Fotografie im Museum Ludwig

Das zweite Gesicht des Werner Mantz

Von Andreas Rossmann
 - 20:27
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Ich möchte sagen: nicht direkt“, hat Werner Mantz 1977, in einem Interview mit Wilhelm Schürmann, auf die Frage geantwortet, ob er auch persönlich an der Architektur interessiert sei. Die Auskunft muss überraschen, ist Mantz doch ein Fotograf, der mit Architekturaufnahmen identifiziert wird: Mit ihnen hatte er sich 1927 durchsetzen können, mit ihnen wurde er spät, 1977 auf der Documenta 6, wiederentdeckt, im Jahr darauf im Rheinischen Landesmuseum in Bonn und 1982 im Museum Ludwig in Köln, das rund fünfhundert Arbeiten von ihm ankaufte, ausgestellt.

Die Fotos, die er zuerst für den Architekten Wilhelm Riphahn und dessen Partner Caspar Maria Grod angefertigt hat, sind kongeniale Interpretationen, deren Komposition sich aus der geometrischen Formensprache der Gebäude herleitet. Die von den beiden entworfenen Villen, Wohnblocks und Häuserzeilen, vor allem aber ihre modernen Siedlungen in Buchforst, Bickendorf oder Neurath wurden in seinen menschenleeren Ablichtungen berühmt, ja, mit seinen Augen gesehen: Starke Licht-Schatten-Effekte, rechte Winkel und diagonale Fluchtlinien geben ihnen im Zusammenspiel mit den Wolkenformationen eine klare, nüchterne Strenge.

Er galt als „schwierig“, weil er Zeit investierte

Schnell wurden weitere Architekten wie Peter Franz Nöcker oder Paul Amadeus Pott auf die Begabung von Werner Mantz und die Möglichkeiten des Mediums aufmerksam, Zeitschriften wie „Bauwelt“, „Die Form“ oder „Bauwarte“ rissen sich um seine Fotografien, auch die Stadt Köln sicherte sich seine Dienste. Für die Internationale Presse-Ausstellung „Pressa“, mit der Oberbürgermeister Konrad Adenauer 1928 die Entwicklung der Stadt zum Messe- und Medienstandort vorantrieb, hat Mantz – neben dem Haus der „Kölnischen Zeitung“ von Riphahn und Grod – auch den Pavillon des Rudolf-Mosse-Verlags von Erich Mendelsohn aufgenommen: temporäre Bauten, deren skulpturale Formen Aufbruch und dynamische Entwicklung signalisierten.

Wilhelm Riphahn, der wichtigste Vertreter des Neuen Bauens in Köln, bis 1933 und nach 1945 vielbeschäftigt, war es, der Mantz 1926 zur Architektur brachte: Dessen Aufnahmen eines Friseursalons von seinem Reißbrett hatten ihn so sehr beeindruckt, dass er den jungen Fotografen engagierte. 1901 in Köln geboren, hatte Mantz 1920/21 die Bayerische Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie in München besucht und sich danach mit einem Atelier am Hohenstaufenring selbständig gemacht. Auf Porträts der lokalen Prominenz hatte er sich anfangs spezialisiert, der Politiker Peter Josef Schaeven, der Schriftsteller Otto Brües oder der Maler Anton Räderscheidt ließen sich von ihm ablichten. Doch das Geschäft lief schlecht; Mantz galt als schwierig, auch weil er viel Zeit investierte und, statt Blitzlicht einzusetzen, die „richtige“ Wetterkonstellation und Lichtstimmung abwartete.

An der arischen Abstammung fehlte ein Teil

Die Architektur war geduldiger und bescherte ihm „sieben fette Jahre, sogar sehr fette“, die erst der Nationalsozialismus beendete und die er in Maastricht, wo er 1932 einen „Filialbetrieb“ einrichtete, nicht fortsetzen konnte. Schon vorher hatte sich die Auftragslage durch Wirtschaftskrise und politische Instabilität zu verschlechtern begonnen, sechs Jahre pendelte er zwischen Rhein und Maas, dann siedelte er ganz in die Niederlande über: „Langsam, aber sicher wurde ich zum Verfolgten“, berichtete er später, „denn an der 100 % ,arischen‘ Abstammung fehlte ein Teil.“ „Lassen Sie die Sonne für sich arbeiten! Geben Sie den Wolken einen Auftrag! Sonne und Wolken machen oft mehr aus einem Bild als ich“, schreibt Mantz 1929 in einer Anzeige für sein Atelier.

