Axel-Hütte-Ausstellung

Wie viel Erhabenheit verträgt ein Mensch?

Von Georg Imdahl
 - 13:31
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Die Paradiesbucht in der Antarktis, der Rio Negro in Brasilien, das Danum Valley in Borneo: Von Wand zu Wand nimmt die Ausstellung im Düsseldorfer Museum Kunstpalast ihre Besucher mit auf eine Weltreise. Mit großen Fotografien führt sie in entlegene Natur, aber auch die nächtliche Urbanität, nach Las Vegas, Tokio und Kuala Lumpur. Bild für Bild stehen wir vor einem Fenster zur Welt und fühlen uns wie der Mönch am Meer in Caspar David Friedrichs romantischer Ikone der Erhabenheit: Die Welt ist größer und mächtiger als wir selbst in unserer Winzigkeit, und sie wird auch dadurch nicht beherrschbarer, dass wir – anders als der einsame Mönch – aus erhöhter Warte auf sie hinunterschauen. Immerhin aber vermögen wir, uns einen Begriff von der Welt zu bilden und so auch von den Bildern, die wir von ihr machen.

Verunsicherung und Irritation lauten Begriffe im Begleittext zur Düsseldorfer Ausstellung mit Fotografien von Axel Hütte, Stichworte, die der 1951 in Essen geborene Künstler selbst zu Protokoll gegeben hat, um seine Motive zu erläutern. Jenes Staunen über die Landschaft, sei sie naturgegeben oder urban, befördert Hütte durch das ausladende Format, das einen real sich eröffnenden Raum suggeriert und den menschlichen Körper dazu in Beziehung setzt. Es sind zudem unterschiedliche künstlerische Setzungen, die den Blick bannen und das Sehen aktivieren wie die Idee, das Bild eines Flusslaufs am Ufer kopfüber aufzuhängen. Das fällt einem zunächst nicht einmal auf. Man wundert sich eben nur, warum die Dinge, die sich so betörend auf dem Wasser spiegeln, so schwer greifbar sind und sich Orientierung nicht recht einstellen will. Dafür braucht Hütte keine digitale Bearbeitung, wie sie von anderen Protagonisten der Düsseldorfer Fotoschule prominent gemacht wurde, stattdessen geht er auf fotografische Verfahren bis zur Daguerreotypie zurück.

Effekte wie für die 3D-Brille gemacht

So verwendet er in jüngeren Arbeiten Metallflächen als Untergrund schwarzweißer Nachtaufnahmen etwa von Toronto – Bilder entstehen, die in gewisser Hinsicht interaktiv sind, weil man mit dem eigenen Körper einen Schatten darauf wirft und das Licht darauf dämpft. Bei anderen Arbeiten bedient sich Hütte der Technik des Duratrans-Drucks, um die Konturen von Städten Takayama und Fukuoka unscharf abzubilden – mit dem Effekt, dass der Betrachter glaubt, er brauche eine 3D-Brille. Manches ist stylish, sieht arg nach Kunst aus und macht sich im trockenen Kontrast des Katalogdrucks sogar besser. Zahlreiche Abzüge sind wiederum ganz konventionell im Rahmenkasten präsentiert, teils hinter Passepartout. Eine besondere Sensibilität für die Strahlkraft und die Tiefenschärfe seiner Bilder gibt Hütte darin zu erkennen, dass er sich nicht durchweg dem sogenannten Diasec verpflichtet hat, bei dem der Abzug hinter Plexiglas geklebt wird und eine untrennbare Verbindung mit der Scheibe eingeht, was den Fotos eine aseptische Erscheinung verleiht und sie einander gleichmacht. Dieses Verfahren ist gleichsam die Signatur der Düsseldorfer Schule, bei Hütte bleibt es die Ausnahme.

In seiner stärksten Werkreihe fotografiert Hütte den modernen Brückenbau. Frontal ins Bild gesetzt, geben mächtige stählerne Trägerkonstruktionen die Struktur des Bildes vor, ja zwingen sie ihm förmlich auf; bei der Breitwandaufnahme einer Bücherei in Seattle erzielt Hütte mit dem vorgeblendeten Gitterwerk – eher untypisch für sein Werk – eine regelrecht cineastische Erzählsituation. Wenn man einer gewissen Ermüdung in der Düsseldorfer Bilderschau dennoch nicht entkommt, liegt dies daran, dass sich das Staunen und der milde Schauer der Erhabenheit nicht beliebig oft einstellen wollen, und auch Hüttes Ausflüge auf das Terrain des experimentellen Films sorgen nicht wirklich für Abwechslung. Als junger Student hatte er in der Düsseldorfer Akademie mit Film begonnen, bevor er in die Fotoklasse von Bernd Becher aufgenommen wurde.

