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Fotografieausstellung in Köln

Neugierde, Faszination, auch Betroffenheit

Von Freddy Langer
 - 13:59
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Es liegt im Wesen der dokumentarischen Fotografie, dass die Bilder ruhig sind, zurückhaltend, still, bisweilen sogar spröde. Doch für die Präsentation „Doing the Document“ mit zweihundert solcher Aufnahmen im Museum Ludwig gibt es nur diese Vokabel: überwältigend.

Auch Kurt Bartenbach gehen die Augen über. Dennoch zögert er keinen Moment bei der Frage, ob er es jetzt womöglich bereue, die Fotografiesammlung seiner Familie dem Haus geschenkt zu haben. Nein, sagt er und lacht; im Gegenteil. Und während er sich in einem der Säle, in dem die Bilder nun für knapp vier Monate hängen werden, um sich selbst dreht und auf die wandfüllenden Tableaus aus jeweils Dutzenden von Schwarzweißfotografien von Tata Ronkholz, Max Regenberg sowie Gabriele und Helmut Nothhelfer schaut, fügt er fast nachdenklich hinzu: „So hätte ich das zu Hause nie sehen können. In dieser Fülle. Und in dieser Gegenüberstellung. Wir haben die Arbeiten ja immer nur als Einzelbilder erlebt.“

Das Kölner Ehepaar Ursula und Kurt Bartenbach hat vor dreißig Jahren begonnen, Fotografien zusammenzutragen. Zu einer Zeit also, in der Bilder noch bezahlbar waren, die heute zu den Ikonen des Mediums zählen. Als man sich zugleich aber ebenso vor Freunden wie vor sich selbst für seine Leidenschaft rechtfertigen musste. Ein Abzug von Karl Blossfeldt gab die Initialzündung. Eine jener Pflanzenstudien, die sich trotz aller Präzision weniger botanischem Interesse verdanken als einem am Jugendstil geschulten Verständnis für Schönheit und Ornament. In welche Richtung sich von dort aus ihr Interesse entwickeln würde, habe niemand voraussehen können, sagt Kurt Bartenbach. Zumal er damals mit seiner Frau noch sehr engagiert Malerei gesammelt hatte. Von Arnulf Rainer etwa und Emil Schumacher – beides Künstler, denen nicht eben ein Hang zum Sachlichen, streng Organisierten nachgesagt werden kann.

Begegnung auf Augenhöhe

Trotzdem konzentrierten sich die beiden nur wenig später ganz auf die Fotografie und irgendwann zielgerichtet auf knapp zwanzig Fotokünstler. Deren Bilder erwarben sie selbst am Schluss noch Abzug für Abzug in Galerien, bei Auktionen oder von anderen Sammlern, wie das Werksverzeichnis in ihrem Sammlungskatalog mit Daten und Provenienzen detailliert belegt – und nur in Ausnahmen als Block oder Konvolut. An eine Gesamtpräsentation, sagt Kurt Bartenbach, hätten sie nie gedacht. Vielmehr habe ihnen jedes einzelne Bild seine je eigene Geschichte erzählt.

Das ist umso erstaunlicher, als die Präsentation in Köln nun einen solch geschlossenen, auch komponierten Eindruck hinterlässt, dass kein Kurator sie mit noch so vielen Leihgaben besser hätte entwerfen können. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine epochenübergreifende Bestandsaufnahme dessen, was gemeinhin „Dokumentarfotografie“ heißt, jedoch mit dem von Walker Evans geprägten Begriff „dokumentarischer Stil“ ungleich treffender bezeichnet ist. Die beiden zentralen Gestirne sind dabei der Amerikaner Evans und der Kölner Fotograf August Sander, um die herum die folgenden Generationen von Fotografen wie Planeten kreisen – oder wiederum als deren Monde, etwa die beiden jüngeren Kölner Fotografen Boris Becker und Max Regenberg, die von den Töchtern in die Sammlung eingebracht wurden. Erst auf den zweiten Blick begreift man, dass hier vor allem New York und das Rheinland aufeinandertreffen. Auf Augenhöhe.

Wechselseitiger Einfluss

Angeregt wurden die Bartenbachs unverkennbar durch zwei wegweisende Ausstellungen: „New Documents“, 1967 von John Szarkowski für das MoMA in New York kuratiert, sowie „Cruel and Tender“ die Thomas Weski 2004 mit Emma Dexter für das Museum Ludwig erarbeitet hat. Außerdem sind die Einflüsse der Kölner Galeristen Wilde und Zander so deutlich zu sehen, dass man fast von einer Köln-Ästhetik sprechen mag.

Was dem Ehepaar Bartenbach indes gelang, ist zu zeigen, wie verflochten Strömungen von beiderseits des Atlantiks sind, Bilder einander erhellen und Fotografen sich bei der Suche nach Motiven wie auch der nach einer Bildsprache wechselseitig beeinflusst haben. Dass Walker Evans während seiner Europareise Ende der zwanziger Jahre auf Blossfeldts „Urformen der Kunst“ aufmerksam wurde, bevor er die Gladiolenzüchtungen seines Vaters fotografierte, darf man allenfalls vermuten, mit seinen Porträts von Pachtfarmern aus Alabama aber reagierte er auf August Sanders Aufnahmen von Bauern aus dem Westerwald. Die Bildserie, für die Gabriele und Helmut Nothhelfer seit 1970 Sonntag für Sonntag die Besucher öffentlicher Veranstaltungen beobachten, lässt sich ebenso als Antwort auf Garry Winogrands Zyklus „Women are beautiful“ lesen wie auf Diane Arbus’ Porträts von Spaziergängern in Parks oder Passanten in den Straßen von Manhattan. Und mit ihren Trinkhallen im Rheinland griff Tata Ronkholz in den Siebzigern wiederum eine Motivgruppe von Walker Evans auf.

Bilder sind Reflexionen der jeweiligen Zeit

Auffallend ist die Ausdauer, mit der sich sämtliche Fotografen ihrer oft enzyklopädisch angelegten Serien angenommen haben, über Jahre hinweg, bisweilen ein halbes Leben lang. Und gemeinsam ist ihnen, dass sie sich zuerst als Künstler begreifen oder begriffen haben und erst in zweiter Linie als Chronisten. Die Betonung des Ausstellungstitels liegt deshalb auf „Doing“.

Was das Kunstwerk vom Dokument unterscheidet, hat Kritiker seit Erfindung der Fotografie beschäftigt. Ist das eine ein Meisterstück, das andere ein Lehrstück, wie Walter Benjamin Ende der zwanziger Jahre die Frage zu klären versuchte. Oder sind es gar keine Antipoden? Gilt nicht vielmehr heute als Binsenweisheit, dass nichts so subjektiv ist wie das Objektiv einer Kamera, statt einem antitechnischen Begriff von Kunst zu folgen.

Das Ehepaar Bartenbach umschifft die Debatte, bezeichnet die von ihm gesammelten Fotografien als „ästhetische und gesellschaftliche Reflexion der jeweiligen Zeit“ und spricht von Neugierde, Faszination, auch Betroffenheit. Für Sammler ist das noch immer der beste Antrieb. Und am Ende, wie sich zeigt, profitieren davon alle.

Doing the Document. Fotografien von Diane Arbus bis Piet Zwart. Die Schenkung Bartenbach. Im Museum Ludwig; Köln; bis zum 6. Januar 2019. Der Katalog, erschienen im Verlag der Buchhandlung Walther König, kostet im Museum 25 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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