Sein Selbstverständnis wird hier erkennbar: Er sah sich nicht als Künstler, sondern als „schöpferischer Handwerker“, gehörte nicht zur Szene, suchte nicht die Anerkennung durch August Sander und pflegte kaum Austausch mit Kollegen; allein mit Hugo Schmölz, der sich ebenfalls auf Architektur verlegt hatte, stand er in losem Kontakt. Dabei war seine Haltung durch und durch professionell: Ein Auftragsfotograf, der sich in den Dienst der Sache stellte und mit seinen Fotos nichts beweisen, nicht das Typische, Beispielhafte einer Architektur erfassen, nicht ihre Epoche oder ihren Stil herausstellen wollte, sondern „nur“ ihre Eigenheit, ihre Individualität.

Durch die Rolleiflex zum Kinderfotografen geworden

Als dieser Fotograf mit dem prägnanten, ablenkungsimmunen Blick ist Werner Mantz eine feste, international anerkannte Größe; auch das MoMA in New York und die Tate in London haben ihn ausgestellt. Aber das ist nur die eine, die bekannte Hälfte des Lichtgestalters. Seine zweite und ganz andere Hälfte lässt nun das Museum Ludwig in Köln entdecken, indem es die Porträtfotografie aus den „sieben mageren Jahren“, zu der er in Maastricht, schon weil dort wenig gebaut wurde, zurückkehrte, der Architekturfotografie zur Seite stellt: Bilder von Menschen, so wunderbar plastisch, als würden sie im nächsten Moment aus den Bromsilber- und Silbergelatineabzügen treten, von einer reflektierten Nachdenklichkeit und mitunter geradezu andächtigem Ernst, Porträts von Männern, die sich bewusst der Kamera stellen und sich dem Betrachter zuwenden, und von meist jungen Frauen, die zwischen Scheu und Erwartung nach vorne schauen, von Schulkindern und Kommunionmädchen, die als Prinzessinnen und kleine Heilige aufgemacht sind.

„Mit der Architekturfotografie hatte ich aber in Maastricht nicht viel Glück“, erinnerte Mantz sich später: „Die Aufträge waren viel zu klein. Wieder kam ein rettender Engel mir zur Hilfe. Franke & Heidecke kamen mit ihrer Rolleiflex und durch die Rolleiflex wurde ich zum Kinderfotografen.“ Seine Aufnahmen von Babys und Kleinkindern sind erstaunlich, denn sie stehen quer zu jeder Konvention: Sie haben nichts Leichtes, nichts Niedliches, sondern lassen in den ernsthaften Mienen schon die Masken des Greisenalters durchscheinen.

Die von Miriam Halwani und Frits Gierstberg kuratierte Schau ordnet die Fotografie von Werner Mantz in mehreren offenen Reihen, auch Interieurs, Schränke, Gläser-Stillleben, Hauseingänge, Leuchtreklamen und Landstraßen ergeben kleine Gruppen, ohne sie in Typologien zu zwängen. Die Gesichter der Menschen und die Gesichter der Häuser (Fassaden, von lateinisch facies, Gesicht) – hier sehen sie sich erstmals an. Das zwischen seiner Kölner Heimat und dem Exil in Maastricht, wo er 1983 starb, geteilte Leben hat auch das Werk von Werner Mantz auseinanderdividiert: Die Architekturaufnahmen liegen im Museum Ludwig in Köln, die Porträts im Nederlands Fotomuseum in Rotterdam. Die Ausstellung fügt, ohne die Brüche in der Biographie zu glätten, fast ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Fotografen, beide Hälften erstmals zusammen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rossmann, Andreas (aro.)
Andreas Rossmann
Feuilletonkorrespondent in Köln.
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