Duchamps Readymade verkauft

Das erste und reinste seiner Art

Von Rose-Maria Gropp
 - 18:37

Im Herbst 2016 war ein Readymade von Marcel Duchamp in der Pariser Galerie von Thaddaeus Ropac zu besichtigen – nicht irgendein Readymade. Sondern ein porte-bouteilles, grade mal 59,1 Zentimeter hoch. Nach Duchamps eigener Einschätzung das erste und reinste Objekt seiner Art. Der Flaschentrockner aus verzinktem Stahl wurde von der Galerie im Auftrag der New Yorker Robert Rauschenberg Foundation vermittelt – Bedingung: an ein Museum, das die Skulptur der Öffentlichkeit und der Forschung zugänglich hält.

Dieser Deal ist nun perfekt: Das Art Institute of Chicago hat den porte-bouteilles für seine Sammlung Moderner Kunst erworben. Das hat das Museum am Dienstag bekanntgegeben. Er ist dort von sofort an zu besichtigen. James Rondeau, der Präsident des Museums, erklärte zum Ankauf, dass „der porte-bouteilles eines der wegweisenden Schlüsselwerke des überaus einflussreichen Œuvres von Marcel Duchamp“ sei. Er spricht von einem „Augenblick der Transformation“ für die berühmte Sammlung seines Hauses. Auch Thaddaeus Ropac, der seit Jahrzehnten in der Spitze des globalen Kunsthandels agiert, freut sich: „In meiner bisherigen Tätigkeit als Galerist ist es eines der wichtigsten Werke, die wir vermitteln durften.“ Und noch dazu hat die Story dahinter viel Charme.

Objekt des Begehrens

Zum ersten Mal überhaupt hatte Duchamp den Begriff „Readymade“ 1916 in einem Brief aus New York an seine Schwester erwähnt. Dort geht es ihm um einen Flaschentrockner in seinem Pariser Atelier; der ist aber nicht mehr da. So bleibt vor der Hand das erste Readymade der Welt – André Breton wird 1938 definieren, dass es sich dabei um einen „Gebrauchsgegenstand handelt, der allein durch die Wahl des Künstlers in den Rang eines Kunstwerks erhoben wird“ – eine Idee. In New York wurde Duchamp dann 1959 zusammen mit Robert Rauschenberg zur Gruppenschau „Art and the Found Object“ eingeladen; er wollte dort einen porte-bouteilles ausstellen.

Weil auch sein Kollege Man Ray in Paris seinen Flaschentrockner verloren hatte, erwarb der einen neuen und schickte ihn an Duchamp. Womit man beim Objekt des Begehrens auch von Robert Rauschenberg wäre: Der kaufte den Flaschentrockner aus Bewunderung für Duchamp direkt nach der Schau für seine persönliche Sammlung – und für verbürgte drei Dollar. Rauschenberg trennte sich nicht mehr von der Skulptur. Und Duchamp signierte ihm das gute Stück, mit einer Inschrift innen im unteren Ring. Die lautet: „Impossible de me rappeler la phrase originale M.D./Marcel Duchamp/ 1960“. Tatsächlich gab es aber niemals einen „originalen Satz“ als Signatur. So ist das, mit den wahren Ikonen, sie wahren ihre Geheimnisse. Dann werden sie zu Legenden.

Wie auch der Preis geheim ist, den das Art Institute of Chicago bezahlt und damit gegen die konkurrierenden Häuser gewonnen hat. Das letzte Readymade davor – der kleine Parfumflacon „Belle Haleine Eau de Voilette“, keineswegs vergleichbar rar – kostete 2009 bei einer Auktion in Paris 8,9 Millionen Euro. Entsprechend lässt sich über eine Summe im zweistelligen Millionenbereich nur spekulieren. Was Marcel Duchamps Œuvre angeht, wird dieses „Original“ des porte-bouteilles kaum zu überbieten sein.

Quelle: F.A.Z.
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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