Hodler-Ausstellung in Bonn

Mit Schweizer Präzisionsarbeit in den großen Krieg

Von Luise Schendel
 - 21:10
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Ruhig gleiten die langen Finger über die dünnen Linien der Zeichnung. Noch stellt sie Ferdinand Hodler nicht zufrieden. Mit kleinen, schnellen Strichen fügt er weitere Schraffuren hinzu, bis sich ein marschierender Soldat mit Hut und Gewehr aus dem hellen Papier schält. Ein kurzes Verharren, dann befindet er die Skizze für tauglich. Später wird der Künstler sie von Hand kopieren und Details verändern, sie ausschneiden und frei mit anderen Figuren arrangieren. Nach und nach kommen Pferdeleiber hinzu, werden weinende Frauen aus dem Bild verbannt. Immer wieder widmet sich Hodler diesem Findungsprozess, denn es geht um viel: Ein Historienbild soll entstehen, ein Sinnbild des deutschen Nationalstolzes – das jetzt in der Ausstellung „Ferdinand Hodler. Maler der frühen Moderne“ in der Bundeskunsthalle zu sehen ist.

Gezeigt wird hier ein Künstler, dessen Stil nicht mehr den Impressionismus der Franzosen, aber auch noch nicht den Expressionismus der Deutschen in sich trägt. Der mit seiner eindrucksvollen Figurenbildung, etwa des überlebensgroßen „Wilhelm Tell“ bekannt wurde, jenes Schweizer Freiheitskämpfers, der auf der Leinwand in starken Linien nach der Natur gedieh. Dabei kommt der massiven, kantigen Körperlichkeit des „Tell“, der sich dem Betrachter mit grimmigem Ausdruck und Armbrust entgegenstellt, eine zentrale Bedeutung in der Kunstrezeption zu: Trotz Rückbesinnung auf den Nationalhelden konnte Hodler in seiner Schweizer Heimat selbst nie so recht mit seinen oft monumentalen Werken punkten. Frustriert registrierte er deshalb: „Ich werde nicht in der Schweiz bleiben, es wäre nutzlos, meinen Weg im eigenen Land zu machen.“ Tatsächlich stieß er vor allem in Wien auf ein Publikum, das die in Farbfeldern inszenierte, zeichnerisch hart umrandete Körperlichkeit seiner Bildkompositionen schätzte.

Wenn Franz Müller den österreichischen Kritiker Franz Servaes im Katalog zur Ausstellung als „Inbegriff des germanischen Kraftüberschusses“ und der „germanischen Abstraktion“ sprechen lässt, dann trifft das ziemlich genau die Sicht vieler Zeitgenossen. Auch der Belgier Henry van de Velde fühlte sich im Angesicht der schier körperlichen Präsenz der Hodlerschen Werke an „germanische Mentalität und an die germanische Empfindungswelt“ erinnert. Aussagen, die einer Einordnung bedürfen. So arbeitet Müller im Ausstellungskatalog diese nationale Verklärung auf und lehnt sie als „peinlich und obsolet“ ab. Hodler selbst schien dies seinerzeit kaum zu stören, und die kraftvolle Materie seiner Figuren stillte eine Zeit lang den Hunger auf Kriegerideale und Überlegenheitsphantasien. Hodler profitierte vom deutschen Hang zum Pompösen und Spröden.

Einer der wichtigsten Künstler der frühen Moderne

Dabei gestaltet sich Hodlers Bildsprache oft auch lieblich, meist jedoch ist sie unnahbar: Ein junges Mädchen lässt auf einer bunten Blumenwiese den Frühling erwachen, fünf bärtige Männer haben als „Lebensmüde“ auf einer Bank Platz genommen, das Gesicht eines „Holzfällers“ verzieht sich im Ausholen mit der Axt zu einer Grimasse der Ablehnung und Aggression. Der Trend geht zur Vereinfachung. Während der Hintergrund zunehmend einer hellen Fläche weicht, liegt der Fokus auf einzelnen Bildprotagonisten, die sich versonnen zu ihrer Bestimmung ausschweigen. Das lässt Freiräume für Gedanken und Interpretationen. Schon seine Interpretation der Schweizer Bergseen entführt in eine zeitentrückte, menschenleere Welt der Natureindrücke, die sich Hodlers imposanten Protagonisten nur scheinbar entgegenstellt.

