Tate-Galerie in Cornwall

Begegnungen im atlantischen Licht

Von Gina Thomas, St Ives
 - 20:12
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Früher, als der Fang und die Bearbeitung von Sardinen eine der wichtigsten Einkommensquellen an der Küste von Cornwall waren, hielt der „huer“ von seiner Hütte hoch oben über dem Hafen von St Ives Aussicht nach den Fischsschwärmen. Sobald er sah, wie in der Ferne der dunkle Schatten durch das Wasser glitt, der den sich nähernden Sardinenschwarm ankündigte, rief er den unten wartenden Fischern durch seine lange Tröte „hevva“ zu – sie sind da! Mit in weißes Tuch gewickelten Ginstersträuchern wies er den Booten die Richtung. Nach gelungenem Fang trank die Stadt auf die Hauptprodukte der Region – auf „Fisch, Zinn und Kupfer“.

Eine rätselhafte Laune der Natur wollte es, dass die Schwärme um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert fernzubleiben begannen. Inwischen hat die Kombination aus Überfischung, Klimawandel und mangelnder Nachfrage der cornischen Sardinenindustrie ein Ende gesetzt. Wie die Konservenfabriken sind auch die Zinn- und Kupfergruben stillgelegt worden. Sie haben nur noch museale Funktion, als Zeugnisse althergebrachter Kultur des keltischen Menschenschlags am südwestlichsten Zipfel Englands, der seine Unabhängigkeit so wertschätzt. Cornwall ist jetzt weitgehend auf den Tourismus angewiesen. Zu den Hauptattraktionen der Grafschaft gehört die Tate St Ives, die 1993 eröffnete Zweigstelle des Londoner Museums. Die Tate betreut auch seit 1980 das einen kurzen Fußweg entfernte Atelier der Bildhauerin Barbara Hepworth, die bis zu ihrem Tod lange hier ansässig war. Die Tate St Ives verdankt ihre Existenz denn auch modernistischen Künstlern wie Hepworth und ihrem Mann Ben Nicholson, die – angezogen vom Licht, von der dramatischen Landschaft und von der Ferne zur Metropole – hier wirkten.

Ein Ziel für Maler

Der kleine Fischerort war schon im neunzehnten Jahrhundert ein Ziel für Maler, darunter William Turner und Walter Sickert. Mit dem Anschluss an das Eisenbahnnetz kamen auch die Ferienbesucher. Virginia Woolf verbrachte jeden Sommer glückliche Kindheitstage in einem Haus mit Blick auf den Godrevy-Leuchtturm, den sie in ihrem Roman „Zum Leuchtturm“ mit den Erinnerungen aus dieser Zeit in die Hebriden verlegte. Im zwanzigsten Jahrhundert rückten zunächst Nicholson, Hepworth und der nach England geflohene Naum Gabo, später dann, in den fünfziger Jahren, die Gruppe der Abstrakten Expressionisten um Peter Lanyon, Patrick Heron und Roger Hilton StIves ins Blickfeld der internationalen Kunstwelt. Diese Aufmerksamkeit ist der Stadt mit ihren 10.000 Einwohnern nicht immer recht gewesen. So produktiv sich die Spannung zwischen dem Lokalen und dem Kosmopolitischen auf das Werk der Künstler auswirkte, weckte sie auch Ressentiments, die das Verhältnis zur Tate lange Zeit getrübt haben.

Eigentlich müsste man eher vom St-Ives-Effekt reden als vom Bilbao-Effekt: Denn bereits einige Jahre bevor das Guggenheim Museum der baskischen Industriestadt aus der Misere heraushalf, erlebte der cornische Fischerort durch sein Museum eine Aufwertung. Die an die Felswand gebaute Tate trägt mit rund 250.000 Besuchern im Jahr – mehr als das Dreifache der ursprünglich veranschlagten Anzahl – elf Millionen Pfund zur Wirtschaft Cornwalls bei. Doch zeigten sich die Bewohner alles andere als begeistert, als zu Beginn der neunziger Jahre Pläne reiften für eine Galerie, um die künstlerische Hinterlassenschaft zur Schau zu stellen. Damals mussten sich die Befürworter des Projekts gegen jene Kräfte in der Gemeinde durchsetzen, die sich stattdessen ein Schwimmbecken oder mehr Wohnungen auf dem Gelände des an den Strand angrenzenden Gaswerks wünschten. Die Anlage war 1835 errichtet worden, um StIves mit Straßenbeleuchtung zu versorgen, hatte aber längst ausgedient. An ihre Stelle trat nach Jahren des Verfalls die postmoderne Tate St Ives von den Architekten Evans und Shalev, deren an ein Strandcasino aus den dreißiger Jahren erinnernde Eingangsrotunde die Konturen des alten Gasbehälters zitiert.

