Die Stones bei Saatchi

Der Teufel steckt im Museum

Von Gina Thomas, London
 - 14:27

Punks, deren anarchisches Herz unverdrossen weiterschlägt, ging es gegen den Strich, als der britische Staat unlängst die zotigen Graffiti von Johnny Rotten für denkmalschutzwürdig erklärte. Die Wandkritzeleien des Sängers der Punkband Sex Pistols seien „ein seltenes Beispiel des kulturellen Phänomens Punk Rock, erfasst in der physischen Struktur eines Gebäudes“. Es handelt sich um das Außengebäude einer Immobilie aus dem siebzehnten Jahrhundert in Denmark Street am Rande von Londons Soho. Die Straße wurde wegen der vielen Musikverlage und Aufnahmestudios vor Jahrzehnten als Londons „Tin Pan Alley“ bekannt.

Inzwischen ist der schäbige Charme der historischen Häuserzeilen durch die Gentrifizierung bedroht, welche Europas größtes Bauprojekt, Crossrail, die neue Ost-West-Zugverbindung, mit sich zieht. Das Gebäude, in dem die Sex Pistols Mitte der siebziger Jahre hausten und ihre ersten Aufnahmen machten, bezeuge die Bedeutung der Straße in der Geschichte der Popmusik in „einer ihrer kreativsten und einflussreichsten Epochen“, begründet die Denkmalpflege den Entschluss, die respektlose Gegenkultur der Punkjahre als Teil des Kulturerbes aufzunehmen. Joe Corré, der Sohn von Malcolm McLaren, dem Manager der Sex Pistols und der ausgefallenen Modeschöpferin Vivienne Westwood, ist diese Akzeptanz zuwider. Aus Protest gegen die Versuche von offiziellen Stellen, welche die Sex Pistols einst als „Antithese der Menschheit“ verurteilt haben, Punk zu vereinnahmen und Kapital zu schlagen aus den Vierzig-Jahr-Feiern der Bewegung, will Corré im November Memorabilien im Wert von fünf Millionen Pfund öffentlich verbrennen.

Rekonstruktion des „Schweinestalls“

Die Rolling Stones halten es anders, obwohl sie sich der Ironie der eigenen Musealisierung bewusst sind. „Erst schockiert man sie, und dann stecken sie einen ins Museum“, konstatiert Mick Jagger auf einem der unzähligen Bildschirme in der mit fünfhundert Exponaten bestückten Ausstellung „Exhibitionism“ über das kreative Leben der Band. Die Schau in der Londoner Saatchi Gallery demonstriert auf eklatante Weise die geschickte Selbstmythologisierung der Band.

Jedes Objekt, das mit ihr zusammenhängt, sei es ein Instrument, ein Schminkstuhl oder ein Morgenmantel, wird wie eine heilige Reliquie aufbewahrt und archiviert, im Dienst der Geschichte und der Kasse. Und wenn etwas verkauft oder verlorengegangen ist, wird es als Faksimile dargeboten. Das gilt zum Beispiel für die erste Wohnung der Band in einem viktorianischen Gebäude nicht weit von der Saatchi Gallery.

„Der Schweinestall“ (Keith Richards) ist mitsamt der dreckigen Wäsche, dem unabgewaschenen Geschirr, dem Schimmel auf der abblätternden Tapete, dem überquellenden Mülleimer, den Zigarettenkippen und leeren Bierflaschen aus den Erinnerungen von Richards und Mick Jagger rekonstruiert worden, wie eine Kunstinstallation nach dem Vorbild von Tracey Emins ungemachtem Bett.

Designerkleider straight from hell

Die Menschentrauben defilieren andächtig an den Vitrinen vorbei mit dem ersten Plattenvertrag, den antiquierten Tonbändern, den linierten Spiralnotizbüchern mit Jaggers Textentwürfen für Lieder wie „Miss You“ und „Some Girls“, den unzähligen Gitarren einer mehr als fünfzigjährigen Laufbahn, dem kleinen Taschenkalender, in dem Keith Richards 1963 aufschlussreiche Details über die ersten gemeinsamen Schritte festgehalten hat, oder den aus demselben Jahr datierenden Notizen für den Fan-Club. Darin gibt Jagger „Mädchen, Essen und Kleider“ als Lieblingsbeschäftigung an, während Charlie Watts bekennt, einen rosa Cadillac besitzen zu wollen.

Von der Entwicklung des Zungen-Emblems bis hin zur Plattenhüllen-Gestaltung durch Andy Warhol und andere dokumentiert die Schau die Einbindung von Künstlern, Filmemachern und anderen Musikern in das Großprojekt. Ein Abschnitt ist den Kostümen gewidmet, darunter die figurbetonten Jumpanzüge, die Ossie Clark für Mick Jagger entworfen hatte, die Nesselstoffhemden von Giorgio di Sant’ Angelo, die Paillettenmäntel von Alexander McQueen und der frappante Umhang aus Marabu-Federn, durch den die Modedesignerin L’Wren Scott ihrem Lebensgefährten für „Sympathy for the Devil“ einen dämonischen Zug verlieh.

Erst schockiert man sie und dann wird Marketing betrieben

Der Rundgang gleicht dem Blättern in einem Familienalbum, mit dem Unterschied, dass sich die Erinnerungen, die dabei beschworen werden, in Rekonstruktionen etwa des Tonstudios, in dem die Band ihre frühen Lieder aufnahm, oder auf dem Bildschirm verlebendigen in Filmausschnitten oder Interviews. Für die Oldies, die in einem dreidimensionalen Livemitschnitt von „Satisfaction“ aus dem Hyde-Park-Konzert (F.A.Z. vom 8. Juli 2013) zur Musik wippen und die Texte mitsingen, ist es eine sentimentale Reise in die eigene Vergangenheit.

Nirgends fällt in der selbstbeweihräuchernden Betrachtung dieses Kulturphänomens ein kritisches Wort. Jede Unannehmlichkeit wird so gut wie ausgeklammert. Der Weg zum Ausgang führt durch den Geschenkeladen. Die Fülle der Luxusmarken, die Artikel mit der ausgestreckten Zunge hergestellt haben, repräsentiert als spektakuläre Demonstration der Vermarktung an sich schon ein Phänomen.

Ein seidener Schlafanzug der Firma Asceno für 295 Pfund und eine Krawatte des Herrenausstatters Turnbull and Asser für 125 Pfund wirken fast wie Schnäppchen, gemessen an einem Pringle-Pullover für 450 Pfund oder einem Tischfußballspiel für 4750 Pfund. Auch der Eintritt ist nicht billig: 22 Pfund für ein normale Karte, sechzig Pfund für ein VIP-Karte.

Johnny Rotten hat in dem zum Silbernen Thronjubiläum von 1977 veröffentlichten Lied „God Save the Queen“ seine Verachtung für das Establishment zum Ausdruck gebracht: „Gott erhalte die Königin, weil Touristen Geld darstellen . . . Ach Gott, rette die Geschichte.“ Auf die Rolling Stones abgewandelt, könnte es als Leitmotiv der Ausstellung dienen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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