Hier wie dort exerziert er die Reihung, die Wiederholung, die Serie. In der „Heiligen Stunde“ (1911) lässt der Maler zwei antikisch anmutende Frauen in blauen Kleidern auf einer bildteilenden Erdbank Platz nehmen, wiederholt sie gespiegelt und variiert sie anschließend, bis sie als Nachbarn ihrer selbst erscheinen. In diesem nicht zur Vollständigkeit ausdeutbaren Gemälde kulminieren die Elemente der Hodlerschen Stilistik aufs Schönste. Die Gesichter der Frauen, ihre Augen, Nasen und Münder sind beinahe feinmalerisch gelungen, auch auf Hände und Füße legte der Schweizer offenbar großen Wert. Umso nachlässiger fügt sich die Kleidung an die Körper an. Mit groben und schnellen Pinselstrichen arbeitet Hodler nur oberflächlich eine Tiefenwirkung der langen Gewänder heraus.

Der Hang zur Parallelisierung, Abstraktion und Vervielfältigung weist Hodler als einen der wichtigsten Künstler der frühen Moderne aus. In seiner Gemäldeserie, die den Namen „Thunersee mit Stockhornkette“ trägt (1904–1913), variiert er den Alpensee mit den Bergen im Hintergrund prozesshaft. Zwar dominiert stets das Blau des Wassers die Bildstimmung, doch die Beimischungen von Weiß, Rosa, Grün und Braun lassen Rückschlüsse auf die Veränderungen der Jahreszeiten zu.

Auch für Hodler ein Akt der Barbarei

Hodler bleibt zeitlebens Schweizer. Mit seinen Malereien von Bergseen bedient er die Liebe zur Heimat, die, ganz nebenbei die Alpenmalerei des frühen 20. Jahrhunderts erneuert – eine leichtgängige, entschlackte Form des Patriotismus. An dem Historienbild jedoch, das er in seinem Atelier eifrig variiert und das den gesammelten deutschen Nationalstolz in sich bergen soll, werden sich die Geister scheiden. In der Leipziger Abendzeitung vom 5. Oktober 1907 übt der Autor scharfe Kritik an der Auftragsvergabe durch die Gesellschaft der Kunstfreunde von Jena und Weimar: „Auf den Einfall, die Großtat eines Volkes durch einen Ausländer verherrlichen zu lassen, ist wohl bisher noch keine andere Nation gekommen.“ Mit dem heroischen Monumentalgemälde „Auszug der deutschen Studenten in den Freiheitskrieg von 1813“ sollen sich vor allem verklärte Erinnerungen an die Befreiung von den französischen Besatzern verbinden, die zwischen 1806 und 1815 das Land mit Krieg überzogen.

Doch Hodler denkt nicht daran, ein traditionelles Heldenepos anzufertigen. Er erschafft mit seinem Gemälde für die Jenaer Universität ein Denkmal für die studentischen Jedermanns, die sich zögerlich zum Ausrücken rüsten, während die Kameraden über ihren Köpfen zum Kampf marschieren. 1909 wird es an die Jenaer Universität übergeben – und fünf Jahre später hinter einer Bretterwand verborgen. Was war passiert? Kurz nachdem die deutschen Truppen 1914 in Frankreich und Belgien aufmarschieren, brennen die Bibliothek von Löwen und die Kathedrale von Reims, bis dahin wahre Leuchttürme der Hochkultur. Während die Deutschen von einem Verteidigungskrieg sprechen, bezeichnen internationale Medien das Geschehen als einen „Akt der Barbarei“. Davon ist auch Hodler überzeugt.

Er unterschreibt noch im selben Jahr ein Genfer Protestschreiben und beschwört damit den Bruch mit seinen bisherigen Mäzenen herauf. Der Schweizer verliert seine Mitgliedschaft in deutschen Künstlervereinigungen, in Jena werden Hodlers „Studenten“ in Geiselhaft durch national-völkisches Gedankengut genommen – Jahre vor dem Erstarken und der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland.

Ferdinand Hodler. Maler der frühen Moderne. Bundeskunsthalle Bonn, bis 28. Januar 2018. Der Katalog kostet 49,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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