Gurlitt-Ausstellung in Bonn

Die Wahrheit in den Lücken

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Die Ausstellung in Bonn trägt den Untertitel „Der NS-Kunstraub und die Folgen“. Rund 250 Werke sind dort gezeigt. Bei den meisten von ihnen ist noch immer ungeklärt, wie sie in den Besitz von Hildebrand Gurlitt (1895 bis 1956) gekommen sind. Denn diese Bonner „Bestandsaufnahme“ gilt vor allem ihm, dem Vater von Cornelius Gurlitt, und seinen Praktiken als Kunsthändler im Dienst der Nationalsozialisten. Inzwischen ist klar, dass es bei den als „Schwabinger Kunstschatz“ von der bayerischen Justiz in der Wohnung des Sohns vor fünf Jahren beschlagnahmten Werken um die Bestände eines Händlers geht. Hinter deren heterogener, zugleich auf gute Absetzbarkeit zielender Zusammenstellung erscheint das monströse Ausmaß des über Jahre unter Hitlers Regime systematisch betriebenen Kunstraubs.

Ins Zentrum rückt in Bonn, was Provenienz, also Herkunft eines Werks, bedeutet. Provenienz heißt, an der Historie arbeiten, bedeutet sorgfältige Recherche nach den menschlichen Schicksalen hinter den Werken. Damit kommt der Begriff „Raubkunst“ auf den Prüfstand. Ihn auf brachial unrechtmäßige Aneignung zu verengen heißt auszublenden, unter welchen Formen von Drangsalierung vor allem deutsche jüdische Bürger sich zu Verkäufen auch ihres Kunstbesitzes veranlasst sehen mussten, zu Preisen unter deren Wert – etwa um die von den Nationalsozialisten erhobene „Reichsfluchtsteuer“ entrichten zu können. Es ist eine moralische Pflicht, Spuren dieser Form von Gewaltanwendung zu beforschen, so aufwendig das auch sein mag.

Nazi-Kunstraub
Ausstellungen mit Gurlitt-Nachlass in Bern und Bonn
© KLAUNZE/EPA-EFE/REX/Shutterstock, afp

Die Bonner Ausstellung hat noch wenig Antworten, aber sie stellt anhand des Gurlitt-Bestands die nötigen Fragen. Sie tut das zunächst, indem sie den – vorsichtig ambivalent, in weitesten Teilen profitsüchtig und skrupellos zu nennenden – Werdegang des Hildebrand Gurlitt nachzeichnet: von den Anfängen in Dresden und Zwickau als engagierter Verfechter einer expressionistischen Moderne und der Tätigkeit als Kunsthändler in Hamburg über seinen Einsatz für das geplante „Führermuseum“ in Linz und die Aktivitäten im besetzten Paris bis hin zum beinah nahtlosen Übergang seiner Karriere ins Nachkriegsdeutschland, als anerkannter Direktor des Düsseldorfer Kunstvereins.

Diese Linie zieht sich als roter Faden durch die Präsentation, und sie ist mit Zeitgenossen Gurlitts konfrontiert, meist jüdischen Sammlern und Kunsthändlern. In Kabinetten sind deren Biographien erläutert, und mit Archivmaterialien, auch mit einigen Werken sind die Verbindungen mit dem Gurlitt-Bestand dokumentiert. Da ist zum Beispiel Adolph von Menzels Zeichnung „Inneres einer gotischen Kirche“, die dem Hamburger Sammler Albert Martin Wolffson gehörte und die seine Tochter Elsa Cohen 1938 zur Finanzierung ihrer Flucht nach Amerika aus Not an Hildebrand Gurlitt verkaufte. Und es gibt ein „Damenporträt“ von Thomas Couture, dessen Herkunft erst vor wenigen Tagen aufgrund der Forschungen des Projekts „Provenienzrecherche Gurlitt“ geklärt werden konnte. Es gehörte dem jüdischen Politiker Georges Mandel, den die Nationalsozialisten 1944 in Frankreich ermorden ließen. Fünf weitere Werke – darunter der erwähnte Menzel, außerdem ein Liebermann, Matisse, Pissarro und Spitzweg – sind eindeutig identifiziert; vier von ihnen sind inzwischen an die Nachfahren der einstigen Besitzer restituiert.

Am Beginn der Ausstellung ist da ein grauer Koffer, der sich in Cornelius Gurlitts Schwabinger Wohnung befand, in ihm bewahrte er Papierarbeiten. Der Koffer liegt symbolisch da. Er steht für eine Fülle von Bildern, Graphiken, auch einigen Plastiken. Sie sind in Gruppen nach Sujets zusammengestellt – Frauenporträts etwa, Seestücke aus dem neunzehnten Jahrhundert oder Alte Meister. Sie zeigen die stilistischen Interessen Hildebrand Gurlitts, im Bestand eines Händlers vor allem, der den Geschmack, zumal seiner Auftraggeber, zu bedienen wusste. Und der daneben schlau eine Art Versorgungsmodell entwickelte, zur Selbstbedienung und für zwar nicht legale, aber von seinen Vorgesetzten geduldete Verkäufe an deutsche Kunden.