Hohe Besucherzahlen führen zur Erweiterung

Die hohen Besucherzahlen der Galerie ließen schon bald an eine Erweiterung denken. In der Stadt regte sich jedoch abermals heftiger Widerstand, als diese Erwägungen Form annahmen. Zwar hatte der St-Ives-Effekt den Aufschwung gebracht, damit gingen allerdings auch steigende Immobilienpreise und ein akuter Parkplatzmangel einher. Die Alteingesessenen, die sich durch Ferienhausbesitzer vom Markt gedrängt fühlen, stimmten im vergangenen Jahr für ein Verbot der Nutzung von Neubauten als Zweitwohnungen. An solchen Empfindlichkeiten war vor mehr als zehn Jahren bereits der erste Entwurf für eine Erweiterung der Tate St Ives gescheitert: nicht nur, weil ein kostbarer Parkplatz dem Museum hätte weichen müssen, sondern auch wegen der Befürchtung, dass der Anbau den Bewohnern die Sicht aufs Meer verstellen werde. Der Protest vermengte sich freilich auch mit Verdruss über die hohen Eintrittspreise und dem Gefühl, dass die Tate mit großstädtischem Dünkel ein Programm ausrichte, das die Interessen der örtlichen Bevölkerung nicht hinreichend berücksichtige.

Aus diesen Einsprüchen hat die Tate gelernt, auf die lokalen Bedürfnisse einzugehen. Nicht nur, dass Bewohner der Grafschaft Cornwall jetzt mit einer Jahreskarte beschwichtigt worden sind, die ihnen für fünf Pfund unbeschränkten Zutritt zur Galerie gibt. In langwierigen Verhandlungen über den Anbau ist es auch gelungen, den Parkplatz zu erhalten und eine heruntergekommene Anlage für betreutes Wohnen auf dem Nachbargrundstück durch einen größeren Block zu ersetzen, mit 26 Meerblickeinheiten für bedürftige ältere Menschen, „keine Millionäre“. Und es ist gelungen, dahinter Boden freizumachen für das Museum, das seine Ausstellungsfläche jetzt mit einem mehr als sechshundert Quadratmeter großen Trakt verdoppeln konnte, allerdings um den Preis einer Steigerung der Kosten von zwölf auf zwanzig Millionen Pfund. Die Erweiterung ermöglicht es der Tate St Ives, Ausstellungen einzurichten, ohne wie bisher wegen Platzmangels das ganze Haus dreimal im Jahr für zwei Wochen schließen zu müssen. Und es können auch größere zeitgenössische Werke gezeigt werden, wie die burlesk-verzerrten Skulpturen von Rebecca Warren, deren Schau „All That Heaven Allows“ den Auftakt macht in der neuen Galerie.

Jamie Fobert, ein Kanadier, der acht Jahre für David Chipperfield tätig war, bevor er sich 1996 selbständig machte, hat eine raffiniert schlichte, hangarähnliche Halle neun Meter tief in den Felsen versenkt. Das atlantische Licht, das St Ives für die Künstler so reizvoll macht, wird nach genauesten Berechnungen durch sechs angeschrägte Dachöffnungen in den fünfhundert Quadratmeter messenden unterirdischen Saal gefiltert. Dieser lässt sich nach Bedarf in ebenfalls sechs Räume unterteilen. Von außen sind neben einem Gebäude mit Büros und einem Güterfahrstuhl für den Transport von Kunstwerken – der, wie stolz hervorgehoben wird, ebenso groß ist wie in der Londoner Tate Britain – lediglich die mit Granit verkleideten Lichtschächte zu sehen. Sie erheben sich über die 16,5 Meter breiten, ein Meter tiefen Betonträger. Deren Raster, das sich über dreißig Meter erstreckt, ist den hölzernen Querbalken der alten Segelspeicher über den Fischkellern nachempfunden, die von Künstlern als Ateliers übernommen wurden – wie Jamie Fobert überhaupt immer wieder Bezüge zum Ort herstellt.

