Zoe Leonard im Whitney Museum

Ein Denkmal aus handvernähtem Streuobst

Von Patrick Bahners
 - 21:48

Ein weißer Würfel mit leeren Wänden. Auf dem Boden liegt Obst. Verstreut. Es bildet keine Muster, keine Haufen. Hingeworfen wie weggeworfen. Hunderte von Orangen, Zitronen, Grapefruits, Bananen und Avocados. Nicht mehr essbar. Ungenießbar. Die Haut verrät es. Braun, grau, schwarz. Verschrumpelt, fleckig, körnig, hart. Nur noch die leeren Hüllen von Lebensmitteln. Schalen ohne Fleisch.

Wir befinden uns im Museum, im Whitney Museum of American Art in New York. Sollten hier nicht Konservierungsmittel zum Einsatz gekommen sein? Ja. Man sieht sie. So täuschen sie keinen Sieg über die Zeit vor. Denn sie sind nicht geeignet, den biologischen Verfall des Materials aufzuhalten. Nur dem Zerfall der Gestalt gebieten sie Einhalt. Sie halten das einzelne Stück zusammen. Nadel und Faden, Knopf oder Reißverschluss. Zoe Leonard hat jede einzelne aufgeschnittene, ausgeleerte, entkernte Schale in die Hand genommen und wieder zusammengenäht, zu einer Skulptur gemacht, einem Denkmal, keinem Ebenbild der aufgegessenen, vielleicht aber auch ungegessen entsorgten Frucht.

Die Ware kommt aus Übersee

Eine Serie von quadratischen Fotos. Jedes Bild ein Mikrokosmos der Rechtwinkligkeit. Schaufenster ohne Raum für Schaueffekte. Kleine Ladengeschäfte mit sehr viel schriftlicher Information. Die Werbung ist handgemacht, die Ware kommt oft aus Übersee. Man könnte die Fotos stapeln, zu Quadraten gruppieren. Sie verlangen nach dem Raster wie eine Serie von Bernd und Hilla Becher. Die Variationsbreite der ökonomischen Platzausnutzung im inhabergeführten Einzelhandel von Millionenstädten ist begrenzt, durch Türrahmen und Standardschriften.

Im Gegensatz zur Becher-Welt sind diese Fotos farbig. Es ist eine tiefe Farbigkeit. Werbung sieht hier nicht aus wie Reklame. Wie bei den Bechers fehlen die Menschen. Zoe Leonard hat die Ladenfassaden außerhalb der Öffnungszeiten aufgenommen. Fensterläden, Jalousien, Bretterfronten und Rollgitter weisen unerbetene Besucher ab. Bei manchen Geschäften ist nicht zu unterscheiden, ob sie für die Nacht geschlossen haben oder ein für allemal. Die Türen sind verrammelt.

Zu dem Reißverschluss, den Zoe Leonard auf die schwarzen Bananenschalen appliziert hat, finden wir in Gestalt des metallenen Rollladens ein Pendant – in der Natur, wie man sagen möchte, in der Sphäre der Gesellschaft, wo das Überleben sich selbst organisiert, nach dem harten Gesetz der Evolution, unbeobachtet, ohne dekorativen Eingriff einer ordnenden Hand. Das Streuobst-Environment lässt sich ins Genre des Stilllebens einordnen, genauer: als Negativ eines Stilllebens. Wie in den Musterstücken der Gattung die Üppigkeit der Früchte, der Schimmer der Oberflächen, als Memento mori zu lesen ist, so sind Zoe Leonards Präparate ein Memento des Lebens.

Fünf Jahre lang, von 1992 bis 1997, arbeitete sie an den Attrappen aus Naturstoff, Monument einer vergeblichen und gleichwohl notwendigen Anstrengung, Denkmal der Trauerarbeit. Der Tod eines Freundes, des Fotografen David Wojnarowicz, der an Aids starb, war der Auslöser. Wie Penelope die Zeit der Abwesenheit ihres Gatten Odysseus am Webstuhl fühlte, widmete sich Leonard der Handarbeit, die Ablenkung verschafft und Hingabe verlangt. Aber wo Penelope jeden Tag ihr Werk auftrennte und das Kunstwerk zerstörte, um weiter auf Odysseus warten zu können, da zog Leonard jeden Reißverschluss zu, um ihn nie wieder zu öffnen. Die Trauer ist die Haltung, in welcher der Mensch sich selbst verschließt.

