischen Ablauf von vier Jahrzehnten DDR-Kunst unterläuft, fällt die Häufigkeit von Atelierdarstellungen auf. Wolfgang Mattheuer öffnet das Fenster, um sich zu vergewissern, dass die einen dubiosen Beobachter transportierende Friedenstaube keine Fata Morgana ist. Harald Metzkes gewährt den Besuchern seines Arbeitsraumes die Freiheit, sich gründlich auszutoben.

Von der Fülle des Inventars seiner Gemälde bedrängt, versteckt sich Bernhard Heisig hinter Musikinstrument und Stahlhelm. Den größten Gegensatz zu diesen Arrangements bilden die Fotografien, mit denen Klaus Hähner-Springmühl detailgetreu den Verfall seines Chemnitzer Ateliers dokumentierte. Dissident wie die Dresdner Autoperforationsartisten um Via Lewandowsky und Micha Brendel, wird der mit A.R. Penck befreundete Künstler als Schöpfer von „Störbildern“ charakterisiert, nicht anders als Hans-Hendrik Grimmling, dessen Triptychon „Die Umerziehung der Vögel“ die Repressalien des Parteiapparats geißelt.

Wie es im Jahr 1976 um einen Teil der in Potsdam präsenten Künstler stand, beweisen die nach zwanzigjährigem Dornröschenschlaf dem Depot des Deutschen Historischen Museums entnommenen Riesenformate aus dem inzwischen zugunsten der Schlosskopie abgeräumten Palast der Republik. Gerade einmal drei von sechzehn Malern, die sich seinerzeit Erbauliches zum Thema „Dürfen Kommunisten träumen?“ einfallen ließen, gelangten in den Rückblick auf das eigenwillige Werk jener Künstler, die sich als Günstlinge des in großem Stil DDR-Kunst akquirierenden rheinischen Sammlers Peter Ludwig Abweichungen vom Königsweg des Sozialistischen Realismus erlauben konnten, was sie fundamental von den Produzenten systemkonformer Palast-„Schinken“ unterschied. Den Individualisten, die im Halbschatten der Diktatur bewegende Werke schufen, hätte man die Nachbarschaft der Opportunisten ersparen können.

Hinter der Maske – Künstler in der DDR. Im Museum Barberini, Potsdam; bis zum 4. Februar 2018. Der Katalog kostet im Museum 29,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Blechen, Camilla (C.B.)
Camilla Blechen
Redakteurin im Feuilleton.
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