Grobkörniger Betonboden erinnert an den Strand

So beschwört der grobkörnige Betonfußboden den Strand, während die blau-grün melierte Glasur der Keramikkacheln an der Fassade des Bürogebäudes mit den Farben von Himmel und Meer verschmilzt. Die Lichtschächte, die aus dem Dach in einen mit dem Bewuchs der schroffen Küstenlandschaft bepflanzten öffentlichen Garten hinausragen, erinnern wieder an stillgelegte cornische Gruben und wirken zugleich wie ein Pendant zu den Grabsteinen des viktorianischen Friedhofs auf der anderen Seite des steilen Abstiegs vom Ortsinneren hinunter zum Meer.

Auf dem Friedhof liegt Alfred Wallis begraben, der eigenbrötlerische Fischer, dessen naive Malerei auf gefundenen Materialien wie Pappe und Treibholz Künstler wie Ben Nicholson und Christopher Wood begeisterte. Für sie verkörperten die Bilder des im Armenhaus gestorbenen Autodidakten die Ursprünglichkeit, die sie in der Landschaft Cornwalls suchten und in ihre avantgardistischen Arbeiten einzubringen versuchten. Für die Wiedereröffnung von Tate St Ives sind die Werke der Modernisten, die eine Verbindung zum Ort hatten, im renovierten Altbau unter dem Titel „Modern Art and St Ives“ in einen Zusammenhang gestellt worden mit den internationalen Entwicklungen der Zeit.

Eine glänzende Präsentation ist gelungen

Das passt freilich zu der – auch in der Zweigstelle mantraartig heruntergebeteten – Politik der Tate-Zentrale, die traditionelle Wahrnehmung der Moderne durch „globale Geschichten“ zu erweitern. In St Ives ist jedoch eine glänzende Präsentation gelungen, mit aufschlussreichen Nebeneinanderstellungen von britischen Künstlern mit Werken von Picasso, Matisse, Max Ernst, Willem de Kooning und Mark Rothko: Sie belegen nicht nur das Wechselspiel zwischen lokaler Gebundenheit und internationaler Öffnung vor dem Hintergrund der weltpolitischen Umwälzungen der Vor- und Nachkriegszeit, sondern auch die Verlagerung der Orientierung, weg von Paris Richtung New York.

Ein weißes Relief mit Quadrat und Kreis aus bemaltem Holz aus dem Jahr 1934, der ersten Begegnung Ben Nicholsons mit Piet Mondrian in dessen Pariser Atelier, hängt neben einer der streng geometrischen Kompositionen des Niederländers, der wenig später auf Einladung Nicholsons nach London entkam, ihm jedoch anders als Naum Gabo nicht nach St Ives folgte. Davor steht eine Vitrine mit Barbara Hepworths Antwort auf die Auseinandersetzung mit der Abstraktion: drei abgerundete weiße Marmorformen auf einer rechteckigen Platte. In der großen Rotunde macht das Museum Parallelen zwischen der zweiten Generation der St-Ives-Kolonie mit abstrakten Künstlern wie Carmen Herrera, Lygia Clark und Gego (Gertrud Goldschmidt) sichtbar. Dazwischen gibt es immer wieder beziehungsreiche Ausblicke auf das Meer und den Strand mit den Surfern, die in ihren Neoprenanzügen aus der Ferne aussehen wie Skulpturen von Antony Gormley.

Mit ihren niedrigen Decken und der verwinkelten Raumanordnung auf drei Etagen spiegelt der Altbau bewusst die steilen Gassen und kleinen weißgetünchten Fischerhäuser des Orts, der auf Virginia Woolf wirkte wie zusammengescharte Schalentiere an einer grauen Mauer. Der Übergang zum Anbau ist nahtlos, aber nicht ohne Dramatik: Aus der Enfilade im Altbau erspäht man bereits das rotleuchtende Neonlicht in einer der collageartigen Vitrinen Rebecca Warrens, ohne die Dimension von Jamie Foberts Variation auf das Thema White Cube zu ahnen. Der Besucher tritt durch gebeizte Eichenportale vom zwanzigsten in das einundzwanzigste Jahrhundert, von der überschaubaren Vergangenheit in die ungewisse Gegenwart.

Rebecca Warren. All That Heaven Allows; bis zum 7.Januar 2018.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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