Dass David Wojnarowicz gern Obst gegessen hätte, sagt Leonards Werk des Gedenkens nicht. Es ist kein Porträt. Bewegend ist das Kryptische, der Zeichenüberschuss des Exerzitiums. Die Trauer findet zu ihrer Form in einer Privatsprache. Gleichzeitig ist das Werk auch ein Fanal des Protests. Der Titel zitiert das Lied von Billie Holiday über die von den Bäumen baumelnden Leichen der Opfer der Lynchmorde: „Strange Fruit“. Zoe Leonard engagierte sich in der Gruppe ACT UP, der „AIDS Coalition to Unleash Power“. Das hilflose Vernähen der Wunden der toten Früchte ersetzt die Anteilnahme, die den Opfern der Epidemie verweigert wurde, tritt ein für die Therapien, nach denen gar nicht erst gesucht wurde, weil die Infizierten von Politikern stigmatisiert wurden.

Etwas ist verschwunden

Auch „The Analogue Portfolio“, die Fotoserie der verriegelten Ladenlokale, schließt an die Tradition des Stilllebens an. Wie die Kunsthistorikerin Svetlana Alpers zu diesem Werk angemerkt hat, entdeckten die Niederländer das Sujet des Ladengeschäfts. Der Objektivismus dieser dokumentarischen Reihe mit monotoner Einstellung erzeugt eine ganz andere Stimmung als die Summe der in jede einzelne Frucht hineingearbeiteten Spuren der Subjektivität in „Strange Fruit“; mit der wohlbedachten Zufallsverteilung der Früchte auf dem Boden kontrastiert das Schema der identischen Ausschnitte, wie man es in einer Aktenanlage der Steuerbehörde vorfinden würde.

Eine hypothetische Geschäftsaufgabe ist mit dem Tod eines Menschen nicht zu vergleichen. In begehrten Immobilienlagen wie auf der Lower East Side von Manhattan wird ein aufgegebenes Geschäft bald von einem neuen ersetzt. Aber es ist etwas verschwunden, das nicht wiederkehrt und deshalb von Zoe Leonard festgehalten worden ist. Der Grund für die Art von Trauer, die man hier spürt, ist mit dem Begriff der Gentrifizierung nicht erfasst. Dass Geschäfte mit professionellerer Werbung die vakanten Plätze einnehmen, ist nicht der Punkt und vielleicht nicht überall der Fall. Das Interesse von Zoe Leonard gilt einer von vornherein prekären Lebensform.

Für den hölzernen Laden, mit dem ein Laden verschlossen wird, und für den Blendenverschluss eines Fotoapparats steht im Englischen dasselbe, stark lautmalerische Wort: „shutter“. Vor den Bildern von Zoe Leonard meint man den Klick noch zu hören, der früher bei der Betätigung des Auslösers erklang. Wie der Name des analogen Portfolios zu erkennen gibt, sind diese Fotografien mit einer anachronistischen Technik hergestellt worden, auf dem Weg der Farbübertragung.

Die Ausstellung im Whitney-Museum ist die erste Museumsretrospektive der 1961 geborenen Künstlerin, die in Europa mit ihrem Beitrag zur Documenta IX bekannt wurde, einem geschlechtspolitischen Eingriff in die Kasseler Altmeistersammlung. Überaus großzügig, nämlich sparsam ist die New Yorker Schau gehängt: Auf den langen, hohen weißen Wänden im Bau von Renzo Piano sind oft nur wenige kleinformatige Schwarzweißfotografien montiert. Zum Thema macht Zoe Leonard immer auch etwas, was nicht ins Bild kommt, Erfahrungen, die verschlossen bleiben und dennoch in ihrer Arbeit aufgehoben sind. In zwei Werken hat sie jeweils Tausende von Ansichtskarten der Niagarafälle verwendet: einmal aufgeschichtet zu Türmen, die sich zu den Fällen verhalten wie Stalagmiten zu Stalaktiten, einmal als Wandpanorama zusammengeklebt. Die Rückseiten, auf denen die Botschaften für die Adressaten der Karten stehen, sind nie zu lesen.

Im ersten Raum steht die Arbeit namens „1961“ aus der Sammlung des Guggenheim-Museums. Eine Reihe blauer Reisekoffer in unterschiedlichen Größen, einer für jedes Lebensjahr der Künstlerin. Jedes Jahr fügt sie einen neuen Koffer hinzu. Es sind altertümliche Modelle mit der Sorte Verschluss, die ein klackendes Geräusch erzeugt.

Zoe Leonard, Survey. Whitney Museum of American Art, New York, bis 10. Juni. The Museum of Contemporary Art, Los Angeles, 4. November bis 25. März 2019. Der Katalog kostet 60 Dollar.

Quelle: F.A.Z.
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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