Die Präsentation setzt bei den Betrachtern auf den Willen zum Wissen, zum Verstehen, zur Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, die immer noch weit in die Gegenwart reicht. Die Kuratoren Rein Wolfs, der Intendant der Bundeskunsthalle, und Agnieszka Lulinska wollen genau diesen Effekt erzielen. Es geht um die scharfe Schnittstelle zwischen Geschichte und Kunstgeschichte. Auch deshalb sind in Bonn Bücher aus Cornelius Gurlitts Bibliothek aufgestellt, wie schuldlos stumme Zeugen einer Familie von Kunsthistorikern. In Vitrinen liegen akribisch geführte Geschäftsbücher neben privaten Notizen. Ausgelegt sind die Fotoalben, die für Hitler persönlich angelegt wurden, weil die zahllosen unter dem „Führer-Vorbehalt“ zusammengerafften Kunstwerke – nicht nur im „Sonderauftrag Linz“, sondern für Museen in Deutschland und Österreich – nicht mehr physisch vorführbar waren.

Das alles ist fern jeder Kulinarik, auch wenn beachtliche Werke darunter sind – wie frühe Lithographien von Munch vor seiner Verfemung durch die Nationalsozialisten oder Courbets mysteriöses „Dorfmädchen mit Ziege“, wie Rodins kleine marmorne „Kauernde“ oder Beckmanns Gouache „Zandvoort Strandcafé“ von 1934. Immer wieder geht es um Lücken – jene Lücken in der Herkunft der gezeigten Werke; sie markieren eine vielleicht nie mehr herstellbare Wahrheit. Das gilt auch für „Die Verschleierte“ von Otto Griebel, 1926, die einst dem jüdischen Anwalt Fritz Salo Glaser gehörte. Endlich ist da die Erkenntnis, dass es sich zwar nicht um Stücke aus einer konsistenten Sammlung handelt, aber um einen qualitätvollen Händlerbestand. Hildebrand Gurlitt lässt sich in Teilen Geschmack nicht absprechen. Der unangenehme Ruch bleibt.

Die dunklen Seiten der Herkunft

Die Bundeskunsthalle in Bonn und das Kunstmuseum Bern eröffnen an diesem Donnerstag und Freitag zwei Ausstellungen, die sich der „Bestandsaufnahme Gurlitt“ widmen. Der Fall kam im November 2013 als „Schwabinger Kunstfund“ an die Öffentlichkeit. In der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt (1932 bis 2014), dem Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, wurden bereits im Frühjahr 2012 rund 1300 Kunstwerke sichergestellt und von der bayerischen Justiz beschlagnahmt. Im Februar 2014 kamen noch etwa dreihundert Werke dazu, die in Cornelius Gurlitts Haus in Salzburg gefunden wurden. In seinem Testament hat er kurz vor seinem Tod im Mai 2014 das Kunstmuseum Bern zum Alleinerben seines gesamten Vermögens eingesetzt; Bern nahm dieses Erbe an.

Der „Schwabinger Kunstfund“ hat, neben juristischen Fragen nach der Rechtmäßigkeit seiner Beschlagnahme, das Thema der Provenienzforschung in Deutschland dringend gemacht. Es wurde eine „Taskforce“ gebildet, dann auf Initiative der Kulturstaatsministerin Monika Grütters das „Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste“ in Magdeburg gegründet und mit bisher drei Millionen Euro ausgestattet. In Berlin forscht das Projekt „Provenienzrecherche Gurlitt“ an der Aufklärung von Lücken in der Herkunft. Von den knapp 1600 gefundenen Werken gelten inzwischen gut 460 als vom Raubkunstverdacht befreit. Aber nur sechs Werke konnten bisher eindeutig geklärt, entsprechend restituiert oder ihrer Restituierung zugeführt werden. Die Herkunftsklärung der Mehrzahl der Bilder steht noch aus. In Bonn werden Werke aus dem Gurlitt-Bestand gezeigt, an denen sich der „NS-Kunstraub und die Folgen“ dokumentieren lässt. In Bern sind die als „entartet“ diffamierten Werke dieses Konvoluts zu sehen, deren Herkunft als vorerst geklärt gelten darf. (jvo/rmg)

Bestandsaufnahme Gurlitt. Der NS-Kunstraub und die Folgen. In der Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland; vom 3. November bis zum 11. März 2018. – Entartete Kunst – Beschlagnahmt und verkauft. Im Kunstmuseum Bern; bis zum 4. März 2018. Das Katalogbuch „Bestandsaufnahme Gurlitt“, erhältlich in deutscher und englischer Sprache, kostet in der Museumsausgabe 29,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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