Frei von Opulenz und Exotismus, dafür voller interessanter Ansätze zur zeitgenössischen Fotografie ist das weniger bekannte Frühwerk Axel Hüttes der Jahre um 1980, das parallel zur Düsseldorfer Ausstellung im Josef Albers Museum in Bottrop ausgestellt wird. Es sind ausgesprochen spröde, alles andere als spektakuläre Sujets wie der Hausflur von nebenan, die motivisch, sollte man denken, wenig hergeben, den jungen Fotografen jedoch auf originelle Ideen bringen. Damals noch ungewöhnlich, fotografiert Hütte die menschenleeren Interieurs nicht nur in Schwarzweiß, sondern auch in Farbe, womit er die Aufnahmen unterschiedlich belebt. Was in Farbe erzählerisch wirkt und Erwartung befördert, stellt sich in Schwarzweiß eher als sachliches Dokument der Erinnerung dar.

In London und Paris vertieft sich Hütte nach 1980 in eine moderne Architektur vom sozialen Wohnungsbau im viktorianischen Backsteinstil bis zum Betonbrutalismus und etabliert für sich selbst einen ebenso formalen wie kritischen Blick auf soziale Realität. Aus Fassaden gruseliger Bausünden schneidet Hütte dynamische, aggressive Kompositionen gleich Abstraktionen heraus. Man hat von einer „skeptischen Architekturfotografie“ gesprochen und damit den soziologischen Impuls dieser Aufnahmen benannt, die um Klarheit und Stringenz bemüht sind. Fraglos bringt Hütte in vielen dieser Arbeiten einen Verlust an Utopie auf den Punkt, den der Modernismus einst verkörpert hatte, nutzt zugleich aber auch die Härte der Architektur für Kompositionen, die bisweilen an einen Blinky Palermo denken lassen.

Neuland betritt Hütte mit dem Arrangement von Bildern, deren Hängung auf den Ausstellungsraum reagieren wie seine Triptychen der Berliner U-Bahn-Linie 8 – die zu DDR-Zeiten durch gespenstisch stillgelegte Bahnhöfe ins Transitgebiet führte. Hütte spielt hier mit Asymmetrien ähnlicher Blickachsen. Er präsentiert die Reihe als Bildinstallation: „Hermannplatz“, „Kottbusser Damm“, „Moritzplatz“, „Gesundbrunnen“. Berlin in Bottrop – mit dem umlaufenden Fries der plakativ fotografierten Schilder werden die Stationen in den Ausstellungsraum transloziert.

Der Vergessenheit entrissen werden in Bottrop die frühen Porträts von Axel Hütte. Als erster in der Riege der aufstrebenden Düsseldorfer Fotokünstler wandte sich Hütte jener Gattung zu, die in Deutschland – wegen des propagandistischen Gebrauchs im „Dritten Reich“ – noch in den siebziger Jahren als ideologisch kontaminiert galt. Es gilt durchaus festzuhalten, dass Hütte damit früher dran war als Thomas Ruff, der sich mit seiner konzeptuellen Porträtfotografie einen Namen gemacht hat.

Die etwa hundert Köpfe von Düsseldorfer Bekannten, Freunden und Künstlerkollegen aus den Jahren 1978 bis 1981 sind die (Wieder-)Entdeckung der beiden Ausstellungen überhaupt. Alles in diesen Bildern ist aufeinander abgestimmt: der frontale, selbstbewusste Blick in die Kamera, die Farben und Dekore des Hintergrunds und der Kleidung, der Wechsel von Halstuch, Krawatte und zerschlissenem Haifischkragen – insgesamt der Habitus eines Künstlertums nach der Hippiebewegung zu Zeiten der neuen deutschen Welle. Wie an der Schnur aufgezogen, versammeln sich all diese ehrgeizigen jungen Leute zu einem Generationenporträt der alten Bundesrepublik.

Axel Hütte: Frühwerk. Josef Albers Museum, Bottrop, bis 7. Januar. Katalog (Verlag der Buchhandlung Walther König) 38 Euro. Night and Day.

Museum Kunstpalast, Düsseldorf, bis 14. Januar. Katalog (ebenda) 39,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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